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Löwen-Trainer Salo : Mit Verspätung ins Ungewisse

  • -Aktualisiert am

Fragezeichen in den Augen: Olli Salo beginnt seine Arbeit bei den Frankfurter Löwen mit vielen Unwägbarkeiten. Bild: Jan Huebner

Der neue Eishockeytrainer Olli Salo nimmt mit reichlich Verzögerung seine Arbeit bei den Frankfurter Löwen auf. Wann die Saison starten wird, kann ihm niemand mit Gewissheit sagen.

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          Drei Monate Ungewissheit, 13 Wochen warten, 92 Tage Verspätung: Das erste Drittel seines Debütjahrs bei den Löwen Frankfurt ist für den neuen Headcoach Olli Salo fast vorüber. Und der Eishockey-Zweitligaklub und sein neuer finnischer Trainer laufen einem Rückstand hinterher. Eigentlich sollte der Nachfolger vom in die finnische Heimat zu Hämeenlinnan Pallokerho zurückgekehrten Matti Tiilikainen seine Tätigkeit in der Mainmetropole schon am 1. Mai aufnehmen, die Spieler in Ruhe kennenlernen und über den Sommer mit ihnen trainieren. Dann warf das Coronavirus alle Pläne über den Haufen. Das erste Vierteljahr seiner Zeit als Löwen-Trainer verbrachte Salo mit seiner Familie in Finnland statt am Main. „Das war am Anfang schön, weil ich viel Zeit mit meiner Frau und meinem einjährigen Sohn verbringen konnte, wurde mit der Zeit aber auch stressig. Ich wollte unbedingt nach Frankfurt, um hier meine Arbeit aufzunehmen“, berichtet Salo in nahezu fehlerfreiem Deutsch mit leichtem österreichischem Akzent.

          Vor seiner Zeit als Trainer in Finnland war der blonde, 1,73 Meter große Eishockeytrainer fünf Jahre in Innsbruck als Coach aktiv, wo er die deutsche Sprache gelernt hat. Das erleichtert seinen Start und die Gespräche mit dem deutschsprachigen Teil der Spieler, zu denen Salo schon aus Finnland telefonisch Kontakt aufgenommen hat.

          „Optimal war die Situation natürlich nicht“, sagt Sportdirektor Franz-David Fritzmeier. Aber was läuft im organisierten Profisport dieser Tage schon nach Plan? Immerhin befanden sich der Manager und der neue Coach per Videotelefonaten fast täglich im Austausch. Die individuellen Trainingspläne hat Salo mitgestalten und nach seinen Vorstellungen modifizieren können. Auch mit Ko-Trainer Marko Raita und seinem Bruder, Torwart-Trainer Valtteri Salo, stand der Eishockey-Lehrer in Kontakt. Gesprochen wurde dann aber meist nur über die Zukunft, nicht die Vergangenheit, weil sich Salo unvoreingenommen sein eigenes Bild vor Ort machen will. Viel verändern möchte er nicht: „Ich will den eingeschlagenen Weg fortsetzen, werde aber meine eigene Note einbringen.“

          Saisonstart mit Fragezeichen

          Salo ist ein Coach, der „eher offensiv als defensiv“ denkt, sich verbal aber noch nicht in den Angriffsmodus begeben hat. Seine ersten offiziellen Worte als Löwen-Coach sind bedacht gewählt. An die vom Klub anvisierte Meisterschaft und den damit verbundenen Aufstieg verschwende er derzeit noch keinen Gedanken, weil dies zu weit in der Zukunft liege. Druck spüre er deshalb keinen.

          Der 37-Jährige, der sich in der künftigen Zusammenarbeit mit den anderen beiden Trainern und den Spielern als „Teamplayer“ sieht, strahlt in der komplizierten Situation während der Corona-Pandemie Ruhe und Demut aus, bringt gleichzeitig aber auch seine Lust auf die neue Aufgabe und seinen Erfolgswillen zum Ausdruck. Der erste Eindruck? Salo wirkt etwas aufgeschlossener und lockerer als der fünf Jahre jüngere Tiilikainen bei seinen ersten Auftritten in der Öffentlichkeit vor zwei Jahren. Sein erster Eindruck von Deutschland? „Mir und der Familie gefällt es gut, aber es ist heiß. Brutal heiß“, sagt der Finne, der eine Wohnung in Bad Vilbel bezogen hat, und lacht.

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          Beginnen soll die Saison in der zweiten Liga schon am 2. Oktober – allerdings nur dann, wenn Zuschauer zugelassen werden können, die im Eishockey einen Großteil des Budgets der Klubs ausmachen. Viel Zeit bleibt Salo bis dahin nicht mehr. Voll trainieren lassen kann er aktuell noch nicht, da sich ein Teil der Mannschaft noch in Kurzarbeit befindet. Eine weitere Gruppe aus sechs Spielern hat bei ihrer Vertragsverlängerung das von der Liga an die Corona-Krise angepasste Standardvertragswerk unterschrieben, welches die Klubs vor finanziellen Verlusten schützen soll. Eine Klausel sieht vor, dass das Arbeitsverhältnis zwischen Spieler und Klub erst einen Monat vor dem Saisonstart beginnt – aktuell also am 1. September, wenn bei den Löwen die von sonst sechs nun notgedrungen auf vier Wochen verkürzte Vorbereitung beginnen soll.

          Die Frage, wie realistisch ein Saisonstart am 2. Oktober ist, will bei Salos Vorstellung an diesem Montag niemand beantworten. „Wir hoffen alle, dass wir spielen können“, sagt Fritzmeier. Ein Ausfall der Saison wäre aus seiner Sicht ein „schwerer Schlag für das deutsche Eishockey“, den viele Klubs wohl nicht überleben würden. Bis eine Entscheidung gefallen ist, wie und ob es überhaupt losgehen kann, müssen Salo und sein Trainerteam im Ungewissen arbeiten und sich auf alle denkbaren Szenarien vorbereiten.

          Die jährlichen medizinischen Tests, die von der Liga zur Prüfung der Tauglichkeit gefordert sind und von den in Deutschland lebenden Spielern in der vergangenen Woche absolviert wurden, haben alle bestanden. Zusätzlich haben die Löwen ihre Mannschaft auch auf das Coronavirus und auf Antikörper testen lassen. Fazit: alle negativ, sagt Fritzmeier, der den Spielern mehrmals aufgezeigt hat, was auf dem Spiel steht: „Wir haben klar gesagt, dass es hier um unsere Existenz geht: um die der Spieler und die vom Klub.“ Beide will Salo in den kommenden Jahren voranbringen und am besten schon 2021 in die DEL führen. Wie groß die Erwartungen an ihn sein werden, weiß der 37-Jährige, wie er bereits in einem Interview mit einer finnischen Zeitung aus seiner Heimatstadt Hämeenlinna verdeutlicht hat: „Die Löwen sind eine große Herausforderung. Es gibt ein Muss zu gewinnen.“

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