https://www.faz.net/-gtl-sg90

Interview : „Wir stehen nicht schmollend in der Ecke“

  • Aktualisiert am

„Wir wollen den Erfolg des DOSB”: LSB-Präsident Rolf Müller Bild: Christian Klein

Kurz vor der geplanten Grundsteinlegung des DOSB in Frankfurt äußert sich der Präsident des Landessportbundes Hessen, Rolf Müller, über die neuen Führungskräfte und die Stellung des Breitensports.

          4 Min.

          Rolf Müller gilt als einer der schärfsten Kritiker der Fusion von Deutschem Sportbund (DSB) und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Kurz vor der Besiegelung des Zusammenschlusses in Frankfurt (siehe FAZ.NET-Spezial: DOSB-Gründung) äußert sich der Präsident des Landessportbundes Hessen über die neuen Führungskräfte, die Stellung des Breitensports und eine möglich abermalige Olympia-Bewerbung Deutschlands.

          Sie waren im vergangenen Jahr einer der schärfsten Kritiker der Fusion von Deutschem Sportbund (DSB) und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). An diesem Samstag soll der im Dezember beschlossene Zusammenschluß nun in Frankfurt besiegelt werden. Mit welchen Empfindungen erwarten Sie die Verschmelzung?

          Mit überwiegend positiven Gefühlen. Ich habe im Vorfeld dafür gekämpft, in diesem historischen Vereinigungsprozeß auch für die Landessportbünde eine gute Position zu erreichen. Das ist in weiten Teilen gelungen.

          Sie sprechen von einem historischen Ereignis. Warum können Sie den DOSB heute, anders als noch vor einem halben Jahr, freudig begrüßen?

          Anders als damals herrscht heute einigermaßen Klarheit über die allerdings nicht sehr rosige Finanzsituation des DOSB. Das war ja eine unserer Hauptforderungen: Wir wollten genau wissen, in welche finanzielle Ausgangslage sich die beiden Partner begeben. Zweitens hat sich die Stellung der Landessportbünde in diesem Gesamtgefüge positiv verändert, und drittens hat sich die Atmosphäre zwischen den beteiligten Verbänden, nachdem der Beschluß zur Fusion einmal gefaßt war, deutlich entspannt.

          Sie hatten befürchtet, die Landessportbünde würden unter der Neuordnung des Sports leiden müssen. Sind Ihre Bedenken inzwischen ausgeräumt?

          Grundsätzlich ja. Nach wie vor besteht aber ein großes Manko darin, daß man bisher vor allem über Personen gesprochen hat. Ich wünsche mir, daß nach diesem Wochenende ein Konzept für den neuen Sportbund und eine Beschreibung der Kernaufgaben vorgelegt wird. Personen sind gerade am Anfang natürlich von besonderem Interesse, aber jetzt müssen wir sehen, daß wir das Ganze inhaltlich-strukturell und auch in der vertikalen Aufgabenverteilung zwischen DOSB, den Landesportbünden und den Fachverbänden auf Landesebene organisieren.

          Das heißt, Sie stehen jetzt voll hinter dem Projekt DOSB?

          Wir stehen jedenfalls nicht schmollend in der Ecke, weil wir unterlegen sind. Wir arbeiten jetzt aktiv mit, versuchen, aus dieser neuen Situation für den deutschen Sport das Beste zu machen. Wir wollen den Erfolg des DOSB.

          Wie soll die Idee DOSB mit Leben erfüllt werden?

          Ich will es zunächst einmal negativ beschreiben: Es darf kein Wasserkopf werden, der sich ausschließlich dem Spitzensport auf Bundesebene widmet. Nötig ist eine Aufgabenteilung, bei der die wichtige Rolle der Landessportbünde und der Fachverbände auf Landesebene bei der Nachwuchsförderung des Leistungssports gewürdigt wird. Bisher wird mir noch zu sehr darüber geredet, wie wir den Spitzensport auf Bundesebene organisieren können. Das ist wichtig, aber das Ganze braucht auch einen Unterbau.

          Sind Sie mit der geplanten Besetzung der DOSB-Führung zufrieden?

          Nachdem Thomas Bach uns sehr glaubhaft gemacht hat, daß er die Position des DOSB-Präsidenten nicht als Sprungbrett für höhere Aufgaben beim Internationalen Olympischen Komitee sieht, glaube ich, daß er aufgrund seiner Erfahrung auf internationaler Ebene und vor allen Dingen aufgrund der Tatsache, daß er bisher weder im Präsidium des DSB noch in dem des NOK vertreten war, der richtige Mann ist. Deshalb gestehe ich ihm auch zu, daß er sich seine Mannschaft zusammenstellt.

          Sie trauen Bach zu, daß ihm die gewünschte enge Verknüpfung von Spitzen- und Breitensport gelingt?

          Ich traue ihm zu, daß er erkennt und weiß, daß Sport in Deutschland nicht nur Spitzensport auf nationaler Ebene ist, sondern daß die große gesellschaftliche Kraft des Sports darin begründet ist, daß wir viele Facetten haben: vom Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport bis hin zum Leistungssport. Und die demographische Entwicklung in Deutschland verschiebt ja eindeutig die Koordinaten vom Leistungssport hin zu den Angeboten für Ältere, zu den Angeboten im Gesundheitsbereich. Dies muß eine Sportorganisation auch auf nationaler Ebene erkennen. An der Konzeption von Herrn Bach gefällt mir zudem sehr gut, daß er gezielt die Öffnung des Sports zu anderen gesellschaftlichen Gruppierungen betreibt. Deshalb hat er einen Beirat vorgeschlagen, der mit Vertretern aus Politik, Kunst und Wirtschaft besetzt ist. Der Sport ist zwar eine große gesellschaftliche Kraft, aber wir brauchen Partner.

          Mit dem Führungsteam, das sich Bach zusammengestellt hat, können Sie leben?

          Der voraussichtliche Kopf sollte auch seine Mannschaft bestimmen. Von daher muß man diesem Präsidium, wenn es denn in dieser Zusammensetzung gewählt wird, eine faire Chance geben.

          Halten Sie es für gut, daß es wohl keine Gegenkandidaturen geben wird?

          Gegenkandidaturen sind immer auch eine Frage des Mutes. Es ist in unserer Gesellschaft prinzipiell niemandem verboten, für ein Amt zu kandidieren. Aber ich halte es für richtig, in einem solchen historischen Moment nach innen und außen Einheit zu dokumentieren.

          Der ehemalige Turnweltmeister und designierte Vizepräsident Leistungssport im DOSB, Eberhard Gienger, hat eingeräumt, daß er als Aktiver mit Anabolika medikamentiert worden ist - ein Medikament, dessen Wirkstoff auf der Liste der verbotenen Dopingmittel steht. Ist ein solcher Mann noch glaubhaft, wenn er sich für eine strenge Bekämpfung und Bestrafung des Dopings ausspricht?

          Ich will es mal mit einem Bild aus dem Kunstturnen sagen: Man kommt nicht immer, auch wenn man noch so gut trainiert, nach einem dreifachen Salto mit beiden Füßen sofort zum Stand. Die Äußerungen von Eberhard Gienger, den ich persönlich sehr schätze und den ich auch für die richtige Wahl halte, sind unglücklich. Er hätte sich zu einem solch sensiblen Zeitpunkt, an dem der deutsche Sport vor einem Neuanfang steht, besser zweimal überlegen sollen, wie er formuliert. Aber ich finde es nicht fair, daß er jetzt von interessierter Seite quasi als Dopingsünder diffamiert wird.

          Ist es akzeptabel, daß ein Mann, der ein herausragendes Amt im deutschen Sport übernehmen soll, den Eindruck erweckt, Anabolika seien unter gewissen Umständen tolerabel?

          Wenn er dies so gemeint hätte, dann wäre er in dieser Position natürlich nicht tragbar. Das ist aber nicht so.

          Der scheidende Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, erwartet, daß der DOSB eine abermalige Olympia-Bewerbung Deutschlands ins Auge faßt. Sie auch?

          Nein. Der DOSB hat dringlichere Aufgaben, als sich Gedanken darüber zu machen, ob und wann wir noch einmal Olympische Spiele in Deutschland ausrichten sollten. Dies ist aus meiner Sicht genau der falsche Weg, mit einer zwar wichtigen, aber eben doch einer Randfrage zu beginnen. Wir müssen vielmehr sehen, wie wir die Einheit vom Breitensport bis zum Spitzensport, die wir jetzt gefunden haben, in der täglichen Arbeit deutlich machen. Da sind nach wie vor die wichtigsten Partner die Vereine, und die wenigsten davon interessiert, ob Olympia in Deutschland stattfindet. Die erwarten vielmehr eine solide Existenzgrundlage für ihre Arbeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.