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Schießsport : Für Reitz liegt das Schussglück auf dem Rasen

  • -Aktualisiert am

Treffsicher: Christian Reitz auf dem Schießstand des Schützernvereins Kriftel Bild: Frank Röth

Christian Reitz aus Kriftel bei Frankfurt hat die Schnellfeuerpistole im Griff. Der Juniorenweltmeister und Experte für vierblättrige Kleeblätter will zu den olympischen Spielen.

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          Dass Christian Reitz ständig vierblättrige Kleeblätter findet, hat nichts mit Glück zu tun. Es liegt vielmehr an der Sportart, die er ausübt. Reitz ist Sportschütze und mit der Schnellfeuerpistole auf dem besten Weg, sich für die Olympischen Spiele in Peking zu qualifizieren. Vom Zielen bei fast 30.000 Schuss pro Jahr ist seine Auge so geschult, dass er auf dem 25 Meter langen Rasenstück zwischen Schießstand und Zielscheibe immer wieder kurz stehenbleibt, sich bückt und zielsicher nach den grünen Glücksbringern greift.

          Er findet, ohne zu suchen und ist, derart begabt, eine echte Frohnatur – für seinen Trainer Detlef Glenz der Grund, warum er überhaupt erfolgreich sein kann. „Er geht mit einem Lächeln auf den Lippen an den Start und hat immer Spaß beim Schießen, deshalb können ihm seine Nerven nichts anhaben.“

          Nervenstarker Junior

          Anfang Mai muss sich Reitz in Suhl im Thüringer Wald gegen vier Mitbewerber durchsetzen, unter ihnen auch der dreifache Olympiasieger Ralf Schumann und Marco Spangenberg, der Weltmeister von 2002. Die besten Drei schießen dann bei den Weltcups in München und Mailand um zwei Startplätze für die Spiele in Peking. Reitz ist erst in diesem Jahr zu den Aktiven gewechselt.

          Ralf Schumann hat er gleich beim ersten Aufeinandertreffen in Wiesbaden geschlagen, kurz darauf gewann er in Rio de Janeiro seinen ersten Weltcupwettbewerb – auf Anhieb war das vorher noch keinem Junior gelungen. Bundestrainer Peter Kraneis freut sich über den Druck aus dem eigenen Nachwuchslager. „Er ist konstant und unbekümmert, hat starke Nerven – ich sehe ihn und Ralf Schumann derzeit als stärkste Olympiakandidaten.“

          Eine Salve in vier Sekunden

          Sein großer Vorteil liege darin, dass er sich, anders als ältere Schützen, nicht allzu lange an die alten Waffen gewöhnt habe und weniger drastisch umlernen musste, sagt Kraneis. Bis Ende 2004 absolvierten die Schnellfeuerschützen ihre zwölf Serien, bei denen innerhalb von vier, sechs oder acht Sekunden nacheinander auf fünf Scheiben geschossen wird, mit einer Spezialwaffe.

          Statt der heute in den meisten Disziplinen üblichen 1000 Gramm Abzugsgewicht waren damals nur 75 Gramm nötig. „Man musste den Schuss nur denken“, sagt Glenz, „die Umstellung war für die alten Hasen wie Schumann natürlich drastisch.“ Die Gefahr, dass die Waffe durch den Rückschlag aus der Achse gerissen wird, ist jetzt größer, der Kraftaufwand höher.

          Gutgelaunter Perfektionist

          Im Training hat Reitz den Bewegungsablauf immer wieder in seine Einzelteile zerlegt. Erst hat er nur das Heben des Armes geübt und den ersten Schuss, dann die Drehung von einer Scheibe zur nächsten. Ein kleiner Computer zeigt ihm, wann genau er gefeuert hat, und wenn der letzte Schuss in der Vier-Sekunden-Serie bei 3,67 Sekunden erfolgte, dann reicht ihm das nicht aus. „Ich müsste bei 3,8 Sekunden schießen, die Zeit voll ausschöpfen“, sagt Reitz, der bei aller guten Laune auch ein Perfektionist ist.

          Abends geht er Joggen, seine Mittagspause im Studium nutzt er für ein Kraftprogramm, damit Arm und Rumpf beim Schießen stabil bleiben. Gemeinsam mit Hochspringerin Ariane Friedrich und Schwimmerin Annika Mehlhorn gehört Reitz zum ersten Jahrgang einer neu eingerichteten Sportfördergruppe der hessischen Bereitschaftspolizei. Sein Theoriestudium absolviert er an der Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden. „Dass er hierher ziehen konnte, war wie ein Sechser im Lotto. Er hat ideale Trainingsbedingungen und eine super Ausbildung“, sagt Glenz. Auf keinen Fall wollte Reitz zur Sportfördergruppe der Bundeswehr.

          Stress als Teil des Trainings

          Auf einem Schulwandertag im sächsischen Löbau wurde der heute Zwanzigjährige 1997 von Erfolgstrainer Edmund Bader entdeckt. Inzwischen ist sein neuer Trainer Glenz für den Junioren-Weltmeister von 2006 und zweifachen Junioren-Europameister von 2007 ein Ersatzvater fern der Heimat geworden. Der bringt ihn im Training bisweilen absichtlich aus der Fassung, stört ihn unvermittelt, damit er umzugehen lernt mit Stresssituationen.

          Denn Techniken wie autogenes Training und progressive Muskelentspannung können ihn nicht vorbereiten auf plötzlich auftretende Waffenprobleme. Oder auf Kampfrichter wie in Rio, die viel zu spät oder unverständlich ihre Kommandos aussprechen. „Seine große Coolness kommt daher, dass er diese Situationen häufiger als andere erlebt hat. Christian ist für sein Alter mit allen Wassern gewaschen“, sagt Glenz.

          Tischtennis zum Ausgleich

          Vor Höhepunkten wie der Olympiaqualifikation trainiert Reitz täglich zwei Mal. Glenz, früher selbst in der Nationalmannschaft, ist immer für ihn da. Falls das Schießtraining keinen Spaß macht, liefern sich die beiden einen heißen Kampf an der Tischtennisplatte – auch das ein optimales Training für die Hand-Auge-Koordination beim Schießen und ein Grund, warum Reitz Kimme und Korn so souverän in Einklang bringt.

          Eine Dominanz wie einst Schumann wird mit den neuen Waffen laut einhelliger Expertenmeinung wohl niemand mehr entwickeln. So fahren Deutsche, Russen und Chinesen mit ähnlichen Medaillenhoffnungen nach Peking. Tagesform und Schussglück sind wichtiger als noch vor vier Jahren. Glenz, 1996 Ersatzmann für die Olympischen Spiele, hofft, dass Reitz in Peking starten darf. „Das wäre weit mehr, als wir uns vorgenommen hatten. Er hat also keinen Druck und könnte völlig angstfrei schießen.“

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