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DFB-Pokalsieger Offenbach : Als der Bieberer Berg der Gipfel war

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Stolze und müde Pokalsieger: Kickers Offenbach bejubelt den Triumph nach dem Finale von Hannover. Bild: Imago

Die Kickers Offenbach wurden vor 50 Jahren DFB-Pokalsieger. Die Freude über den Coup war groß. Doch dem Höhenrausch folgte neun Monate später der Abstieg. Und dazu kam noch der Bundesliga-Skandal.

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          Die Entfernung zwischen Himmel und Hölle? Unendlich? Glaubenssache! Der Zeitraum? Genau neun Monate und sieben Tage zwischen dem 29. August 1970 und dem 6. Juni 1971. Eine Wahrnehmung, wie sie damals glühenden Anhängern der Offenbacher Kickers vorbehalten war. Im Spätsommer der Triumph im Pokalendspiel gegen den 1. FC Köln, im Frühsommer darauf der Abstieg des Aufsteigers aus der Fußball-Bundesliga. Das Bonmot von der Offenbacher Spielstätte Bieberer Berg als höchstem Gipfel hierzulande machte die Runde: ein Jahr für den Aufstieg, ein Jahr für den Abstieg. Der Pokalsieg mit dem 2:1 gegen den rheinländischen Favoriten, so lässt es sich in manchen Chroniken herauslesen, war Segen und Fluch zugleich. Der Weg ins Endspiel mit Erfolgen über 1860 München, Borussia Dortmund, die Frankfurter Eintracht (3:0 im Waldstadion) und den 1. FC Nürnberg sei an die Substanz gegangen, die im Alltag der Bundesliga gefehlt habe. Der Triumph brachte als Zugabe ja noch die Europapokal-Duelle gegen den FC Brügge (2:1 daheim, 0:2 auswärts) mit sich.

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          „Vollkommener Quatsch, wir sind abgestiegen, basta“, sagt Karl-Heinz Volz heute betont nüchtern und will nichts von der These vom Kräfteverschleiß wissen. Damals, am 29. August 1970, war der Torhüter 23 Jahre alt und der gefeierte Mann. Heute ist er immer noch schlank und rank, ein Zeitzeuge ohne jeglichen Hang zur Verklärung. Dabei bleibt er zeitlebens der Held der Partie. Weil er einen Strafstoß

          parierte, von dem selbst Innenminister Hans-Dietrich Genscher als neutraler Augenzeuge sagte: „Ich persönlich hätte ihn nicht gegeben.“ Aber Schiedsrichter Gerhard Schulenburg wähnte sich mit dem in der 81. Minute verhängten Elfmeter auf der sicheren Seite. Zu diesem Zeitpunkt führten die Kickers nach Toren von Klaus „Johnny“ Winkler sowie Horst „Pille“ Gecks und dem Gegentreffer von Hennes Löhr 2:1. Volz bestätigt die Tumulte rund um die Entscheidung, die man nach damaligen und heutigen Maßstäben „nie und nimmer hätte geben dürfen“, so Volz. Schulenburg hatte sich vom Kölner Bernd Rupp durch ein Fallmanöver täuschen lassen.

          Tumulte vor dem Elfmeter

          Bevor Werner Biskup zum Elfmeter antreten konnte, dauerte es. Es gab Tumulte auf dem Platz, Zuschauer hatten die Ränge verlassen. Auch verbal ging es hoch her: Hansi Reich stellte die Rechtmäßigkeit in Frage und sei, so versicherte es der Kölner Wolfgang Overath nach dem Schlusspfiff, im Getümmel wegen Beleidigung vom Platz gestellt worden. „Der bleibt drin“, machte sich Verteidiger Seppl Weilbächer für seinen Teamkameraden stark, und Reich blieb prompt drin.

          Schulenburg war sich letztlich nicht sicher, wer ihn da hinter seinem Rücken kritisiert hatte. Volz indes blieb die Ruhe in Person und erinnerte sich an die „Sportschau“, die es damals schon gab, und Szenen von „zwölf, dreizehn Elfmetern, die Biskup allesamt in der rechten Ecke vom Torwart versenkt hatte. Für mich war klar, die nehme ich mir vor.“ Biskup tat ihm den Gefallen. Dessen alles andere als solidarische Ehefrau in dieser speziellen Geschichte: „Ich war nicht traurig, dass Werner nicht traf, denn es war doch kein Elfmeter!“ Heute wäre wohl ein rheinischer Shitstorm im Netz gefolgt.

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