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100-Meter-Meister Michael Pohl : Hobbysprinter mit Homeoffice

  • -Aktualisiert am

Muskelpaket mit dualer Ausbildung: „Hobbysprinter“ Michael Pohl Bild: Imago

Er betrachtet sich als schnellster Hobbyläufer von Deutschland, studiert, arbeitet und bleibt auch in der Corona-Krise gelassen: Nur über manche Fußballer ärgert sich 100-Meter-Meister Michael Pohl.

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          Michael Pohl ist auf dem Weg zum Training. Der deutsche Meister über 100 Meter dreht seine Runden derzeit im Stadtwald, sprintet und springt Treppen an Bahnunterführungen hoch oder hebt Gewichte auf einem Parkplatz. Nur wenige Meter von diesem entfernt hätte der 30-Jährige beste Bedingungen. Doch die Sportanlage an der Niederräder Hahnstraße, das Leistungszentrum der hessischen Leichtathleten, ist wie alle anderen in Frankfurt für den Übungs- und Wettkampfbetrieb gesperrt.

          Nicht jeder hält sich an diese dem Coronavirus geschuldeten Einschränkungen. Vor kurzem hat der Sportler des Sprintteams Wetzlar Fußballer beobachtet, die sich vor dem Kick auf dem verbotenen Rasen zur Begrüßung sogar Backenküsschen verpassten. Pohl nervt dieser Ungehorsam. Auch wenn er selbst sich danach sehnt, in seinen Spikes Vollgas auf der Bahn zu geben, statt in schweren Schuhen über Beton zu traben.

          „Schadensbegrenzung“, nennt der Hesse das. „Statt Progression bestenfalls Stagnation.“ Die Werte im Training vermittelten den Eindruck, dass es während der Saison eine Verbesserung der bisherigen Bestzeit von 10,22 Sekunden geben könnte. Doch mittlerweile nimmt das Gefühl überhand, nicht gut genug vorbereitet zu sein, sollte es in diesem Sommer Leistungsvergleiche geben. „Wie ein Vokabeltest, für den man nur 60 statt der geforderten 80 Wörter gelernt hat“, beschreibt Pohl das. An diesem Mittwoch wäre er mit seiner Trainingsgruppe auf die Sonneninsel Mallorca geflogen. Stattdessen ringt das Muskelpaket fünf- bis sechsmal in der Woche bei kühlen Temperaturen allein um seine Form. Ab und an absolviert Pohl sein Programm gemeinsam, aber „fünf Meter voneinander entfernt“, mit dem neun Jahre jüngeren Kevin Kranz – „damit man nicht vor Einsamkeit stirbt“, wie Pohl sagt.

          „Schnellster Hobbyläufer Deutschlands“

          Was ihm an Energie bleibt, das verschwendet er nicht damit, über Dinge zu grübeln, die er nicht ändern kann. Stattdessen versucht er das Beste aus der Situation zu machen. Sein Masterstudium an der Darmstädter Fachhochschule treibt der BWL-Bachelor voran. Ursprünglich wollte er es in die Länge ziehen, damit die abschließenden Klausuren nicht mit einem möglichen Olympiastart kollidieren. Jetzt, da die Spiele ins nächste Jahr verschoben sind, plant er, nach dem Sommersemester scheinfrei zu sein und die Masterarbeit bis zum Frühjahr 2021 zu beenden. Nebenbei arbeitet Pohl im Homeoffice weiter für eine Unternehmensberatung.

          Als „schnellster Hobbyläufer Deutschlands“ hat er sich einst bezeichnet. Weil er nie nur auf die Karte Leistungssport setzte und seltener trainierte als die Konkurrenz. Vielleicht hilft ihm das jetzt, lässig zu bleiben. Dabei ist sich der Spätstarter, der erstmals 2011 in den Landesbestenlisten auftauchte, bewusst, dass die Zeit gegen ihn tickt. Bei den Olympischen Spielen zu laufen, wäre ein Traum. Doch für den Fall des Scheiterns hat Pohl Trost parat: „Ich würde da überhaupt keine Rolle spielen.“ Bei den vergangenen Weltmeisterschaften in Doha hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband ihn nicht mal in der Staffel eingesetzt. Pohls Arena sind die deutschen Meisterschaften. Hier fühlt er sich in seinem Element und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Den Titel, den er 2019 erstmals gewann, möchte er verteidigen.

          Wann Pohl dazu die Gelegenheit bekommt, steht in den Sternen. Aktuell ist angedacht, die für Juni abgesagte deutsche Meisterschaft am 8. und 9. August und damit zweieinhalb Wochen vor der noch im Kalender stehenden Europameisterschaft in Paris nachzuziehen. Um sich vorher Wettkampfhärte zu erarbeiten, hat der Senior seinen jüngeren Trainingskollegen vorgeschlagen, Vereinsmeisterschaften zu veranstalten. „Jeder zahlt als Anreiz 50 Euro in den Pott, den am Ende der Sieger bekommt.“ Das sollte für Motivation und Wettbewerbsstimmung sorgen. Doch selbst dafür müssten erst mal die Sportstätten geöffnet werden. In anderen Bundesländern gibt es für die Elite Ausnahmegenehmigungen. Pohl kritisiert das: „Alle sollten die gleichen Regeln haben.“ Sollten die nächsten deutschen Meisterschaften erst 2021 stattfinden, sieht er sogar Gutes darin. Dann könnte er, ohne weitere Anstrengung, zwei Jahre lang die Krone tragen. Und das, sagt der Sprintkönig gut gelaunt, sei etwas Einmaliges.

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