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Radprofi Jonas Rutsch : Das dramatische Jahr des „dicken Deutschen“

  • -Aktualisiert am

In Australien zu Jahresbeginn machte Jonas Rutsch mächtig Eindruck auf das Publikum. Bild: Picture-Alliance

Wer ist das denn? Radprofi Jonas Rutsch verblüffte auf Anhieb im Peloton. Doch dann gab es einige Rückschläge im ersten Radsport-Profijahr. Der Tiefpunkt war ein missglückter Corona-Test mit schwerwiegenden Folgen.

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          Jonas Rutsch ist jetzt genau ein Jahr lang dabei. Ein Jahr lang Profi eines WorldTour-Teams. Und hat in seinem Premierenjahr 2020 schon die volle Dosis davon abbekommen, was den Radsport für seine Protagonisten so körperlich zehrend, mental brutal und emotional hochtourig macht. In Summe, sagt Rutsch, sei er „zufrieden“ mit seinem Einstieg. „Aber es war ein ständiges Auf und Ab wie in der Achterbahn“, sagt der 22-Jährige.

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          Für den Neuling bot die Saison 2020 viel Stoff, den der Erbacher auf seine Festplatte heben konnte. Da war zum Beispiel jener Tag im Februar, von einer den Radsport hart auf die Probe stellenden Pandemie war noch keine Rede. Beim Klassiker Omloop Het Nieuwsblad bahnte sich der größte Auftritt seiner jungen Karriere an – ehe er der vermeintlichen Gunst der Stunde in Slapstick-Manier den Garaus machte. Was war passiert? Der Jungprofi befand sich 75 Kilometer vor dem Ziel in der Ausreißergruppe, deren Mitglieder letztlich den Sieg unter sich ausmachten. Doch Rutsch verhedderte sich beim Ausziehen seiner Regenjacke heillos in dem Stoff – und musste die Gruppe und seine Hoffnungen fahren lassen.

          Der Odenwälder hatte sich zuvor im Eiltempo einen Namen im Peloton gemacht. Bei den Saisonauftaktrennen in Australien hatte er sich nicht als Lehrling, sondern als Schwungrad für sein Team EF präsentiert. In australischen Zeitungen fragte man sich, wer denn dieser „dicke Deutsche“ sei, der trotz seiner 1,97 Meter Körperlänge samt 82 Kilogramm Gewicht so erstaunlich flott die Berge hinauffährt. Rutsch beeindruckte in den ersten Saisonwochen mit seiner Kraft und seinem großen Rennfahrerherzen. Und dann die Vollbremsung, das neue süße Leben als unbeschwerter, um die Welt jettender Neuprofi wurde jäh gestoppt – Corona. Es sei nicht leicht gewesen, als unerfahrener Fahrer einen Umgang mit der ungekannten Situation zu finden, so Rutsch. „Ich war zu verbissen. Im Nachhinein war es Schwachsinn, hart zu trainieren – für nichts.“

          Flucht vor der Ungewissheit

          In den ersten Lockdown-Wochen war Radfahren für ihn wie eine stundenlange Flucht vor der Ungewissheit. Vor den Stimmen, dass der transkontinentale Wanderzirkus Radsport vom Virus in die Knie gezwungen werden könnte. Just dann, als er den langen entbehrungsreichen Weg in die erste Liga seines Sports geschafft hatte. Zwischen Anfang März und Anfang August fuhr Rutsch kein einziges Rennen. Nur auf digitalen Plattformen. „Das ist knochenharte Arbeit“, sagt er. „Es fühlt sich an wie ein Käfig, in dem man 50 Minuten bis zur Kotz-Grenze strampelt.“

          Auf den Wiederbeginn der Straßensaison folgt für den Wahl-Wiesbadener schon Ende August der Tiefpunkt des Jahres. Kurz vor dem Eintagesrennen Bretagne Classic im Hotelzimmer misst Rutsch 40 Grad Fieber bei sich. Schuld war ein missglückter Corona-Test, bei dem eine Ärztin ihm eine Verletzung im Rachen zufügt hatte, der sich entzündete. Freilich stand sofort eine mögliche Covid-Infektion im Raum. Und so durfte Rutsch in kompletter Isolation mit dauerhaft knapp 40 Grad Fieber fünf Tage das französische Hotelzimmer nicht verlassen.

          Privates Trainingslager auf Mallorca

          Wieder daheim und scheinbar genesen, kam Rutsch körperlich kaum wieder in die Gänge. Er ließ ein großes Blutbild anfertigen, das Ergebnis kam, als er gerade in Belgien Klassikerstrecken besichtigte: Pfeiffersches Drüsenfieber. Ende September kehrte er in der Rennbetrieb zurück, gerade noch rechtzeitig für die in den Herbst verschobenen Klassiker. Bei Gent–Wevelgem zog er sich bei einem Sturz eine schmerzhafte Handverletzung zu. Was die Teamleitung aber nicht davon abhielt, Rutsch für die Flandern-Rundfahrt zu nominieren. Der Erbacher war dort angekommen – bei einem der prestigeträchtigsten Rennen –, wovon er zuvor nur geträumt hatte. „So ein Rennen über 243 Kilometer war sehr gut für meine Entwicklung“, so Rutsch.

          Mitte November hat der Profi das Training aufgenommen für die Saison 2021, an deren Ende sein Vertrag bei der amerikanischen Equipe ausläuft. In Zeiten von schrumpfenden Budgets und Mannschaftskadern im Radsport wird der Hesse kämpfen müssen für die Fortsetzung seiner Karriere erster Klasse. Kurz vor Weihnachten haben Rutsch und der Oberurseler Profi John Degenkolb noch ein gemeinsames privates Trainingslager auf Mallorca absolviert. Für ein Jahr mit etwas mehr Stringenz und weniger Achterbahn. Ob es schon für die Teilnahme an seiner ersten dreiwöchigen Landesrundfahrt langt? „Ich“, sagt Rutsch aus der Erfahrung seines Premierenjahres, „verschließe mich vor nichts.“

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