https://www.faz.net/-gtl-6lgl3

Jack Culcay : In der Warteschleife

  • -Aktualisiert am

Augenblick der Ruhe: Mit dem Rücken zur Wand steht Jack Culcay noch nicht, aber die Zeiten sind härter geworden. Bild: Anna Jockisch

Ungewissheit statt Berechenbarkeit: Die Boxkarriere von Jack Culcay ist ein wenig ins Stottern geraten. Der Profi aus Darmstadt hat mit Widrigkeiten zu kämpfen – nicht nur im Ring.

          3 Min.

          Die Karriere Jack Culcays scheint programmiert. Wie einst bei Henry Maske, Dariusz Michalczewski oder Sven Ottke. Wer als Amateur mit außergewöhnlichem Talent, optimaler Grundausbildung, jahrelanger internationaler Turnier-Erfahrung, mit Titeln bis hin zum Olympiasieger, Welt- und Europameister ins Profilager wechselt, dessen Zukunft leuchtet hell. Verträge bei einem der marktbeherrschenden deutschen Boxställe, Sauerland Event und Universum Box-Promotion, garantieren geradezu den Aufstieg zu Ruhm und Reichtum. Das Fernsehen als Zahlmeister ließ das Profiboxen boomen und sicherte die Existenz der Unternehmen. Und die Entwicklung der Hoffnungsträger zum Hauptkämpfer. Doch bei Universum haben sich die Zeiten geändert.

          Jack Culcays Hamburger Promoter Klaus-Peter Kohl hat seit dem Ausstieg des ZDF Ende Juli keinen finanzstarken Haussender mehr. Dieses Fiasko war kaum vorhersehbar, als der Amateur-Weltmeister Culcay im November 2009 einen Dreijahresvertrag mit garantierten Kämpfen – jeweils sechs in den beiden ersten Jahren, danach drei über zwölf Runden, also internationale Titelkämpfe – unterschrieb. „Jack braucht für seine Karriere einen großen Sender“, sagt sein Manager Moritz Klatten. „Ein führender Fernsehsender wäre schon sehr wichtig“, sagt auch Jack Culcay, macht sich aber „keine Sorgen“, dass sein Masterplan scheitern könnte: Demnächst ein Kampf um die deutsche Meisterschaft im Halbmittelgewicht (bis 69,853 Kilo), zum Jahresende einer um die Europameisterschaft, 2012 dann der um die Weltmeisterschaft – das sei realistisch.

          Ungewissheit und Improvisation statt Planungssicherheit und Kontinuität

          Aktuell sieht die Realität anders aus: Nach sieben siegreichen Profikämpfen innerhalb von elf Monaten weiß der 25 Jahre alte gebürtige Ekuadorianer nicht, wann der achte ansteht. Der 29. Januar in Hamburg sei als Termin zwar angedacht, sagt Klatten. Aber Genaues wisse man nicht. Das Datum wird bisher weder auf der Homepage von Universum noch auf der Website des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB) angekündigt. Ungewissheit und Improvisation statt Planungssicherheit und Kontinuität begleiten derzeit Jack Culcay auf seinem angestrebten Weg nach oben. Der technisch begabte Boxer ohne harten K.-o.-Schlag trainiert derweil zwischen den Jahren allein zu Hause in der eigenen Boxschule in Pfungstadt und danach wieder bei seinem Trainer Michael Timm im Hamburger Universum-Gym.

          Dort also, wo er auch seinen letzten Kampf und den ersten über acht Runden gegen den Bulgaren Alexei Ribchev nach Punkten gewann. Dieser Ringauftritt war eine Internet-Premiere im deutschen Boxsport und „lediglich als Test gedacht“, so Kohl. Mehr als 300.000 Mal sei die Live-Übertragung bei Bild.de abgerufen worden. Mit halbseitigen Aufmachern über Culcay hatte das Boulevardblatt in seiner Hamburg-Ausgabe aber auch zehn Tage lang für die Klicks geworben. „Das war insofern eine sehr gute Sache“, sagt der Hamburger Klatten, „weil Jack so viel Presse hatte wie noch nie.“

          Deutsche Meisterschaft ist möglich

          Dieser Kampf am 19.November gab aber auch Anlass zu Kritik. „Jack hat gemerkt, dass der Weg nach oben noch weit ist. Er ist ein außergewöhnlicher Boxer, aber auch er muss noch viel lernen“, mahnte Kohl. Culcay musste sich sogar Pfiffe gefallen lassen, weil er seinen Gegner veralberte. Dabei musste „Golden Jack“, so sein Kampfname, „ungewohnt viele Treffer einstecken wie in seinen sechs vorangegangenen Profikämpfen zusammen nicht“, kritisierte das Fachblatt „Boxsport“. Culcays Rechtfertigung hörten sich nicht gerade klug an: „Das war ein guter Kampf für mich, weil es der erste Gegner war, der wirklich gewinnen wollte.“ Umkehrschluss also: Zuvor hatte er nur Fallobst besiegt.

          Ein Kampf um die deutsche Meisterschaft im Halbmittelgewicht dürfte ebenfalls unter diese Kategorie fallen. Denn der BDB führt als nationalen Meister einen gewissen Maurice Weber aus Leverkusen, Geburtsname Mohammed Lassoued, der den letzten seiner 14 Kämpfe (zwölf Siege, eine Niederlage, ein Unentschieden) laut Statistik vor zwei Jahren bestritt. Der Neunundzwanzigjährige müsste also erst reaktiviert werden. Anders der internationale deutsche Meister dieser Klasse: Der in Koblenz lebende Türke Turgay Uzun ist zwar schon 36 Jahre alt und hat 51 Kämpfe (34 Siege, 15 Niederlagen, 2 Unentschieden) in den Fäusten, ist aber aktuell sehr aktiv. In der ersten Dezember-Hälfte hat er bei Kleinringveranstaltungen zweimal geboxt und zweimal gesiegt.

          Ein deutscher Meister Jack Culcay würde die von Vakanzen geprägte Meisterliste des BDB gewiss schmücken und aufwerten. Übrigens: Auch Michalczewski und Ottke haben mit BDB-Gürteln ihre Titelsammlung angefangen. Nur Henry Maske wählte einen anderen Weg.

          Weitere Themen

          Dicke Knollen und kleine Fluchten

          Tourismus in Hessen : Dicke Knollen und kleine Fluchten

          Der Tourismus an der Bergstraße und im Odenwald gedeiht – Corona sorgt für „Buchungen auf Rekordniveau“. Doch auch der Trend zum Camping- und Reisemobilurlaub bringt mehr Menschen in die Region.

          Von Goethe bis Ebbel Video-Seite öffnen

          Quiz zu 75 Jahre Hessen : Von Goethe bis Ebbel

          Die Hessen haben ein Lieblingsgetränk, ihr Bundesland hat eine geographische Mitte und große Namen spielen eine Rolle und das Land hat Nachbarn. Ein Quiz zum 75. Jahrestag der Gründung des Bundeslands in Deutschlands Mitte.

          „Aus der Presse erfahren“

          Ausschluss aus hessischer AfD : „Aus der Presse erfahren“

          Der Streit in der hessischen AfD um einen geplanten Ausschluss zweier Fraktionsmitglieder geht weiter. Jetzt hat der AfD-Landtagsabgeordnete Ralf Kahnt seinen Unmut geäußert.

          Topmeldungen

          Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.
          Der erste Streich: Gnabry nimmt Maß und trifft.

          8:0 gegen Schalke : Die Acht-Tore-Ansage

          Der FC Bayern demonstriert zum Saisonauftakt der Bundesliga seine Überlegenheit und demontiert den FC Schalke nach allen Regeln der Fußball-Kunst. Serge Gnabry trifft beim 8:0 drei Mal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.