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Kolumne: „Überm Teich“ : Rätselhafte Rituale

  • -Aktualisiert am

Nicht für jeden etwas: Die amerikanische Sportart Baseball trifft in Deutschland oft auf Unverständnis. Bild: EPA

Als Gast in Amerika ist einem manches fremd. Zum Beispiel die Art und Weise auf die Sportarten, Soldaten und die Nationalhymne zelebriert werden. Mit Bundesligaspielen ist das nicht zu vergleichen.

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          Als ich kürzlich im Madison Square Garden ein Basketballspiel der New York Knicks besuchte, war ich ziemlich verwirrt von dem patriotischen Getue rund um das Spiel. Bevor es losgeht, wird die Nationalhymne zelebriert. Je nach Wichtigkeit des Spiels tritt entweder Rihanna, Engelbert Humperdinck oder eine Semifinalistin von „The Voice of America“ auf und schluchzt die ersten Worte von The Star-Spangled Banner ins Mikro. Und es funktioniert! Augenblicklich springen sämtliche 20.789 Zuschauer auf, lassen ihre Popcorn-Tüten, Chickenwings und Pizzastücke fallen, legen die rechte Hand auf das Herz und schmettern mit. Sitzenbleiben ist ein absolutes No-Go. Sogar Querschnittsgelähmte werden skeptisch beäugt.

          Doch die Halbzeitpause toppt alles. Dann holt man einen Afghanistan-Veteranen in den Mittelkreis, der durch einen Mörserangriff in Kabul verwundet wurde und trotzdem noch drei Kameraden gerettet hat. Und obwohl die amerikanische Öffentlichkeit geteilter Ansicht über die Auslandseinsätze ihrer Armee ist, stehen alle auf und erweisen dem Mann Respekt. In Deutschland wäre das undenkbar. Die Idee, einen Bundeswehrsoldaten bei einem Bundesligaspiel in den Mittelkreis zu holen und ihn über seine Erlebnisse in Afghanistan berichten zu lassen, ist für uns so absurd, wie Helene Fischer auf einem Heavy-Metal-Konzert auftreten zu lassen.

          Das Sportereignis selbst ist für viele Amerikaner übrigens Nebensache. Für ein Knicks-Spiel geben die Fans locker 250 Dollar aus, um sich dann während des Spiels alle fünf Minuten etwas zu essen zu holen. Für mich war das ziemlich ungewohnt. Als Deutscher möchte man ja „value for money“. Jede Sekunde, die wir vom Spiel verpassen, ist für uns verschwendetes Geld. Andererseits sind viele amerikanische Sportarten absichtlich so angelegt, dass man nicht unbedingt alles mitbekommen muss. Zum Beispiel versuche ich nun schon seit Jahren, Baseball zu verstehen. Es gelingt mir nicht. Vielleicht liegt es ja an meinen europäischen Genen, die mich davon abhalten, das komplizierte Geflecht aus Ten-Run-Rule, Batting Order, Innings, Halbinnings, Foul tip, Fly out, Base on Balls, Strikeout, Tag Out, Ground Out oder einem Sacrifice Fly zu kapieren.

          Irgendwann gestand mir ein New Yorker Freund, dass es den Amerikanern ganz genauso geht. Sie geben es nur nicht offen zu. Im Grunde genommen versteht kein Mensch Baseball. Was aber auch egal ist, denn auf dem Feld passiert die meiste Zeit sowieso nichts. Vermutlich ist Baseball die einzige Sportart, bei der das Mitmachen noch langweiliger ist als das Zuschauen. Einmal bin ich während eines Spiels der New York Yankees 20 Minuten lang weg gewesen, um mir einen Hotdog zu holen. Und ich schwöre: Als ich wiederkam, standen die Spieler noch an der exakt selben Stelle wie zuvor. Haben die extra für mich das Spiel angehalten? Wissen Sie, was während eines europäischen Fußballspiels in 20 Minuten passieren kann? Man guckt einmal nicht hin, und – schwupps – fallen zwei Tore, der Trainer ist gefeuert, und drei Spieler wurden verkauft.

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