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Offenbacher Kickers : Wie aus der Zeit gefallen

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Ausverkauf: Der Kickers-Fanshop zeigt noch Flagge, aber die Zukunft des Traditionsklubs hängt am seidenen Faden. Bild: dpa

Sein erstes Spiel der damals erstklassigen Offenbacher Kickers besuchte der Autor 1968. Sein vorerst letzter Besuch auf dem Bieberer Berg war 2013 in der dritten Liga. Eine Lebens- und Leidensgeschichte.

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          Als Fan der Offenbacher Kickers erfährt man in diesen Tagen Zuspruch und Mitleid. Sogar von Eintracht-Nasen, von denen über Jahrzehnte hinweg nur Hohn und Spott zu hören war, wenn die Rede auf den OFC kam. Plötzlich gibt es einen Anflug von Solidarität unter Fußball-Freunden, die nachvollziehen können, was es bedeutet, wenn der Leib-und Magenverein mal wieder am Abgrund steht. Die Situation ist da und sie kam nicht über Nacht.

          Wer weiß, wie das Kickers-Herz tickt, dem schwante bei der atmosphärisch verdächtig verhaltenen Einweihungsfeier am Bieberer Berg für das neue Station, dass da was faul war hinter den Kulissen.

          Im Sommer 2012 wurde ein Aufbruch zu neuen Ufern, neuen Vermarktungsmöglichkeiten beschworen, der lediglich die Folgen einer wieder mal verpatzten Saison kaschierte. Nur bei einem Aufstieg wäre das Rechenexempel mit Investitionen für eine bessere Zukunft aufgegangen. Die Vereinsspitze hatte sich verkalkuliert. Liebe macht blind. Das gilt nicht nur für Zweierbeziehungen. Das betrifft auch Vereinsgremien, die auf Klubebene Memory spielen. Es könnte ja klappen. Und vielleicht sind die Kickers in der kommenden Saison viertklassig in bester Gesellschaft: Mit Rot-Weiß Essen, dem 1. FC Magdeburg, Alemannia Aachen. Da gibt es merkwürdige Parallelen. Auch dort haben sie neue Stadien bekommen, haben früher oder später für Furore im Pokal gesorgt.

          Die alten Zeiten: Main-Derby aus dem Jahr 1959
          Die alten Zeiten: Main-Derby aus dem Jahr 1959 : Bild: Eintracht-Museum

          Die Offenbacher haben es seit jeher dem Nachbarn auf der anderen Seite des Mains zeigen wollen. Mit der Verbissenheit des kleinen Bruders wurde die Eintracht angegangen. Ein proletarischer Gegenentwurf zu den Großkopferten. Mit dem kleineren Stadion, der viel kleineren Mitgliederzahl, den geringeren Möglichkeiten. Aber mit den gleichen Begehrlichkeiten, Hoffnungen.

          „Heuchler, Scheinheilige und Gefallschwätzer“

          Es soll Leute geben, deren Herz mit gleicher Leidenschaft für beide Vereine pocht. Ludwig Dotzert, sensibler Fußballschreiber der Frankfurter Rundschau, hat diese Spezies einst als „abgefeimte Heuchler, Scheinheilige und Gefallschwätzer“ abgestempelt. Ein Eifersuchtsdrama auf Lebenszeit. Über Jahrzehnte hinweg haben sich die Eintracht und die Offenbacher Kickers in ihrer Dualität gegenseitig hochgeschaukelt. Am sichtbarsten im Derby 1959, das als eines der attraktivsten Endspiele in die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes einging.

          Die Verbissenheit des kleiner Bruders: Fans der Offenbacher Kickers im ewigen Duell mit Eintracht Frankfurt
          Die Verbissenheit des kleiner Bruders: Fans der Offenbacher Kickers im ewigen Duell mit Eintracht Frankfurt : Bild: Bergmann, Wonge

          Vielleicht wäre manches anders gekommen, wenn der OFC statt der Eintracht damals das Finale gewonnen, der OFC von Anfang an der Bundesliga angehört hätte. Als der OFC dann endlich in der Saison 1968/69 drin war, 1970 sogar der DFB-Vereinspokal geholt wurde, beendete der Bundesligaskandal ein Jahr später den Höhenflug der Kickers. Obwohl eher Opfer als Täter wurden sie mit Schimpf und Schande aus der Bundesliga verjagt. Nach dem einjährigen Intermezzo in der Regionalliga Süd gelang per Aufstiegsrunde der abermalige Sprung in den Kreis der Elite. Von 1972 bis 1976 bewegten sich die Kickers wieder in allerbester Gesellschaft, gaben in der Saison 83/84 ein Intermezzo in der Bundesliga, gefolgt von einem ewigen Auf- und Ab zwischen Zweiter Bundesliga und Oberliga. Der Spruch vom Bieberer Berg als höchster Erhebung des Landes machte die Runde: Ein Jahr dauere der Aufstieg, ein Jahr der Abstieg.

          Die Leidenschaft hat sich abgekühlt

          Die Anhänger der Kickers bewiesen Leidensfähigkeit, erlebten aber Sternstunden auf der Volksbühne Bieberer Berg. Hier war der Fußball atmosphärisch dichter als im alten Waldstadion.

          Mit Darstellern auf der Bühne des Rasens, die große Namen tragen: Lars Bastrup, Walter Bechthold, Uwe Bein, Manfred Binz, Ronald Borchers, Günther Franusch, Bernd Fuhr, Siegfried Gast, Horst Gecks, Kurt Geinzer, Bernd Gramminger, William Hartwig, Siegfried Held, Bernd Helmschroth, Josef Hickersberger, Erwin Kostedde, Walter Krause, Erwin und Helmut Kremers, Michael Kutzop, Stefan Lottermann, Dieter Müller, Hermann Nuber, Helmut Preissendörfer, Wolfgang Rausch, Oliver Reck, Manfred Ritschel, Gernot Rohr, Jürgen Rollmann, Oliver Roth, Peter Rübenach, Winfried Schäfer, Egon Schmitt, Kurt Schreiner, Dieter Schwemmle, Nikolaus Semlitsch, Lothar Skala, Reinhard Stumpf, Amand Theis, Cesar Thier, Cesary Tobolik, Wolfgang Trapp, Ernst und Heinz Traser, Gerd Trinklein, Rudi Völler, Karl-Heinz Volz, Roland Weida, Seppl Weilbächer, Rudolf Wimmer, Klaus Winkler, Olivier Occean, Sebastian Rode.

          Diskussionen vor der Geschäftsstelle: Geschäftsführer David Fischer (3.v.l.) stellt sich den Anhängern
          Diskussionen vor der Geschäftsstelle: Geschäftsführer David Fischer (3.v.l.) stellt sich den Anhängern : Bild: dpa

          In Anspielung an den Torjäger Kostedde ist einst das Fanzine „Erwin“ gegründet worden. Dessen Macher standen für ein Stück Fußball-Kultur und Tradition. Die Leidenschaft hat sich abgekühlt angesichts bitterer Erlebnisse und Ereignisse in den letzten fünf Jahrzehnten. „Womöglich“, hieß es in der Festschrift zum Hundertjährigen des OFC, „passt am Bieberer Berg Fußball und Geschäft auch nicht richtig zusammen.“

          Der Optimismus der ersten hundert Jahre fehlt

          Damals, im Jahr 2001, übernahm Dieter Müller als Präsident Verantwortung, glättete Ehrenpräsident Waldemar Klein kraft seiner Person Konflikte, gab dem Klub ein Gesicht, vermittelte, spendete. Eine Vaterfigur, ein Relikt aus erstklassigen Zeiten. Er war beim Bundesliga-Skandal dabei, erlebte beim Mannheimer Aufstiegsspiel, als das Flutlicht beim Rückstand von 2:3 wenige Sekunden vor dem Schlusspfiff ausfiel und die Kickers im Wiederholungsspiel eine zweite Chance gegen Memmingen bekamen. Fünf Jahre dauerte es bis zum Aufstieg in die drittklassige Regionalliga Süd. Nach einer weiteren Saison glückte der Aufstieg in die zweite Bundesliga.

          Es reicht nicht mehr: Lizenzunterlagen der Offenbacher Kickers
          Es reicht nicht mehr: Lizenzunterlagen der Offenbacher Kickers : Bild: dpa

          Als es am vorletzten Spieltag der aktuellen dritten Liga im letzten Heimspiel gegen den SV Wehen Wiesbaden um den Klassenverbleib ging, mobilisierte der OFC gerade mal 6200 Zuschauer. Die Kickers wirken, trotz aller Belebungsversuche in einem schicken Stadion wie aus der Zeit gefallen. Ein Verein mit glorreicher Vergangenheit und einer Gegenwart, die nicht zulässt, was er am dringendsten benötigt: den Optimismus und die Vitalität seiner ersten hundert Jahre.

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