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Rennreiterin Vogt : Die Frau, die Pferde fühlt

Eine besondere Verbindung zu Pferden: Sibylle Vogt Bild: Imago

Sibylle Vogt ist die erfolgreichste weibliche Jockey in Deutschland. Im Rennen ist sie abhängig von ihrem Pferd. Wie schafft sie es, dass Vollblüter für sie an die Grenzen gehen?

          3 Min.

          Dass Sibylle Vogt so viel redet, liegt daran, dass sie vor wenigen Minuten noch mit 60 bis 70 Kilometern pro Stunde durch die Luft geflogen ist. Ja, es fühlt sich tatsächlich wie fliegen an, sagt sie. Sibylle Vogt ist eine übersprudelnde Person, mit jeder Bewegung, jedem Wort versprüht sie Energie. Wenn sie auf dem Pferd sitzt, wird sie ganz ruhig. Das Pferd, Sybille Vogt, ein Körper, zwei Körper, ein gemeinsames Projekt, schneller sein als alle anderen auf der Rennbahn.

          Aber wollen die Pferde das überhaupt, Frau Vogt? „Wahrscheinlich halten Sie mich für verrückt, wenn ich das sage, aber sie sind Sportler aus Leidenschaft“, sagt sie. Wenn sie das nicht wären, dann wäre Sibylle Vogt wohl nicht hier, auf der Rennbahn in Iffezheim nahe Baden-Baden beim wichtigsten Galopp-Meeting der Saison. „Wir sind von den Pferden abhängig“ sagt Vogt. Schwer zu beschreiben sei das. Wenn sie davon spricht, wirkt es so, als ob ein Energie-Kick durch ihren Körper geht.

          Man könnte sich die Rankings der besten Pferde anschauen, Reit-Techniken der Jockeys studieren, Abstammungslinien recherchieren, Pferdebeine betrachten, Körper deuten, um den Galoppsport ein bisschen zu verstehen. Oder man spricht mit Sibylle Vogt darüber, was die Beziehung zwischen Pferd und Reiter ausmacht.

          Sie streift sich dabei ihre schwarze Schutzweste vom Oberkörper ab. Das Adrenalin flutet ihren Körper. Samstag der 5. September war ein besonderer Tag für die Schweizerin Sibylle Vogt. Sie hat ihr zweites Grupperennen gewonnen, auf Wai Key Star, einem Siebenjährigen. „Ein Opi“, sagt Vogt. Bei Rennpferden liegt der Leistungshöhepunkt zwischen zwei bis fünf Jahren. „Den Oldie, den muss ich einfach machen lassen“, sagt sie. Auf der Rennbahn weiß er, wann er beschleunigen muss. Das Zeichen: Vogt greift die Zügel ein bisschen kürzer, schnalzt einmal, dann verlängern sich die Galoppsprünge des Rennpferds. Nach jedem Sprung spannt sich das Pferd, wie eine Feder. Vogt hält es zusammen, gibt dann Raum, der nächste Sprung, wie einen Pfeil, den sie immer wieder abschießt. Am Sonntagmorgen in der Jockey-Umkleide macht sie es noch einmal ohne Pferd vor: Sie geht in die Hocke, streckt Arme und Oberkörper nach vorne, entlasten, schiebt Schultern und Oberkörper wieder ein wenig zurück – belasten.

          Gruppe-Rennen sind die höchste Kategorie im Rennsport, sie sind in Schwierigkeitsgrade aufgeteilt, das schwerste ist die Kategorie I. So weit ist Vogt noch nicht, aber sie ist schon weit gekommen. Letztes Jahr in Krefeld, beim Busch Memorial, gewann sie ihr erstes Grupperennen. Sie war die dritte Frau in der Geschichte, die das schaffte. Sie ritt Winterfuchs, einen Fuchs mit weißer Blesse. „Ich hatte Freudentränen in den Augen. Der ganze Druck war weg, unbeschreiblich.“ Es ist nicht so, dass es besonders viele erfolgreiche Frauen im Galoppsport gibt. Viele fangen an, aber an die Spitze schaffen es meist nur Männer. Vogt wird unterstützt, von ihrer Trainerin Carmen Bocskai und deren Mann Georg Bocskai, der selbst Champion-Jockey war. „Es ist nicht normal, dass du als Frau überhaupt die Chance bekommst.“

          Nicht jedes Pferd mag jeden Jockey

          Alles oder nichts. Vogt lebt für die Pferde. In der Umkleide ist nichts von ihnen zu sehen. Nur die bunten Oberteile der Pferdebesitzer für die sie reitet, gelb und grün, lila und weiß, hängt Vogt nacheinander an die Garderobenhaken. Sitzt sie auf dem Pferd, sieht so jeder, für wen sie reitet. Ein Rennen nach dem anderen reitet sie an diesem Tag. Ein paar Minuten hat sie meist nur, um sich auf ein neues Pferd einzustellen. „Manchmal schauen die Pferde dich an und mögen dich nicht. Oder ich schaue sie an und mag sie nicht“, sagt Vogt. Antipathie, die gebe es. Ein Pferd sei eben ein Lebewesen.

          Vogt greift sich den kleinen, schwarzen Rennsattel, zieht an den Steigbügelschlaufen, schiebt mit der Hand den kleinen silbernen Metallsteg ins Loch, zwei Loch länger als sonst. Sie reitet als ersten einen Zweijährigen, mit längeren Bügeln ist sie etwas sicherer. Wenn auch verschiedene, sind um Vogt immer Pferde. Jeden Tag steht sie um drei Uhr auf, von fünf Uhr morgens bis halb eins ist sie am Stall. „Die Pferde geben so viel zurück“, sagt Vogt. Bei einem Rennen merkt sie, wenn ein Pferd nicht mehr kann. Im Training merkt sie, wenn ein Pferd nicht sauber galoppiert. Dann bekommt es eine Pause. „Wir machen wirklich alles für die Pferde. Nur sie können uns nicht sagen, wenn sie Schmerzen haben“, sagt Vogt. Manchmal werde das erst gemerkt, wenn es schon zu spät sei.

          Wie ist das Pferd?

          Sie greift nach ihrer weißen Hose, zieht sie über die Strumpfhose. Dann streift sie ihre Sicherheitsweste über und verschließt sie vorne. Darüber das gelb schimmernde Oberteil. Zusammen mit den anderen Jockeys läuft sie zum Fürring, ein sich bewegender Pulk aus bunten Farben. In der Mitte des Fürrings trennen sie sich. Jeder läuft zu Trainer und Pferdebetreuer, wechselt einige letzte Worte. Worauf muss ich achten? Wie ist das Pferd? Dann schwingen sie sich auf die Pferderücken. Was ist während des Rennens das wichtigste? „Alles für das Pferd richtig zu machen“, sagt Vogt. Andrasch Starke zum Beispiel, der sei ein Talent für sich. „Was die Pferde für ihn machen, das ist der Wahnsinn“. Er sei so sensibel für jede Regung, könne sich auf die Pferde einlassen.

          Wenn Sibylle Vogt auf dem Pferderücken sitzt, dann muss sie nicht sprechen. Sie spürt den Körper unter sich, Motivation, Erschöpfung. Alles, was so ein Körper transportiert. Sie fühlt wie das Pferd unter ihr atmet, sich der Bauch aufbläht. Der Zweijährige kommt gut aus der Kurve. Vogt hat ein ernstes Gesicht, sie fliegt auf dem Vollblüter vorbei, fällt im Feld zurück. Sie merkt, sie ist so nah am Ziel, aber sie schafft es nicht als Erste. Galoppiert dann auf der Bahn locker aus. Diesmal nicht. Aber sie ist sich sicher: „Manche, die wollen gewinnen.“

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