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Radsport : Der radelnde Ritter

Mit dem Meister radeln - der Franzose Laurent Jalabert hat im Taunus mit einer Gruppe von Hobby- und Amateurfahrern eine Runde gedreht. Bei der Tour de France freut er sich auf eine neue Perspektive. Er fährt Motorrad.

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          Vorne zieht ein Traktor seinen Anhänger voller Strohballen schwerfällig über die Straße, das Feld der Rennradler zieht links an ihm vorbei, nur der Mann im rot-weißen Trikot nimmt die Schikane. Springt mit seinem Carbonrenner bei Tempo 35 mit einem Satz über die Bordsteinkante auf den Gehweg, zischt vorbei und springt vorne wieder ins Feld zurück. "Der sitzt schon klasse auf dem Rad", sagt Mario Schmidt, der für den VC Frankfurt Radrennen fährt und bei einem Jahrespensum von 25000 Kilometern auch nicht gerade wie ein Anfänger auf seinem Velo wirkt. Aber Laurent Jalabert dort vorn, das ist noch einmal eine andere Radsportwelt, das ist einer der großen Rennfahrer der vergangenen Jahre, ein französischer Nationalheld mittlerweilen. Am Montag ist er zu einem Termin beim Deutschlandvertrieb seines Vertragspartners Look nach Bad Camberg gekommen, eine ausgewählte Schar von Geschäftspartnern und Amateurrennfahrern, darunter auch Hessenmeisterin Doris von Nessen, durften mit dem Meister radeln, fünfzig Kilometer durch den Taunus, da schwante manch einem Böses. "Ich bin so was mal mit Bölts gefahren", erzählt einer, "für den war das Schwangerschaftsgymnastik, mir hat es am ersten Berg die Schuhe ausgezogen."

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Jalabert läßt es, freundlich wie er ist, gemütlicher angehen, zwar steht am Ende auch ein Dreißigerschnitt auf den Radcomputern, und ein paar müssen dem mitgeführten Übergewicht Tribut zollen und in den Besenwagen umsteigen, aber letztlich bleibt das Tempo doch im Rahmen des Erträglichen.

          Drei Kilogramm hat Jalabert zugelegt, seit er im vergangenen Herbst seine einzigartige Karriere ausklingen ließ, aber das stört ihn nicht, im Gegenteil. "Du mußt nach fünf Jahren nicht aussehen wie Eddy Merckx", sagt er über den mittlerweile beträchtlichen Körperumfang des größten aller Rennradler. "Aber ein paar Kilo mehr müssen sein, denn als Rennfahrer siehst du ja nicht normal aus. da siehst du aus wie ein Kadaver." Diese dürre Radzeit ist für ihn vorbei, nach mehr als 600000 Kilometern, die er in seinen dreizehn Jahren als Profi auf dem Rad abgespult hat. Bei der Tour de France hat er im vergangenen Jahr seine Abschiedsrunde gedreht, dann ist er noch ein bißchen übers Land getingelt, nun ist Schluß, mit 34 Jahren.

          Jalabert gehört zu den ganz großen französischen Rennfahrern. Er hat 139 Siege errungen, führte fast vier Jahre lang die Weltrangliste an, war Weltmeister im Zeitfahren, hat die Spanienrundfahrt gewonnen, Mailand-San Remo, dreimal hintereinander Paris-Nizza, den Wallonischen Pfeil, er gewann bei der Tour de France das Grüne Trikot und zweimal war er der beste Bergfahrer auf der großen Schleife durch Frankreich. Für all das und für sein stets tadelloses Auftreten hat ihn Staatspräsident Chirac zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen.

          Das süße Gefühl des Siegens hat Jalabert einmal mit dem Gefühl verglichen, sich zu verlieben, einzigartig. Nun, da die Zeit der Siege vorüber ist, vermißt er die großen Momente? "Nein", sagt er, "du kannst nicht dein ganzes Leben lang ein Star sein. Für mich ist der Entschluß aufzuhören, ein großer Sieg gewesen. Und wenn ich große Siege noch einmal sehen will, dann habe ich viele, viele Videokassetten, die ich einlegen kann." Jalabert lacht, er braucht die Kassetten nicht, er hat kein Problem mit der Zeit danach. "Ich hatte einfach keine Lust mehr, Opfer zu bringen, ich war das Radfahren leid". Nun hat er mehr Zeit für seine Frau und die vier Kinder, aber so ganz zum seßhaften Familienmenschen ist er nicht geworden. "Ich liebe es zu reisen", sagt er. "Ich war immer unterwegs und deshalb kann ich jetzt nicht einfach stehen bleiben. Wenn ich zu lange stehen bleibe, falle ich um."

          Auf dem Rad sitzt er nur noch selten, zwei-, dreimal die Woche für zwei Stunden, manchmal auch als Patron eines Sozialprojektes der Societe du Tour de France, in deren Auftrag er mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten radelt.

          Wenn am 5.Juli in Paris die Tour de France beginnt, wird Jalabert dabei sein, auf dem Rücksitz eines Motorrads, als Kommentator des französischen Fernsehens. Ob er dabei etwas anderes sehen wird als einen einsam dominierenden Lance Armstrong? Der verschmitzte Jalabert wird diplomatisch. Ullrich sei ja auch wieder dabei, Telekom schicke eine starke Mannschaft, und wer weiß, vielleicht könne sogar Tyler Hamilton von seinem alten CSC-Team zur Stelle sein, falls Armstrong eine Schwäche zeige. Und Ullrich? "Um die Tour zu gewinnen, brauchst du eine sehr gute Form, eine sehr gute Moral und ein sehr gutes Team." Letzteres kann Jalabert im neuen Team des Deutschen, dem Coast-Nachfolger Bianchi, nicht erkennen. Die Mannschaft sei nicht sehr stark, sagt er, aber weil er hier in Deutschland ist und ein höflicher Mensch obendrein, fügt er die Bemerkung hinzu, daß es auch schon Fahrer gegeben habe, welche die Tour ohne große Mannschaft gewonnen hätten. Greg Lemond etwa 1989, der war fast alleine unterwegs. Aber sein Gegner damals hieß Laurent Fignon - und nicht Lance Armstrong.

          Ob Ullrich bei CSC und seinem alten erfahrenen Kumpel Bjarne Riis besser aufgehoben gewesen wäre? "Das kann gut sein", sagt Jalabert. Warum Ullrich zu Coast gegangen ist? "Keine Ahnung, wenn es nur wegen des Geldes war, dann war es ein Fehler, denn wenn du die Tour gewinnen willst, dann darfst du nicht nur auf das Geld schauen. Dann mußt du überlegen, was du willst: Geld oder die Tour gewinnen." Alles in allem keine allzu guten Prognosen für den deutschen Radstar. Hat er eine Chance, Armstrong zu schlagen? "Er hat eine bessere als ich", sagt Jalabert, der angehende Kommentator.

          Für Hobbyrennradler noch ein Tip vom Meister: Der härteste Anstieg? "Der Galibier", sagt Jalabert. Dreißig Serpentinen, "genau das Richtige, um mit dem Motorrad hinaufzufahren."

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