https://www.faz.net/-gtl-ah3wx

Laura Künzler in Wiesbaden : Reset für die mentale Gesundheit

  • -Aktualisiert am

„Granatenverpflichtung“: die Topscorerin Laura Künzler Bild: Picture-Alliance

Die 24 Jahre alte Schweizerin Laura Künzler will beim VC Wiesbaden den Spaß am Volleyball wiederfinden. Für den Bundesligaklub ist die Außenangreiferin schon jetzt ein Gewinn.

          3 Min.

          Volleyball ist ein Mannschaftssport. Doch das Dasein als Profi, sagt Laura Künzler, bedeute auch, „viel allein zu sein“. In der vergangenen Saison bekam das die 24 Jahre alte Schweizerin besonders intensiv zu spüren. Nach ihrem Wechsel vom französischen Erstligaklub ASPTT Mulhouse zum Konkurrenten Pays d´Aix Venelles in den Süden galt es für die 1,88 Meter große Außenangreiferin, sich nach nur einem Jahr schon wieder in ein neues Team einzufinden.

          Von ihrem Freund Leon Dervisaj, der im Herbst 2020 beim Bundesligaverein SVG Lüneburg die Bälle verteilte, trennte sie „halb Europa“. Pandemiebedingt war das Reisen schwierig; die Niedersachsen verboten ihrem Zuspieler zudem den Besuch im Ausland. Nur an Weihnachten konnte sich das Paar sehen. In der seit sieben Jahren bestehenden Beziehung, die in der gemeinsamen Zeit an der Sportschule in Aarau begann, „waren wir noch nie so lange getrennt gewesen“. Auch ihre Familie vermisste die Aargauerin.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Die Ablenkung fehlte. Wenn es im Training oder Spiel nicht rund lief, „sitzt man allein beim Abendbrot und denkt wieder nur an Volleyball“. Bei Künzler reifte der Entschluss, dass sie das so nicht mehr wollte. „Ich habe ein bisschen den Spaß am Volleyball verloren“, gesteht sie. „Und mir überlegt, ob es das wirklich wert ist, immer wieder so viel in den Sport zu investieren.“

          Die Folge war ein Vereinswechsel, der mit Blick auf die bisherige Karriere der aufstrebenden Spielerin wie ein Schritt zurück erscheint. Künzler unterschrieb beim VC Wiesbaden einen Einjahresvertrag. Als „Granatenverpflichtung“ kündigte der neue Trainer Benedikt Frank die Verstärkung beim Tabellenzehnten der vergangenen Saison im Sommer an. Als Kapitänin zusammen mit Olympiasiegerin Justine Wong-Orantes trägt die Schweizer Pokalsiegerin von 2017 Verantwortung. Bei den beiden Niederlagen der aktuell achtplatzierten Hessinnen in Erfurt und gegen die Roten Raben Vilsbiburg, bei denen sie selbst von 2017 bis 2019 ihre ersten beiden Jahre im Ausland verbrachte, war Künzler mit 15 und 22 Punkten jeweils die Topscorerin ihres Teams.

          Mit dem Freund zusammen

          „Es ist ein cooles Projekt hier in Wiesbaden“, mit all den jungen, sehr ehrgeizigen Spielerinnen, sagt die Führungskraft. Sie wolle möglichst viel Energie hineinstecken. Dass sie darauf richtig Lust hat, liegt an der neuen „guten Life-Balance“, die sie in der Landeshauptstadt genießt. Hier kann Künzler erstmals mit ihrem Freund zusammenwohnen. Leon Dervisaj war schon Anfang 2021 aus Norddeutschland an den Main gewechselt und steht auch für die kommenden zwei Jahre beim Bundesligazweiten United Volleys am Netz.

          „Es war eine Riesenerleichterung, als wir beide unsere Verträge unterschrieben hatten“, sagt Künzler. Vorausgegangen war Hin und Her. „Es gab auch noch eine andere Alternative“, aber der 25-Jährige wollte am liebsten in Frankfurt bleiben und pendelt jetzt jeden Tag die 40 Kilometer in die Großstadt. „Ich musste das für meine mentale Gesundheit machen“, betont die Lebensgefährtin. „Aber das hat sehr viel Mut gekostet.“ Denn die Erwartungen an sie sind andere und schon seit Jahren hoch.

          In ihrer Heimat galt die in den USA geborene Sportlerin, die früher turnte, aber dabei bald größenbedingt Nachteile verspürte, schnell als Ausnahmetalent, „das wohl größte der vergangenen Jahrzehnte“, wie ihr ehemaliger Trainer Timo Lippuner einst feststellte. Mit dieser Begabung, das war der mit 17 Jahren schon als Topscorerin beim Erstligateam in Pfeffingen geführten Spielerin klar, sollte auch der Schritt zu einem Profikontrakt jenseits der Grenze möglich sein. „Es gab damals noch keine Schweizerin, die im Ausland spielte“, sagt Künzler, die eine Vorreiterrolle anstrebte, um Volleyball im eigenen Land auf ein neues Niveau zu bringen.

          Ein Jahr nach ihrer eigenen Signatur in Bayern, wohin sie Lippuner mitnahm, folgte ihr die mittlerweile beim deutschen Meister Dresden spielende Maja Storck nach Deutschland zu den Ladies in Black Aachen. Die beiden führen auch die Nationalmannschaft der Eidgenössinnen, die zuletzt zweimal bei der Europameisterschaft dabei war.

          Ihren zehnten Sommer hintereinander hat Künzler im Nationaltrikot hinter sich. Der Druck im Klub war schon bei den Raben ein ganz anderer als jener, den sie vorher gewohnt war. Manchmal habe sie das Gefühl gehabt, kaum mehr atmen zu können, sagt Künzler.

          Den Traum von einer Teilnahme an der Champions League, aus der sie im Frühjahr bereits ein Angebot hatte, oder einem Engagement im volleyballverrückten Italien, hat sie noch nicht aufgegeben. Durch den „Reset“ in Wiesbaden will sie herausfinden, wie wichtig ihr Volleyball noch ist. Mit dem Schweizer Verband, dem sie seit ihrer Jugend fast ausnahmslos zur Verfügung stand, strebt sie ebenfalls eine Lösung an, um Kopf und Körper Erholung zu gönnen. „Ich kann mir für die Zukunft alles vorstellen“, sagt Künzler. Aber jetzt wolle sie erst mal Volleyball spielen, ohne auf „das Schöne im Leben“ zu verzichten.

          Weitere Themen

          Die spanische Folter

          Fünftes Remis bei Schach-WM : Die spanische Folter

          Zum ersten Mal bei dieser WM ist Jan Nepomnjaschtschi eine ganze Partie lang am Drücker. Zufrieden ist der Herausforderer nach dem fünften Remis dennoch nicht.

          WTA setzt China-Turniere aus

          Fall Peng Shuai : WTA setzt China-Turniere aus

          „Ich kann unsere Athletinnen nicht guten Gewissens bitten, dort anzutreten, wenn Peng Shuai nicht frei sprechen darf“: WTA-Chef Steve Simon will vorerst keine Tennis-Turniere mehr in China und Hongkong.

          Topmeldungen

          Dafür: Winfried Kretschmann will eine Impfpflicht für ganz Deutschland

          Gutachten aus Stuttgart : Impfpflicht ja, Impfzwang nein

          Die Impfpflicht in Deutschland wird vermutlich kommen. Aber ist sie auch rechtens? Baden-Württembergs Ministerpräsident hat sie früh gefordert - und eine Kanzlei sie prüfen lassen. Das ist ihr Ergebnis.
          Jerome Powell hat seine Einschätzungen zur Inflation inzwischen verändert.

          Geldpolitik : Fed fürchtet hartnäckige Inflation

          Amerikas Notenbank prüft eine raschere Straffung ihrer Geldpolitik. Ihr Präsident Jerome Powell hält den Preisanstieg nicht mehr nur für vorübergehend.