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Rasante Balljagden mit Pferd : „Polo befindet sich im Umbruch“

Voller Fokus auf den Ball beim Polo Cup in Oberursel. Bild: Tom Wesse

In Deutschland ist Polo eine Randsportart. Neue Varianten wie „Beach Polo“ und „Polo in the Park“ sollen das Spiel verständlicher machen, es dem Publikum näherbringen – und Sponsoren anziehen.

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          Im Galopp rasen die sechs Pferde über das Feld. Stumpf ist das Aufschlagen ihrer Hufe zu hören, die aufgewirbelte Erde hinterlässt einen hellbraunen Staubschleier in der Luft. Den Oberkörper auf seinem Schimmel nach vorne gebeugt, setzt sich Christopher Kirsch von der Gruppe ab. Doch einer seiner Gegner hat ihn nur wenige Augenblicke später wieder eingeholt, die muskulösen Schultern ihrer Pferde stoßen aneinander. Mit dem rechten Arm holt Kirsch weit aus. Der Schläger prallt gegen den am Boden liegenden Ball, biegt sich – und katapultiert den Ball zwischen die Torpfosten.

          Anna Schiller
          Volontärin.

          Vier internationale Teams spielten am vergangenen Wochenende auf dem Feld an der Niederstedter Straße in Oberursel um den Sieg beim Polo Cup, einem Turnier im Rahmen der German Polo Tour. Am Ende schaffte es Kirsch mit seinem Team zwar nur auf den zweiten Platz. Doch sein Ziel, den Polosport bekannter zu machen, hat der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft erreicht: „Wir haben ein packendes Turnier geboten“, sagte er bei der Siegerehrung.

          Randsportart in Deutschland

          Der Polosport ist eigentlich in einem anderen Land zuhause: Im internationalen Vergleich sind argentinische Spieler das Maß der Dinge. Dabei gelangte die Sportart über einen Umweg dort hin. Die britischen Kolonialherren brachten Polo aus Indien nach Europa, und schließlich nach Südamerika.

          In Deutschland gehört der Sport mit 28 Klubs und etwa 400 Spielern zu den Randsportarten. Seit 2012 macht die German Polo Tour in Oberursel Station. Dem Polo haften viele Vorurteile an: Der Sport sei elitär, die Spieler auf dem großen Feld entrückt, die Regeln zu kompliziert, heißt es oft.

          Das will Kirsch ändern. Seit 2010 richtet er mit seiner Veranstaltungsagentur die German Polo Tour aus. „Polo befindet sich im Umbruch“, sagt Kirsch. Varianten, die von den klassischen Regeln abwichen, das „Beach Polo“ oder „Polo in the Park“ etwa, machten den Sport publikumsnäher, leichter verständlich – und für Sponsoren besser vermarktbar.

          Auch das Publikum in Oberursel bekam Polo in the Park zu sehen. Das Feld ist kleiner als bei klassischen Turnieren; an der Niederstedter Straße 180 Meter lang und 70 Meter breit. „Wir sind näher am Publikum, das hat einen ganz besonderen Reiz“, sagt Kirsch. Durch einen weißen Lattenzaun getrennt, galoppierten die Pferde wenige Meter entfernt an den Zuschauern vorbei.

          Drei Tiere pro Partie

          Unaufmerksam durften sie nicht sein: Hier und da landete ein Torschuss hinter dem Zaun. Anstatt vier, treten beim Polo in the Park für jede Mannschaft drei Spieler an. So blieb den Pferden auch in Oberursel noch ausreichend Platz für rasante Balljagden, die vom Publikum mit Applaus quittiert wurden. Männer und Frauen spielen im Polo zusammen. Was zählt, ist das Handicap der Spieler: Die Teams werden so zusammengestellt, dass sie in etwa gleich stark sind.

          Ein Spiel besteht aus sechs Abschnitten, Chukka genannt, die jeweils vier Minuten dauern. Weil die Einsätze für die Pferde äußerst anstrengend sind, stehen jedem Reiter pro Partie drei Tiere zur Verfügung. Nach jedem Chukka werden die Pferde im Rotationsmodus ausgewechselt. Alle drei Runden bekam das Publikum so Kirschs Lieblingspferd, den Schimmel, zu sehen.

          Anstatt mit einem kleinen Plastikball wird mit einem leuchtend orangefarbenen Lederball gespielt, der zwischen die Torstangen geschossen werden muss. Das Spiel laufe flüssiger, weil der aufgepumpte Lederball nicht in Mulden auf dem Feld liegen bleibe, sagt Kirsch: „Der Ball ist besser zu sehen, das Spiel dynamischer – das macht diese Variante telegener.“

          Das Team „Meine Bank“ feiert ausgelassen bei der Siegerehrung.
          Das Team „Meine Bank“ feiert ausgelassen bei der Siegerehrung. : Bild: Tom Wesse

          Am Tag vor dem Turnier tätschelt Kirsch eines seiner Pferde. „Poloponys sind windige, kompakte Kraftpakete“, sagt er. Unter dem haselnussbraunen Fell zeichnen sich Muskelstränge ab. In vielen Poloponys stecke englisches Vollblut und argentinisches Wildpferd. „Sie verbinden die Rennbahn mit einem gechillten Gemüt“, sagt Kirsch.

          „Mein Pferd und ich bilden eine Einheit“

          Und in der Herde – ihrer Mannschaft – fühlten sie sich besonders wohl, wahre Teamplayer seien sie. „Ich spiele eigentlich in zwei Teams: Mein Pferd und ich bilden eine Einheit und wir sind wiederum Teil der Mannschaft“, sagt Kirsch. Den Spielern gehe es um die Ehre, Preisgelder gebe es bei der German Polo Tour nicht zu gewinnen. „Der Spaß geht dann verloren.“ Fairplay sei wichtiger, als um jeden Preis Tore zu erzielen.

          Die Sicherheit von Pferd und Reiter stünde an erster Stelle: „Ein Tor ist nicht wert, was die Gesundheit der Pferde wert ist“, sagt Kirsch. Dass er am Ende auf dem Podest nicht ganz oben stand, nahm er gelassen: „Als Gastgeber war ich hanseatisch zurückhaltend“, sagte der in der Nähe von Hamburg lebende Kirsch.

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