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DFB-Pokalsieger Offenbach : Als der Bieberer Berg der Gipfel war

  • -Aktualisiert am

Wimpeltausch am Siegertisch

Beim Anpfiff saß OFC-Präsident Horst-Gregorio Canellas wie selbstverständlich dort, wo Trainer und Ersatzspieler Platz genommen hatten. Dabei hatte ihm das Protokoll einen Sitz auf der Ehrentribüne reserviert. Die Distanz zum Ort des Geschehens war nichts für den für seine Emotionalität berühmt-berüchtigten Südfrüchtehändler. Sprichwörtlich stolz wie ein Spanier registrierte er beim Bankett Komplimente für sein Team. Was für eine Genugtuung, am „Siegertisch“ Platz zu nehmen, dort, wo flugs der Wimpel der Kölner gegen den der Offenbacher ausgetauscht wurde. Derweil ging es für den Kickers-Tross via Sonderzug gen Heimat. Im Siegestaumel reichten Hunderte von Schnitzeln, belegten Brötchen und Würstchen nicht als Verpflegung für die feucht-fröhliche Heimfahrt.

Ab Fulda war allenfalls ein Rollmops zu ergattern, von Hanau an wurden die letzten Gewürzgurken unter das Volk gebracht. Canellas düste noch am Samstag zurück nach Offenbach, um die Feierlichkeiten für den Pokalsieger zu organisieren. Die Schätzungen, wie viele Menschen die Straßen säumten, als die Mannschaft sich am Sonntag samt Pokal in Cabrios den Weg zum „Kaiserhof“ bahnte, variierte zwischen 50.000 und 150.000. Ein Transparent verhieß reichlich holprig: „Wir brauchen keinen Overath – der OFC ist so auf Draht.“ Im Überschwang der Gefühle formulierte Oberbürgermeister Georg Dietrich einen Satz, der für den Augenblick als mehrheitsfähig durchgehen konnte: „Wir Offenbacher können ohne die Kickers nicht leben.“

Am Ende der Skandal

Der Fußball-Alltag mit der Bundesliga als täglich Brot holte die Stadt viel zu früh auf den Boden der Tatsachen zurück. Als im ersten Heimspiel nach dem Triumph der Pokal im Stadion Bieberer Berg präsentiert wurde, setzte es ein 0:2 gegen Eintracht Braunschweig. Die folgende Niederlage in Bielefeld und ein Unentschieden gegen den VfB Stuttgart ließ Trainer Schmidt resignieren. Nachfolger Rudi Gutendorf tönte: „Offenbach ist eine Mannschaft, der die Zukunft gehört.“ Eine Ansage mit baldigem Verfallsdatum. Im Hinspiel des Europapokals gegen den FC Brügge hatte Offenbach mit Schmidt noch 2:1 gewonnen, mit Gutendorf erlebten die Kickers im Rückspiel mit 0:2 ihr Waterloo.

In der Winterpause wurde Kuno Klötzer als Retter verpflichtet. Am Ende fehlte mit 27 Punkten ein Pünktchen zum Klassenverbleib. Mit 28 Pluspunkten, der bescheidenen Ausbeute der Frankfurter Eintracht der Saison 70/71, hätte Canellas wohl auch nicht das Fass ohne Boden aufgemacht – Tonband-Belege, die den Bundesliga-Skandal aufdeckten. Karl-Heinz Volz hatte in der Endphase der Saison „mitgekriegt, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Es wurde beschissen bis zum geht nicht mehr“, wie sich später vor Gericht erweisen sollte. Der Pokalsieg der Kickers verblasste angesichts der Betrügereien, die den Profifußball in ein Licht tauchte, als handle es sich durch die Bank um eine Halbwelt.

Im Rausch des Pokalsieges wurde im Sonderzug noch im breitesten Hessisch aus übervoller Kehle gereimt: „Die Kölner sind kaan Gechner meer, schickt uns Inter Mailand her.“ Im Zeitraffer des Fußballs Marke Offenbach, längst angekommen in der vierten Liga, zehren unverbesserliche Nostalgiker noch von einem Tag, wie er allen, die es mit den Kickers halten, wohl nie mehr vergönnt sein wird. Obwohl – der ebenfalls viertklassige 1. FC Saarbrücken hat es aktuell bis ins Halbfinale des Pokals gebracht. Man ist versucht, wider alle Wahrscheinlichkeit nie nie zu sagen.

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