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Oldtimer-Rallye : Tausend Meilen Ausnahmezustand

Magnet Mille Miglia: Die Ankunft in Rom – bei Nacht und auf abgesperrten Straßen. Bild: Andrea Diener

Der Marburger Klaus Sartorius ist einer der wenigen privaten Teilnehmer an der Oldtimer-Rallye Mille Miglia.

          4 Min.

          Die Startnummer 144 ist rot, stromlinienförmig, Baujahr 1952 und hat ein Marburger Kennzeichen. Gerade brummt sie gemächlich über den Domplatz von Brescia und reiht sich zwischen ihre Zeitgenossen ein, alte Alfa Romeos und Fiats. Noch drei Stunden bis zum Start, letzte Blicke auf die Routenbeschreibung, beste Wünsche von Freunden und Fachgespräche mit Fremden auf Deutsch, Italienisch, Englisch. Gegenüber hängt ein roter Fiat 8V von 1953 an einem Stromkabel, das quer über die Piazza in eine Bar läuft.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Startnummer 144 ist ein Exot, hört auf den Namen Siata Daina Gran Turismo und gehört Klaus Sartorius, einem der wenigen privaten Teilnehmer am Oldtimerrennen Mille Miglia. Die meisten Plätze für deutsche Fahrzeuge sind mit den kommerziellen Teams von Mercedes und BMW besetzt, ein paar Käfer fahren mit und zahlreiche Porsches. Für Liebhaber ist es nicht einfach, zum Rennen zugelassen zu werden. Die knapp 300 Plätze sind begehrt, viele bewerben sich für diese angeblich schönste Rallye der Welt, doch das Auswahlkomitee ist streng. Zugelassen werden nur Autos, die bei einer der historischen Mille Miglias zwischen 1927 und 1957 teilgenommen haben. Und je seltener, desto besser.

          Mit Einbruch der Dämmerung geht es los

          Sartorius suchte lange nach einem Fahrzeug, mit dem er sich für das Tausend-Meilen-Rennen durch Italien bewerben konnte. Es war dann der Zufall, der ihn zu seinem Siata geführt hat: „Ein Freund rief mich an, wies mich auf den Wagen hin und sagte, damit hast du vielleicht eine Chance bei der Mille Miglia.“ Der Siata Daina basiert auf einem Fiat, ist aber in seiner Form ein Einzelstück. Die rundliche Karosserie ist aus Aluminium, 900 Kilo leicht, der Motor ist mit 80 PS ein wenig verstärkt, „racingmäßig“, sagt Sartorius. Außer zahlreichen Fiat-Umbauten stellte Siata diese Modelle in Kleinserie her. Zwanzig Jahre stand die Rarität in England bei einem Maserati-Sammler, ist rundum restauriert und rennfest, der Vorbesitzer fuhr damit regelmäßig Rallyes durch Frankreich.

          Mit Einbruch der Dämmerung geht es los, Startnummer 1, ein OM von 1930, rollt über die Rampe und durch die Straßen von Brescia. Überall wird gewinkt, in den Cafés sind heute die Tische am Straßenrand die begehrtesten. Gegen halb acht ist der Siata dran, die Scheinwerfer funktionieren tadellos, durch die Dunkelheit geht es erst nach Norden an den Gardasee, dann hinunter nach Süden bis Bologna. Zwischendurch wird die Zeit genommen: An den Messstationen Volksaufläufe, Moderatoren erklären jedes Modell, Musik dröhnt durch die Nacht. Dann wieder die Strecke, die von Sicherheitsleuten und Polizei gesichert wird, aber nicht abgesperrt. Zwischen die Rennteilnehmer, deren dumpfes Röhren man hört, bevor man sie sieht, mischen sich Schlachtenbummler und rasen mit.

          Ein langer Traum

          Sartorius und sein Beifahrer Andreas Klein sind das erste Mal dabei. „Das liegt nicht an mir. Der Wagen ist der Teilnehmer, nicht der Fahrer“, sagt er. Der Wert seines Siata ist schwer zu beziffern, weil es für ein solches Einzelstück eigentlich keinen Markt gibt. Bei vergleichbaren Autos landet man schnell im sechsstelligen Bereich. „Aber das Geld spielt in dem Moment keine Rolle“, sagt der Besitzer. „Ich habe nicht geerbt, kein Auto und kein Geld, ich habe mir das selbst erarbeitet.“

          Oft ist es ein langgehegter Traum, der auf italienischen Straßen verwirklicht wird. Das ist auch bei Sartorius so, der schon als Kind Autoquartett spielte. Zu Hause hat er eine kleine Sammlung, vor allem Sportwagen der sechziger Jahre, die für die Mille Miglia nicht in Frage kommen. „In einem gewissen Alter machen einem die Neuheiten auf dem Markt keinen Spaß mehr“, sagt er. Es dauerte dann zwar noch einige Jahrzehnte, bis er sich ein seltenes und guterhaltenes Stück wie den Siata leisten konnte, aber nun ist er dabei. Das zählt mehr als ein Sieg.

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