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Fast blinder Judoka Nashwan : Der mit den zwei Kämpferherzen

  • -Aktualisiert am

„Gott hat meine Augen zu klein gemacht“: Judoka Shugaa Nashwan Bild: privat

Dank seines eisernen Willens kämpft der sehbehinderte Judoka Shugaa Nashwan nicht nur bei den Paralympics, sondern auch in der regulären Judo-Bundesliga. Andere Sinne helfen ihm dabei.

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          Sein erster Trainer, Markus Zaumbrecher, hat über Shugaa Nashwan gesagt, dass er zwei Kämpferherzen in seiner Brust trage. Der heute 22 Jahre alte Judoka ist nicht bereit zu akzeptieren, dass er nicht alles schaffen kann. Sein extremer Wille, aber auch seine Geduld, erlauben es dem fast blinden jungen Mann, Hindernisse zu überwinden, die andere für ihn als zu hoch erachten.

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          Shugaa Nashwan, der den Mut schon in seinem arabischen Vornamen trägt, ist im Jemen geboren. Nach Deutschland kam er im Alter von fünf Jahren. An der Netzhauterkrankung, die ihn nur noch Schemen erkennen lässt, litt er bereits. „Gott hat meine Augen zu klein gemacht“, so erklärte er als kleiner Junge seine nachlassende Sehkraft. In Wiesbaden, wo sein Vater eine neue berufliche Herausforderung anging, besuchte der Sohn eine normale Schule. Doch sein Nachteil erschwerte ihm den Alltag. Im Internat der Marburger Carl-Strehl-Schule, einer Fördereinrichtung für Blinde und Sehbehinderte, fand er Unterstützung. Und unter dem großen sportlichen Angebot dort auch seine große Leidenschaft.

          Judo, dieser Mattenkampf mit engem Körperkontakt, hat den Psychologiestudenten und Stipendiaten der SRH Mobile University in Riedlingen so gepackt, dass er bei den Sehbehinderten an Welt- und Europameisterschaften teilnahm. Doch der Bronzemedaillengewinner der EM 2019 kämpft auch im regulären Wettkampfbetrieb mit, war unter anderem Mitglied der Zweitliga-Teams der Judo-Clubs Wiesbaden und Braunschweig. In diesem Monat sollte seine erste Saison in der Bundesliga beim JC Rüsselsheim beginnen, wäre nicht das Coronavirus dazwischengekommen, dessentwegen nicht nur im Judo alles ruht.

          „Ich muss alles neu denken“

          Betroffen sind von der Pandemie auch die paralympischen Spiele in Tokio, für die Nashwan über die Weltrangliste bereits qualifiziert war. Ein Traum sollte damit für ihn in Erfüllung gehen. „Jetzt muss ich alles neu denken“, sagt der Athlet angesichts der Verlegung auf 2021. Seit acht Jahren arbeitet der Kosmopolit auf diese Rückkehr nach Japan hin. In dem Mekka seines Sports hatte Nashwan nach dem Abitur sechs Monate verbracht. In Tenri lernte der selbstbewusste junge Mann als erster blinder Student die Sprache, hielt Vorträge und gab Deutschunterricht. Zudem profitierte er von der hohen Qualität des Körper- und Kampfkunsttrainings im Judo-Herkunftsland. Zurück in Europa, wollte er seine Erfahrungen auf die Matte bringen. Doch bei der WM 2018 in Portugal scheiterte der Debütant in der ersten Runde. Andere Gedanken als die an Sieg oder Niederlage waren ihm durch den Kopf gegangen. Seine ältere Schwester Lena, die an der gleichen Augenkrankheit leidet, war zu dem Zeitpunkt vor dem 2015 im Jemen ausgebrochenen Krieg nach Ägypten geflüchtet, ein riesiges Wagnis für eine blinde Frau. Der Bruder hatte das Gefühl, für sie da sein zu müssen. Seinen Sport, für den er ansonsten alles gab, zog er plötzlich in Zweifel.

          Auch jetzt regen sich in dem sportpolitisch Engagierten wieder ähnliche Gedanken. Nach den Paralympics wollte er durch sein Geburtsland reisen, um den Kindern dort in ihrem Elend mit Judo-Stunden etwas Erfreuliches zu bieten. Jetzt ist er sich darüber im Unklaren, ob ihm noch so viel Zeit bleibt. Das Coronavirus würde für Jemen „eine Katastrophe“ bedeuten, sagt Nashwan. Der Drang, etwas tun zu müssen, treibt ihn an. Auf der anderen Seite hofft der hessische Para-Sportler des Jahres, so bald wie möglich ins Training zurückkehren zu können. Vor der Sperrung der Sportstätten plagte ihn eine Schulterverletzung. Jetzt, da er wieder angreifen könnte, stoppt ihn das Virus. Nicht mal Tandemfahren sei ihm vom Olympiastützpunkt in seiner Wahlheimat Hannover erlaubt worden, da die Distanz zur sehenden Partnerin nicht dem Sicherheitsabstand entspricht, der eine mögliche Ansteckung verhindern würde.

          Der Aufwand, den Nashwan sonst im Training betreibt, ist immens. Da er sich neue Techniken nicht abschauen kann, muss er sie erst verstehen und sich dann durch sie hindurchführen lassen. Im Duell mit Sehenden hat er zudem das Problem, dass er nie weiß, wo und wie er den Gegner erwischt. Bei Para-Wettkämpfen beginnen die Kämpfe in einer festgelegten Ausgangsposition, in der sich die Gegner gegenseitig an Ärmel und Revers packen. In anderen Wettbewerben muss er sich seinen Griff erst suchen, was selten optimal gelingt. Zudem kann er nur auf das reagieren, was sein Gegenüber macht. Dabei orientiert er sich mit seinen übrigen Sinnen, spürt einen Luftzug, wenn der andere den Arm hebt, oder nimmt eine Veränderung der Geräusche im Raum wahr, wenn sich der andere Körper in eine bestimmte Richtung bewegt. „Man muss mit dem, was man bekommt, das Beste machen“, sagt Nashwan, ohne zu hadern. Von Kindheit an hat er diese Einstellung genährt. Geholfen habe ihm dabei, dass er von vielen Seiten Unterstützung bekam. Er sei, wie er sagt, „ein Produkt all der Liebe, die ich erfahren habe“.

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