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Tour de France : Das Tagebuch des Jonas Rutsch

  • -Aktualisiert am

Aber zwischenzeitlich hat es sich angefühlt, als ob mir einer mit einem Amboss auf die Schulter drischt. Ich habe jede Unebenheit auf dem Asphalt gespürt und manchmal dachte ich: Jetzt haut‘s mich auf dem Auflieger zusammen. Besonders bei den beiden „Speed Bumps“ auf der Strecke. Über den einen sind wir, weil es leicht bergab ging, mit Tempo 60 gefahren. Da habe ich echt die Luft angehalten.

Wir sind den Zeitfahrkurs vorher im Team abgefahren. Als ich im Starterzelt war vor dem Zeitfahren hat es pünktlich angefangen zu regnen. Was bei diesem technischen Kurs mit vielen engen Kurven ein ziemlicher Nachteil ist. Einmal bin ich tatsächlich fast wieder abgeflogen vom Rad. Ich hatte mir eine Kurve, die spitz zulief, nicht richtig gemerkt. Da hatte ich echt mehr Glück als Verstand, dass ich auf dem Sattel geblieben bin. Ich war froh, als es vorbei war. Denn eines ist ja klar: Noch ein Sturz und es ist wohl Feierabend für mich bei der Tour. Aber auch ohne weiteren Abflug werde ich weiter ehrlich und realistisch reinhorchen in die Schulter. Es ist zwar die Tour, meine erste Tour, aber ich will meinen Sport längerfristig ausüben.

Die letzten Nächte waren besser. Ich bin zumindest nicht mehr aufgewacht mit Schmerzen in der Schulter. Es geht also aufwärts bei mir. Und am Wochenende sind wir auch schon in den Alpen angelangt. Da geht es dann auch auf der Strecke aufwärts.

Tag 10: Da war ich aber froh, als mir am Sonntag im Ziel in Tigne (2107 Meter) unser Teambetreuer sofort Gummibärchen hingehalten hat. Die habe ich mir regelrecht in den Mund geknallt – so dermaßen unterzuckert war ich. Es war zwar ein ungemein harter, aber ein sehr guter Tag für mich.

Es fühlte sich an wie „Heavy-Weight“-Radfahren. Man war nass bis auf die Knochen, die Klamotten waren so vollgesogen, als ob man in einen See gesprungen wäre. Und dazu diese Kälte! Unter zehn Grad. Da friert jeder erbärmlich. Die Frage ist nur, ob man sich davon einlullen lässt und gedanklich jammert, was es nicht besser macht. Oder ob man es ausblenden kann im Wissen, dass an solchen Tagen jeder im Peloton leiden wird. Es ging am Sonntag über vier Alpen-Gipfel – bei den Abfahrten habe ich richtig geschlottert, weil man auf diesen steilen, kurvenreichen und nassen Straßen dann kaum noch treten konnte. Da habe ich fast auf den nächsten Anstieg gehofft, um wieder ein bisschen wärmer zu werden.

Ich weiß, warum ich bei dieser Tour bin und was meine Aufgabe ist. Es gilt unseren kolumbianischen Kapitän Rigoberto Uran zu unterstützen. Bei solchen Alpen-Etappen wie am Wochenende lässt es sich nicht planen, welcher Helfer wie lange noch bei ihm bleiben kann. Man hat ja gesehen, wie viele Fahrer bei diesen Bedingungen einen, ich nenne es mal: Motorplatzer hatten oder regelrecht erfroren sind auf dem Rad. Wenn man einmal leer ist, ist man leer – dann geht nichts mehr.

Ich habe es tatsächlich geschafft, bis acht Kilometer vor dem Ziel bei „Rigo“ in der Gruppe der Favoriten zu bleiben. Die Aussicht auf den Ruhetag am Montag war Extramotivation, nochmal alles, was ich habe, in die Pfanne zu hauen. Erst auf den letzten steilen Rampen musste ich reißen lassen. „Rigo“ liegt jetzt auf Rang drei im Gesamtklassement. Am Sonntagabend hat er sich herzlich bei mir bedankt und mich gelobt. Er war überrascht, dass ich ihm trotz meiner Körpermaße in den Bergen so lange helfen konnte. Mit 1,97 Metern und 80 Kilogramm (beim Tour-Start waren es noch 81) wird aus mir natürlich kein Bergfahrer, nur weil ich jetzt mal schnell berghoch gefahren bin. Aber von ganz ungefähr kommt meine Leistung auch nicht.

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