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Trainer Bo Svensson : Mainzer Hurra-Macher

  • -Aktualisiert am

Ihm schlägt eine Welle der Begeisterung entgegen: Bo Svensson Bild: Horstmueller GmbH

Der Fußball besitzt die Fähigkeit, eine Stadt zu prägen, sagt Bo Svensson. Das passt zu seinem Auftreten in Mainz. Denn die gute Stimmung der Fans ist vor allem ihm zu verdanken.

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          Auf die Frage, was ihm spontan zu Mainz und dem dortigen Fußball einfällt, sagt Bo Svensson, „dass man sich nicht zu ernst nimmt“. Ein zweites Stichwort ist „Widerstandsfähigkeit“. Und: „Der Fußball hat die Fähigkeit, eine Stadt zu prägen und für den Verein einzunehmen. Das ist in Mainz der Fall.“ Zumindest war es das. Wer die Geschicke des FSV Mainz 05 in den vergangenen Jahren verfolgt hat, dem konnte eine zunehmende Entfremdung zwischen Fans und Mannschaft, zwischen Bevölkerung und Klub nicht verborgen bleiben.

          Bundesliga
          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wegen der Entwicklung des Fußballs im Allgemeinen, aus hausgemachten Gründen im Besonderen, wegen einer unattraktiven und erfolglosen Spielweise und wegen eines latent vorhandenen Desinteresses des Mainzers an sich. Corona mit der Folge, eineinhalb Jahre in leeren Stadien zu spielen, wirkte noch als Katalysator auf dem Weg in die Lethargie.

          Überfrachtet mit Hoffnung

          Dass sich die Stimmung wieder gedreht hat, dass die Anhänger des seit Langem einzigen rheinland-pfälzischen Klubs in der Fußball-Bundesliga wieder voller Stolz von ihrem Verein reden, ist zu großen Teilen Svensson zu verdanken. Anfang Januar, nach anderthalb Spielzeiten als Trainer in der österreichischen zweiten Liga an den Bruchweg zurückgekehrt, wo er von 2007 bis 2014 als Profi und danach als Ko-Trainer sowie Jugendcoach tätig war, wurde er mit schier unerfüllbaren Hoffnungen überfrachtet – und erfüllte sie. Svensson verpasste dem designierten Absteiger eine neue Spielweise, traf wichtige und richtige Personalentscheidungen und rettete die Mainzer mit der größten Aufholjagd in der Geschichte der Liga in ihre 13. Erstligasaison hintereinander.

          Ungeachtet der Welle der Begeisterung, auf der die Mainzer seit seiner Amtsübernahme surfen, bleibt der Däne sich treu. Sowohl in der akribischen täglichen Arbeit, in der er auch nach Siegen wie im Pokalfight gegen Bielefeld offen kritisiert, was ihm nicht gefallen hat, als auch in seiner persönlichen, zurückhaltenden Art. „Ich bin kein Mensch, der in einen Raum kommt und alle extrovertiert für sich einnimmt, wie es vielleicht Kloppo macht“, zieht er den Vergleich zum einstigen rheinhessischen Volkstribun Jürgen Klopp.

          Wie der 42-Jährige tickt, zeigt auch die Vorgeschichte seiner kurzfristigen Rückkehr nach Mainz. Als Sportvorstand Christian Heidel ihn an Heiligabend vorigen Jahres anrief, um ihm den Cheftrainerposten schmackhaft zu machen, empfand Svensson dies zwar als reizvolles Angebot – dennoch zögerte er. Weil er sich viele Gedanken darüber gemacht habe, ob er mit seiner Art und seinen Fähigkeiten als Trainer dem Verein helfen, ob er das, was er in seiner aktiven Karriere hier erlebt habe, zurückzahlen könne. In der Domstadt konnten sie später drei Kreuze machen, dass seine Zweifel nicht die Oberhand behielten.

          Verbunden mit der Stadt

          Nicht nur Verantwortliche und Fans freuten sich darüber, sondern auch Svenssons Familie, die während seines Engagements beim FC Liefering in Mainz geblieben war. Jetzt wieder zu Hause zu sein und am gemeinsamen Wohnort als Bundesligatrainer arbeiten zu dürfen, empfindet der Fußballlehrer als ein Privileg, das nur wenigen Kollegen zuteil wird. Die rund 570 Kilometer pro Strecke, die er während seiner Salzburger Zeit an den Wochenenden zurücklegte, hätten viel Kraft gekostet, sagt er.

          In Mainz zu wohnen ist für Bo Svensson, Ehefrau Ulla und die drei Kinder kein jobbedingter Kompromiss. Sie fühlen sich in der Stadt wohl. „Ich spüre eine Verbundenheit mit der Stadt“, sagt er. Mit dem Verein sowieso, seitdem er sein erstes Spiel im altehrwürdigen Bruchwegstadion erlebte, damals in der zweiten Liga und, verletzungsbedingt, auf der Tribüne. „Es war faszinierend, dass eine Stunde vor dem Anpfiff schon eine Riesenstimmung herrschte“, erinnert er sich. „Es ist kein Zufall, dass in Mainz Fastnacht stattfindet – die Leute spielen das nicht, die sind so drauf.“

          Mehr als 14 Jahre ist das her, Klopp war Trainer, und die Zeit eines Wolfgang Frank, des Visionärs, der viele Dinge angestoßen hatte und nach dem der Klub unlängst sein Trainingszentrum benannt hat, lag schon wieder mehr als sieben Jahre zurück. Svensson aber hat sich mit der Zeit vor seiner Zeit befasst, er ist sich der Entwicklung bewusst, die der Verein genommen hat, und er sagt: „In dieser Tradition muss der Verein stehen.“ In der Tradition von Frank, Klopp, Heidel und auch Thomas Tuchel, der ihn als Trainer am meisten geprägt hat. Alt werden wolle er mal in Dänemark, sagt Svensson. Bis dahin ist es noch etwas hin. Und für den Übergang, hat er, wie er erzählt, einen Ort gefunden, der zu ihm als Dänen passt: Mainz.

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