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Radsport : Alles neu für Degenkolb

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Neue Rahmenbedingungen: John Degenkolb will im neuen Team wieder durchstarten. Bild: Picture-Alliance

Radprofi Degenkolb will bei Lotto-Soudal wieder vorankommen. Wenn er bei der Valencia-Rundfahrt seine Rennsaison eröffnet, beginnt für ihn nicht nur der Wettbewerb auf der Straße, sondern auch der Kampf um die Hierarchie.

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          Ankommen im neuen Team, die neuen Kollegen kennenlernen, einleben in der neuen Umgebung, wieder in Form kommen. Das alles hat John Degenkolb in diesem Winter schon bewältigt. Doch wenn der Radprofi an diesem Mittwoch bei der Valencia-Rundfahrt seine Rennsaison eröffnet, beginnt für ihn nicht nur der Wettbewerb auf der Straße, sondern auch der Kampf um die teaminterne Hierarchie. Degenkolb muss Ergebnisse liefern. Die Führungsrolle, die er qua seiner Vita und Erfahrung anstrebt, wenn nicht sogar beansprucht, muss er sich erst verdienen.

          Dabei ist aus dem einstmals jungen Jäger eigentlich längst ein reifer Protagonist geworden. Der 31-Jährige geht immerhin schon in seine zehnte Saison im zehrenden Räderwerk des Profiradsports mit seinen harten Verdrängungsprozessen. „Ich bin bei uns einer der Fahrer mit den meisten Jahren und Rennen auf dem Buckel. Diese Erfahrung teile ich gerne mit den Jüngeren im Team“, sagt Degenkolb.

          Der in Oberursel heimisch gewordene Athlet steht nach seinem Wechsel zum belgischen Team Lotto-Soudal vor einem für den Fortgang seiner Karriere bedeutenden Jahr. Alles verdichtet sich zu der Frage: Ist Degenkolb noch ein Mann für die großen Siege? Ist er ein Rennfahrer, der auf seinem bevorzugten Terrain, den Frühjahrsklassikern, noch zu besonderen Höchstleistungen im Sattel imstande ist? „Das Team baut auf meine Fähigkeiten, Rennen zu gewinnen“, sagt Degenkolb selbst. Nur wartet er nun schon fast auf den Tag genau ein Jahr lang auf einen Sieg.

          Tour de France kein zweites Mal entgehen lassen

          Im Februar 2019 glückte ihm ein Tageserfolg bei der unterklassigen Tour de la Provence. Damals schien die in Summe missglückte dreijährige Liaison mit dem amerikanischen Rennstall Trek-Segafredo doch noch mal in Schwung zu kommen. Als Degenkolb aber nicht für die Tour de France nominiert wurde, war die Trennung mit Ablauf des Vertrages am Jahresende bereits absehbar geworden. Bei der Vuelta a España brachte er es in drei Wochen nur auf ein einziges Top-Ten-Ergebnis. Im Frühjahr hätten die Klassiker Gent–Wevelgem und sein Heimrennen Eschborn–Frankfurt die Bilanz retten können. Letztlich landete er jeweils knapp geschlagen auf Rang zwei.

          Degenkolb jagt noch immer seinem Fabeljahr 2015 nach, das ihn dank des Gewinns der Monumente Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix innerhalb weniger Wochen in die Beletage des Pelotons beförderte. Doch ein schwerer Trainingsunfall im Januar 2016 in Spanien unterbrach seinen Lauf jäh – und nachhaltig. Der emotionale Tour-Etappensieg in Roubaix 2018 blieb seitdem der einzige große Triumph.

          Nun setzt Degenkolb auf die Kraft des Neuen, die sein Wechsel zu Lotto-Soudal freigesetzt hat. In diesem Winter, so der Familienvater, sei bei ihm „kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Es fühlt sich an wie ein kompletter Umbruch.“ Neuer Trainer, neue Programme, neue Teamkultur und nicht zuletzt neues Material. Wenn man weiß, wie sensibel die Profis auf jede kleine Veränderung an ihren Rennmaschinen reagieren, dann bedeuten neue Pedale, Sattel, Lenker und weitere Komponenten eine kleine Revolution. „Ich war sehr offen für den neuen Input. Mal schauen, wie es sich auf die Form auswirkt“, sagt Degenkolb, der im Winter drei Trainingslager – zwei auf Mallorca, eins in Portugal – absolviert hat. Er spüre, wie „die Spritzigkeit“ vorhanden sei. „Zudem sind mein Körpergefühl und die Wattwerte um einiges besser als im Vorjahr.“

          Lotto-Soudal strebt im Frühjahr mehr Schlagkraft und Erfolg bei den Klassikern an. In der radsportbegeisterten Nation sind diese mitunter mehr wert als Etappenerfolge bei den großen Landesrundfahrten. Und exakt für dieses Unterfangen ist neben Degenkolb auch der belgische Radheroe Philippe Gilbert (zuvor bei Deceuninck-Quickstep) verpflichtet worden. Wobei Degenkolb begrüßt, dass der schon 38-Jährige bei aller teaminternen Konkurrenz um die Kapitänsrolle auf Kooperation setzt. „Die Kombination von Philippe und mir ermöglicht es uns, im Rennen mehrere Karten auszuspielen“, erklärt Degenkolb. Während Gilbert für seine offensive Fahrweise bekannt ist, die ihm schon viele große Siege im Stile eines Solisten gebracht haben, geht Degenkolb die Rennen defensiv an und kann seine Fähigkeiten am besten im finalen Sprint aus einer kleinen Gruppe heraus ausspielen. Der Oberurseler glaubt, dass es ein „erfolgreiches Geben und Nehmen“ werde zwischen ihm und Gilbert.

          Auch mit einem verdichteten Rennprogramm geht Degenkolb in diesem Jahr in seiner neuen Mannschaft neue Wege. Natürlich bleibt alles auf die wichtigsten Klassiker Mailand–Sanremo, Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix ausgerichtet. Doch wird er im Gegensatz zu früher vermehrt Renntermine in Italien – zum Beispiel bei Strade Bianche – wahrnehmen. Von nun an bei der Valencia-Rundfahrt bis Paris–Roubaix am 12. April wird Degenkolb nur an einem Wochenende kein Radrennen fahren. Erst nach Roubaix, das ihm unlängst die große Ehre zuteilwerden ließ, ein Kopfsteinpflasterstück nach ihm zu benennen, warten immerhin drei Wochen Pause auf ihn, ehe er am 1. Mai bei Eschborn–Frankfurt vor der eigenen Haustür wieder besonders im Blickpunkt stehen wird. Im Sommer dann, versichert Degenkolb, will er sich die Tour de France kein zweites Mal entgehen lassen.

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