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Fußball in Hessen : „Zu viel Gewalt, zu viel Respektlosigkeit“

  • -Aktualisiert am

Glaubt an die Integrationskraft des Fußballs: Gerhard Hilgers Bild: Imago

Nach mehr als 27 Jahren als Geschäftsführer beim Hessischen Fußball-Verband verabschiedet sich Gerhard Hilgers in den Ruhestand. Im Interview spricht er über Jugendfußball, Geld und die Gefahren durch Corona.

          5 Min.

          Sie sind jetzt 66. Nach mehr als 27 Jahren Geschäftsführertätigkeit beim Hessischen Fußball-Verband (HFV) haben Sie sich in den Ruhestand verabschiedet. Aufgrund der Corona-Pandemie ist das kein guter Zeitpunkt, oder?

          Es ist doch klar, dass ich nur zu gerne unter anderen Voraussetzungen gegangen wäre. Meine beiden Nachfolger Benjamin Koch und Nicolas Fink werden jetzt ins kalte Wasser geschmissen. Aber ich bin mir sicher, dass sie die Herausforderungen problemlos stemmen können.

          Warum gibt es jetzt zwei Geschäftsführer?

          Es macht Sinn, die einzelnen Aufgabenbereiche aufzuteilen. Benjamin Koch wird sich um Recht und den Spielbetrieb kümmern, Nicolas Fink um Wirtschaft und Finanzen. Die Anforderungen sind wesentlich umfangreicher geworden.

          Wie groß wird der Schaden für den Amateurfußball in Hessen durch die Corona-Krise sein?

          Ich bin überzeugt davon, dass wir gerade im Jugendbereich einen großen Aderlass haben werden. Eine ganze Reihe von Kindern und Jugendlichen werden sich in Zukunft anderweitig orientieren und sich neue Hobbys suchen. Hinzu kommt, dass die Begeisterung für den Fußball auch von den Erfolgen der Nationalmannschaft abhängt. Als wir 2014 Weltmeister geworden sind, hatten wir einen Riesenzulauf an Neuanmeldungen gerade im Jugendbereich. Das galt auch für 2006 nach der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Ist die Nationalmannschaft erfolgreich, rennen uns die Kinder die Bude ein. Aber schon vor der Corona-Pandemie hatten wir ab der D- und C-Jugend einen gewissen Aderlass. Auch im Bereich Frauen- und Mädchenfußball war von den Zahlen her ein Rückgang zu verzeichnen. Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, vor allem im Jugendfußball gute Angebote zu machen.

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          Befürchten Sie weitere Konsequenzen durch die Pandemie?

          Die Auswirkungen auf den Fußball in Hessen sind eine wahnsinnige Herausforderung für den Verband und die Vereine. Womöglich wird es auch den einen oder anderen Klub nach der Corona-Krise nicht mehr geben. Oder zumindest nicht in der bestehenden Form. Fußball wird weiter gespielt werden – aber wahrscheinlich nicht in voller Besetzung. Von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern werden sich einige sagen: Das tue ich mir im Hinblick auf die vielen neuen Voraussetzungen wie zum Beispiel die Umsetzung der Hygienekonzepte nicht mehr an. Sie stellen sich die Frage, wie ihre Verantwortung aussieht, wenn sich jemand infizieren sollte. Für die Ehrenamtler ist das alles eine Riesenherausforderung.

          Erinnern Sie sich noch an Ihre Anfänge beim HFV? Sie hatten in Köln Sport und Biologie auf Lehramt studiert. In der Zeitung haben Sie dann von der Stellenausschreibung des HFV gelesen.

          Ja, damals soll es über 170 Bewerber für den Posten gegeben haben. Als ich beim Verband angefangen habe – es gab keinen PC, sondern nur elektronische Schreibmaschinen –, waren wir 15, 16 hauptamtliche Mitarbeiter. Heute hingegen sind wir bei knapp 40. Als ich mit meiner Arbeit begonnen habe, hatten wir keinen Juristen. Wir hatten keine IT-Abteilung, keine Schiedsrichterabteilung, keine Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und keinen Bereich Frauen- und Mädchenfußball. Ich bin des Öfteren von Vereinen zu Hause angerufen worden, die zum Beispiel noch eine Spielberechtigung für das Wochenende gebraucht haben. Damals war ich 24 Stunden lang der Ansprechpartner. Grund zu klagen hatte ich aber nie: Schließlich hatte ich den Vorteil, mein Hobby zum Beruf machen zu können. Nirgendwo lernt man wohl so viele Leute wie beim Fußball kennen. Als Erstes fällt mir Charly Körbel ein. Wir sind im gleichen Jahrgang geboren – daher fühlten wir uns schnell persönlich verbunden.

          Apropos Strukturen: In gewisser Weise ein Dauerthema ist die Reform der Gebiete und der Klassen in Hessen.

          Das wäre wieder ein Thema beim Verbandstag geworden, den wir wegen der Pandemie schon zweimal verschieben mussten. Ziel ist es, das Spielgeschehen in Hessen weiter zu verbessern. Durch Großstädte auf der einen Seite und flaches Land auf der anderen Seite mit ganz verschiedenen Leistungsstärken haben wir keine homogenen Strukturen. Die richtige Spielklassenform zu finden, die für Frankfurt, Fulda, Kassel und den Odenwald passt, ist deshalb ein dickes Brett, das durchbohrt werden muss.

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