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FSV Mainz 05 : Adler will den Kick

  • -Aktualisiert am

Zupackendes Naturell: René Adler hat sich mit Mainz 05 viel vorgenommen. Bild: dpa

Bei Mainz 05 erhofft sich der prominente Torhüter neue Impulse. Nicht ins Ausland gegangen zu sein sei richtig: „Ich will glücklich sein und Fußball spielen.“

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          Stephan Kuhnert schaute etwas verwundert drein. Hatte ihn doch gerade eine etwas ältere Dame beim Domplatzfest des FSV Mainz 05 aufgefordert: „Mit dem Adler musste noch bissje mehr abbeite, donn hält der aach so Bäll.“ Der Torwarttrainer des Bundesligavereins zog Schultern und Augenbrauen hoch und guckte, als wollte er antworten, dass selbst er zu seinen besten Zeiten den Gegentreffer beim 3:1-Pokalsieg in Lüneburg nicht hätte verhindern können; der abgefälschte Ball hatte sich als Bogenlampe über den fliegenden Schlussmann hinweg in den Winkel gesenkt.

          Dass René Adler jedoch auch mit seinen 32 Jahren und ungeachtet einer Karriere, in der er es bis zur Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft brachte, noch immer dazulernen kann, sagt kein Geringerer als Adler selbst. „Sehr, sehr viel. Und zwar jeden Tag“, betont der Neuzugang der Rheinhessen. „Es wird immer gesagt, dass unsere jungen Torhüter von mir lernen sollen, aber ich will auch von ihnen lernen. Es ist ja nicht so, dass ich alles besser kann als sie, insofern sehe ich es eher so, dass wir uns gegenseitig auf einen besseren Level heben.“ Er genieße es, nach seinen Jahren in Leverkusen und beim Hamburger SV nochmal den Schritt zu einem anderen Verein gemacht zu haben, unter einem neuen Torwarttrainer zu arbeiten und neuen Input zu bekommen. „Davon erhoffe ich mir noch einen Kick.“

          „Diese Ruhe, die hat man in anderen Vereinen vielleicht nicht“

          Dass er sich diesen Kick in Rheinhessen holt, gehört zu den Überraschungen dieses Transfersommers. Adler hätte die Nummer zwei beim FC Bayern München werden und bei Bedarf für Manuel Neuer einspringen können. Oder aber, und das war die wahrscheinlichere Variante, ins Ausland wechseln können. Seine Frau und er hätten diesen Gedanken gehegt, sagt Adler, „eine andere Sprache zu lernen, eine andere Kultur zu erleben, einfach noch ein bisschen Lebenserfahrung zu sammeln“. Doch dann nahm der Mainzer Sportdirektor Rouven Schröder Kontakt zu Adler auf, eine Anfrage, die auch den Keeper selbst überraschte, und leitete damit nicht die teuerste (Adler war ablösefrei), aber die spektakulärste Neuverpflichtung der 05er ein.

          Relativ schnell kam es zu einem Treffen zwischen Spieler, Manager und Cheftrainer Sandro Schwarz, und danach hatte Adler das Gefühl, in Mainz eine Wertschätzung zu erfahren, die ihm mehr bedeutet, als andernorts „vielleicht noch ein paar Euro mehr mitzunehmen. Im Endeffekt geht es mir darum, glücklich zu sein und Fußball zu spielen.“ Schwarz sei authentisch und ehrlich, habe eine ganz klare Vorstellung davon, wie er Fußball spielen lassen wolle, und verfüge in Mainz über eine Infrastruktur, die ihm die Möglichkeit gebe, „unaufgeregt, mit wenig Stress, auch wenn es mal nicht so läuft, sein Ding durchzuziehen, weil man überzeugt ist vom Trainer und der Art des Fußballs“, sagt Adler. „Diese Ruhe, auch einfach mal Dinge auszusitzen, die hat man in anderen Vereinen vielleicht nicht.“ Wer in den vergangenen fünf Jahren beim HSV gespielt hat, weiß diesen Unterschied zu schätzen.

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          In Mainz wiederum wissen sie es zu schätzen, dass sich ein Mann wie René Adler für die 05er entschieden hat. Zum einen, weil der neue Keeper einen absolut geerdeten Eindruck macht, weil er auch im Umgang mit Fans und Vereinsmitarbeitern bodenständig und nahbar auftritt. Zum anderen, weil sie sich von ihm und mit ihm und durch ihn den ein oder anderen Punkt mehr erhoffen, der vorige Saison für eine sorgenfreie Runde gefehlt hat. In den Vorbereitungsspielen strahlte Adler die entsprechende Ruhe und Souveränität aus, im DFB-Pokal war er weitestgehend beschäftigungs- und einmal machtlos. Abseits des Fußballplatzes vermittelt die neue Mainzer Nummer eins den Eindruck einen reflektierten Mannes, dessen Gedanken über die Umkleidekabine und die Kreidelinie hinausgehen. Auch, wenn es um den Ablöseirrsinn geht, der gerade mit Neymars Transfer einen (vorläufigen) Höhepunkt erreicht hat. „Natürlich ist das irgendwo nicht mehr gesund, sondern irrational. Wenn man über Transfers für 220 Millionen Euro spricht, kommt mir das vor wie Chips beim Pokern. Was man mit diesem Geld auf der Welt machen könnte, wie man Menschen helfen könnte – aber da vergleichen wir Äpfel und Birnen“, sagt Adler. Das Gehalt eines mittelmäßigen Fußballers stehe in keinem Verhältnis zu dem eines top Arztes, der täglich Menschenleben rette. „Aber in der Marktwirtschaft gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage, und die Nachfrage nach Fußball ist nun mal so brutal groß, dass einfach jeder damit werben will und präsent sein will, und so kommen auch die Preise zustande.“ Er spiele in diesem System mit und profitiere auch davon, „aber es ist wichtig, das richtig einordnen zu können“.

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