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Läufer Homiyu Tesfaye : Abschied vom Marathon

  • -Aktualisiert am

Frankfurt 2019: Das Abenteuer Marathon bleibt einmalig. Für Tokio 2021 setzt Homiyu Tesfaye auf die 1500 Meter. Bild: Jan Huebner

Für seinen Traum von Olympia wechselt der Profi-Läufer Homiyu Tesfaye den Verein und die Distanz. Nach seinem Ausflug zum Marathon soll ein Neustart auf der Mittelstrecke gelingen.

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          Das Lauftalent von Homiyu Tesfaye ist bekannt. Doch Bundestrainer Georg Schmidt hat noch etwas ganz Besonderes an dem 27-Jährigen entdeckt. „Er kann sich wie kaum ein anderer auf unterschiedliche Distanzen einstellen“, sagt der Mittelstrecken-Verantwortliche des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Deshalb traue er dem gebürtigen Äthiopier etwas zu, was er ansonsten eher nicht für möglich hält: nach zwei Jahren Marathontraining auf die Bahn zurückzukehren und auf einer deutlich kürzeren Strecke eine olympiareife Leistung zu erbringen. Für den Weg dorthin hat der in Frankfurt ansässige Fachmann den Welt- und Europameisterschaftsfünften von 2013 und 2014 unter seine Fittiche genommen.

          Es soll ein Neuanfang sein für den als sprunghaft geltenden Sportler. Dafür wechselt er auch den Verein. Von Eintracht Frankfurt aus, wo Tesfaye seit seiner Ankunft in Deutschland vor zehn Jahren beheimatet war, zieht es ihn mit Ende der Wechselfrist in diesem Monat zum TSV Pfungstadt. Die Verbindung zu den Südhessen ist über Jahre hinweg gewachsen, bestätigt dessen Abteilungsleiter Gerald Hoffmann. „Homiyu war als 18-Jähriger zum ersten Mal bei unseren Abendsportfesten“ und seitdem regelmäßig.

          „Auf Geld kommt es ihm nicht an“

          Zuletzt am 30. September, als er auf der Startliste über 1500 Meter auftauchte und in 3:44,67 Minuten siegte. Danach flog Tesfaye für mehrere Wochen zum Training in seine Heimat. Mit seiner Rückkehr wurde sein Wechsel bekannt. „Die Eintracht war für mich immer ein Zuhause“, sagt er. „Aber manchmal braucht man ein anderes Gefühl, um eine neue Geschichte zu schreiben.“ Geld, das betonen alle Beteiligten, habe bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt. Schon länger wurde der mehrmalige deutsche Meister bei den Adlerträgern nicht mehr als Vertragsathlet geführt. Der neue Leichtathletik-Abteilungsleiter Michael Krichbaum betont, der Olympiahalbfinalist von 2016 sei nur noch ein normales Mitglied gewesen, dem man auf Wunsch Meldegebühren, aber keine finanzielle Unterstützung zahlte. In Pfungstadt, wo er der einzige Spitzenathlet sein wird, soll sich das nicht ändern. „Er ist finanziell unabhängig“, sagt Schmidt. „Auf Geld kommt es ihm nicht an.“ Tesfayes Frau Maryam Yusuf Jamal, 2012 Olympiasiegerin über 1500 Meter, hat während ihrer Karriere für Bahrein bestens verdient. Vielmehr wolle der im Umgang sehr höfliche Sportler sich wohl fühlen. Bei der Eintracht verabschiedete sich im Sommer sein Hauptansprechpartner, der vorherige Abteilungsleiter Wolfram Tröger. Doch selbst der wusste nicht immer, wo sein Athlet sich gerade befand.

          Schon auf die EM 2018, wo er im Finale Letzter wurde, ließ Tesfaye sich kurzfristig von Schmidt vorbereiten. Zu dem Zeitpunkt hatte der deutsche Hallen-Rekordhalter schon längere Strecken in den Blick genommen, lief ein halbes Jahr zuvor im Halbmarathon mit 1:01,20 Stunden auf Rang fünf der ewigen nationalen Bestenliste. Danach schwenkte er ganz auf die Langstrecke um und plante sein Training in Eigenarbeit. Sein Marathondebüt in Frankfurt vor einem Jahr endete mit Schmerzen und Krämpfen nach 2:18:30 Stunden auf Platz 29. Die verpasste Olympianorm für Tokio sollte im Frühjahr in Hamburg fallen. Das verhinderte die Coronavirus-Pandemie. Der Flug zu den Spielen nach Japan im nächsten Jahr soll Tesfaye jedoch nicht entgehen. So trat er im Sommer abermals an Schmidt heran mit der Bitte, ihn auf einen Start über 1500 Meter hin zu trainieren. In den vergangenen Jahren habe er seine Frau nach den Geburten der beiden drei und zwei Jahre alten Töchter Lidiya und Selam unterstützen müssen, sagt Tesfaye. Den Leistungssport konnte er nicht konsequent betreiben. Jetzt aber will er noch mal voll angreifen. Die Familie ist in Äthiopien geblieben. 50 Prozent seiner Zeit will Tesfaye dort verbringen.

          Vertrauen in Homiyus Fähigkeiten

          Schmidt ist optimistisch, dass die Zusammenarbeit funktionieren wird. „Man muss zu Homiyu einen Zugang haben“, sagt er. „Bei ihm läuft viel über Vertrauen.“ An Absprachen habe sich der Athlet bislang stets gehalten, soll nach seinen Alleingängen in den Morgenstunden in Zukunft sechsmal die Woche unter Aufsicht trainieren. „Auf der Bahn braucht man jemanden, der mit der Stoppuhr danebensteht“, sagt Tesfaye selbst. Bei Schmidt habe er ein gutes Gefühl. In der Hallensaison sind mehrere Starts geplant, die ersten im Dezember bei einer kleinen Serie, die der Hessische Leichtathletik-Verband in der Kalbacher Halle anbietet. Ziel sei es, die Norm für die Hallen-EM zu unterschreiten, auch wenn eine Teilnahme in Polen nicht zwangsläufig folgen würde. „Homiyu braucht Wettkampfpraxis“, sagt Schmidt, und müsse sich wieder die Belastungsverträglichkeit für Mittelstrecken erarbeiten.

          Die Richtzeit für Tokio von 3:35 Minuten sollte seiner Auffassung nach kein Problem darstellen. Das taktische Potential des Läufers müsse man ausbauen. Mit den Spielereien der Konkurrenz war er bei wichtigen Rennen nie zurechtgekommen. Für eine Zukunft nach dem Sport hat Tesfaye im Übrigen auch schon einen Plan: Er würde gerne ein Restaurant eröffnen. Doch vorher will er sein Lauftalent wieder zum Leuchten bringen.

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