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Chef der Offenbacher Kickers : „Das werden wir nicht überleben“

  • -Aktualisiert am

Massiv unter Druck: Thomas Sobotzik fürchtet um die Zukunft der Offenbacher Kickers. Bild: Jan Huebner

Thomas Sobotzik will wieder Spiele vor Zuschauern in der Regionalliga. Der Geschäftsführer der Offenbacher Kickers blickt sonst einer grimmigen Zukunft für den Verein entgegen.

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          Herr Sobotzik, am Samstag in einer Woche sollen die Kickers mit einem Heimspiel gegen den Bahlinger SC in die neue Regionalliga-Saison starten? Gehen Sie davon aus, dass dann Zuschauer auf dem Bieberer Berg zugelassen sein werden?

          Viele wollen endlich wissen, was Sache ist. Nur ich weiß es nicht – leider. Wir haben unser schlüssiges Hygiene- und Sicherheitskonzept vor etwa zweieinhalb Wochen beim Gesundheitsamt eingereicht. Aber bis heute haben wir noch keine konkrete und verlässliche Antwort erhalten. Unser Konzept orientiert sich an dem der Deutschen Fußball Liga. Es wurde unter den aktuell geltenden Richtlinien und Vorgaben Hand in Hand mit der Stadt in Person von Andreas Herzog erarbeitet, der Geschäftsführer des städtischen Stadionbetreibers ist. Wir bieten keine Stehplätze an und besetzen im gesamten Sitzplatzbereich jeden zweiten Platz, um die Abstände zu wahren. Außerdem besteht während der gesamten Veranstaltung eine Maskenpflicht. Damit greifen wir sogar von uns aus zu schärferen Regeln. Auf diese Weise hätten bei uns knapp 5000 Zuschauer Platz. An mit uns vergleichbaren Fußball-Standorten in Kassel, Essen oder Aachen sind die Konzepte teilweise schon genehmigt worden.

          Käme der OFC unter diesen Bedingungen auf seine Kosten?

          Das würde sich für uns auf der Einnahmenseite immer noch nicht rentieren, denn unser Zuschauerschnitt liegt normalerweise bei über 6000. Aber es wäre ein Anfang, weil wir unseren Dauerkartenbesitzern die Möglichkeit geben könnten, einen Stadionbesuch zu erleben. Momentan haben wir fast 3000 Dauerkarten verkauft. Dieser wurde jedoch vor zwei Wochen jäh gestoppt, nachdem die Behörden festgelegt hatten, dass bei Großveranstaltungen höchstens 250 Zuschauer zugelassen sind. Bei einem entsprechenden Hygiene- und Sicherheitskonzept wäre allerdings mehr Publikum möglich.

          Bis wann brauchen die Kickers eine Entscheidung des Gesundheitsamtes?

          Die hätten wir schon vor zehn Tagen gebraucht. Wir sind schon überfällig. Diejenigen, die sich bei uns um das Ticketing und Marketing kümmern, stehen massiv unter Druck. 3000 Dauerkarten auszudrucken, einzutüten und zu verschicken – das alles ist an einem Nachmittag nicht zu schaffen. Wir würden uns wünschen, mit dem Gesundheitsamt lösungsorientiert zusammenarbeiten zu können. Wir beanspruchen für uns keine Sonderstellung. Aber zur Zeit hat es den Anschein, als würden wir benachteiligt.

          Würde der OFC ohne Publikum spielen?

          Ich glaube nicht, dass wir das überleben werden. Ich rede dabei nicht von einem Spiel. Zum Vergleich: Ein Bundesligist und ein Zweitligist finanzieren sich zu 90 Prozent aus den TV- und Werbeeinnahmen. Zuschauererlöse fallen dort mit etwa acht bis zwölf Prozent ins Gewicht. Bei uns ist das ganz anders: Die jeweiligen Spieltags-Einnahmen machen fast 50 Prozent aus. Unsere wirtschaftliche Grundlage wird uns entzogen. Es liegt auf der Hand: Wenn uns keiner Geld schenkt, kein Wunder geschieht und dauerhaft keine Zuschauer zugelassen wären, dann müssen wir den Laden zumachen.

          Wie gehen Sie mit der Situation um?

          Mein Zustand ist vor allem Unverständnis. Ich verstehe nicht, warum man uns so in der Luft hängenlässt. Wir haben gemeinsam mit der städtischen Betreibergesellschaft sauber vorgearbeitet. Wir sind von unserem Konzept überzeugt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei uns auf dem Bieberer Berg jemand mit dem Coronavirus infiziert, ist wesentlich geringer als bei Messen, im öffentlichen Nahverkehr oder bei Zusammenkünften in der Freizeit auf öffentlichen Plätzen. Und auch das muss gesagt werden: Es geht weder um unseren Präsidenten Joachim Wagner oder um mich. Es geht vielmehr um die Offenbacher Bürger, für die wir versuchen, den Besuch in unserem Stadion möglich zu machen. Wir haben personell eigentlich keine Ressourcen, die verschiedenen Vorgaben umzusetzen. Wir haben es dennoch bewältigt. Und deshalb hätten wir uns gewünscht, dass man uns ernst nimmt. Es herrscht so eine Stimmung vor unter dem Motto: Was will der Fußball, es gibt wichtigere Sachen? Aber was ist der Fußball? Das sind doch nicht nur die Fußball-Millionäre. Die werden immer spielen. Bayern München ist null Komma null von Zuschauereinnahmen abhängig. Aber was ist mit der Basis des Fußballs? Was passiert mit dem Jugendbereich? Darum geht es doch. Ich mache mir Sorgen, dass der Fußball unterhalb der ersten beiden Profiligen überhaupt eine Überlebenschance hat.

          Denken Sie manchmal ans Aufhören?

          Ganz ehrlich: Hin und wieder frage ich mich schon, ob das Ganze Sinn macht. Momentan lässt man uns am langen Arm verhungern. Damit umzugehen, fällt mir schwer. Es ist sehr frustrierend. Die Zukunft unseres Vereins steht definitiv auf dem Spiel – und zwar sehr kurzfristig.

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