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Nach 26 Jahren zurück in der Bundesliga : Hüttenberg – Handball und Handkäse

Wieder am Ball: Der TV Hüttenberg. Bild: imago sportfotodienst

Mit bescheidenen Mitteln zu großen Zielen: Der erst 33 Jahre alte Trainer Jan Gorr führt den Traditionsverein aus Mittelhessen zurück in die erste Liga.

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          Ortsunkundige Besucher der mittelhessischen Gemeinde Hüttenberg hatten dieser Tage leichte Mühe bei der Orientierung. Es sei denn, sie waren Kenner der Handballszene. Denn die Ortsschilder waren in der Nacht zum Montag überklebt worden. Und vermutlich hat kein Mensch in dem unweit von Wetzlar gelegenen 10.000-Einwohner-Ort auch nur eine Sekunde daran gedacht, den Tätern auf die Spur zu kommen oder gar die provisorisch mit Paketband angebrachte neue Aufschrift zu entfernen: „Zum Bundesligist“ stand dort zu lesen – grammatikalisch nicht ganz einwandfrei, aber inhaltlich richtig. Denn der TV Hüttenberg ist am Sonntagabend zurückgekehrt in die Handball-Bundesliga – nach 26 Jahren erstklassiger Abstinenz. 25:29 hatten das Team zwar das Relegations-Rückspiel gegen GWD Minden verloren, aber „das ist die schönste Niederlage, die man sich vorstellen kann“, hatte der Hüttenberger Linksaußen Andreas Lex gejubelt.

          Verloren und trotzdem aufgestiegen – möglich geworden war dies eine Woche zuvor durch eine Hüttenberger Meisterleistung im Hinspiel, als man den individuell und wirtschaftlich überlegenen GWD 30:19 aus der eigenen Halle fegte. 1600 Fans, mehr fasst die Hüttenberger Spielstätte nicht, hatten den bemerkenswerten Auftritt gesehen und die Mannschaft von Trainer Jan Gorr mit aller Macht unterstützt. Mit zwölf Toren hätte Minden gewinnen müssen, um dem Gegner die Tür zur ersten Liga vor der Nase zuzuwerfen. Aber das schafften die Ostwestfalen gegen die kampfstarken Talente aus Hüttenberg nicht mehr. Am Wochenende hatten sich 550 Hüttenberger Handballfreunde in Minibussen auf den weiten Weg nach Minden gemacht. Als die siegreiche Mannschaft dann als frisch gekürter Aufsteiger zurückkehrte, wurde der Mannschaftsbus von einem Wagen der Freiwilligen Feuerwehr mit Blaulicht zum Platz vor dem Bürgerhaus eskortiert, wo man eine „Spontanparty“, so TVH-Manager Lothar Weber, feierte. Wie lange es gedauert hat, konnte niemand so genau sagen: „Bis in die frühen Morgenstunden“, erzählt Gorr, sei wohl die passende Beschreibung. „Ich war schon am Abend vorher fix und alle“, sagt Weber, der den 1450 Mitglieder zählenden Verein seit Mitte der achtziger Jahre als Manager leitet und nun den größten Erfolg seit mehr als einem Vierteljahrhundert feiern kann. In Hüttenberg lebt nun jene Handballtradition neu auf, für die Namen wie Horst Spengler und Walter Don, beide Handball-Weltmeister 1978, stehen.

          Es kommt einiges zu auf das junge Team

          Weber produziert erstklassigen Käse. Das freilich bezieht sich wohl nicht auf die künftige Präsenz seines Klubs in der Bundesliga, sondern auf seinen Hauptberuf als Unternehmer: Er ist Chef eines Familienunternehmens, das Hüttenberger Handkäse produziert. Die Spezialität ist ein nicht nur in Hessen gefragtes Produkt und hat der Stadt zu einer gewissen überregionalen Bekanntheit verholfen. Nun gesellt sich zum Handkäs’ auch wieder der Handball, mit dem sich Hüttenberg über die Landesgrenzen hinaus einen Namen machen kann. Den Gegner im ersten Heimspiel hat Weber gerade von der Liga über Handy erfahren und sagt mit bedeutungsvollem Unterton in der heiseren Stimme: „THW Kiel.“

          Es kommt also einiges zu auf das junge Team. Der erste Auftritt im Spätsommer führt sie zwar nur 85 Kilometer weit zur MT Melsungen, die nun neben der zwölf Kilometer entfernt beheimateten HSG Wetzlar der zweite Gegner in den Hessenderbys ist. Aber vor allem die Großen der „stärksten Liga der Welt“ sind für die Hüttenberger nicht nur eine sportliche Herausforderung. Denn für die Aufeinandertreffen mit Kiel oder dem Meister HSV Hamburg dürfte die Hüttenberger Halle mit ihren 1600 Plätzen zu klein sein. Also wird man wohl für ein paar Partien nach Gießen in die Sporthalle Ost umziehen müssen. Den Rest, so Weber, wolle man aber an gewohnter Stelle austragen: „Das sind wir unseren Fans schuldig.“

          Aufstiegsfest vor dem Gemeindehaus

          Auch sportlich will und muss der TV Hüttenberg konservativ arbeiten. Nur drei Spieler werden den Klub verlassen. Ein Neuzugang steht bereits fest; vom TuSEM Essen kommt der 21 Jahre alte Matthias Gerlich ins Team des 33 Jahre alten Trainers Gorr. Der einstige Jugendcoach vom Nachbarklub HSG Wetzlar übernahm die Männer des TVH 2004 in der Regionalliga übernommen. Gorr gilt als Macher des Erfolges, als engagierter, ehrlicher Arbeiter, der mit einem zweitklassigen Etat von nur 750.000 Euro Großes geleistet hat. Für das Abenteuer erste Liga veranschlagen die Hüttenberger eine knappe Million Euro. Weniger hat wohl kein Bundesligaklub. Das Saisonziel ist damit klar: „Nicht absteigen“, sagt Gorr und fügt hinzu: „Das wird schwer.“ Dennoch versprüht er Optimismus: „Wir sind ein starkes Kollektiv, wir ergänzen uns gegenseitig ungeheuer. Wir haben unbändigen Willen, Emotionen und eine Strategie, mit der wir auch individuell stärkere Mannschaften schlagen können.“

          Am Montagabend stellten sich die Hüttenberger Aufsteiger aber zunächst einer anderen Herausforderung: dem Aufstiegsfest vor dem Gemeindehaus. Es gab einen Autokorso, einen Schlepper mit Wagen für das Team und eine Musikkapelle. All dies hatte Weber schon einmal geordert. Das war am 21. Mai, als der TVH den Aufstieg hätte klarmachen können. Dann wurde beim Spiel in Saarlouis doch nichts daraus. Ein Tor fehlte zum Unentschieden, das für den Sprung nach oben gereicht hätte. Und deshalb hatte der Manager diesmal nichts vorbereitet. Im zweiten Anlauf war dann alles da. Und dass der Hüttenbergern Hauptsponsor eine Brauerei ist, passte in der überschäumenden Aufstiegsfreude auch gut ist Bild.

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