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Interview : „Eismeister, das ist eine Wissenschaft für sich“

  • Aktualisiert am

Ein Frankfurter in Turin: Marcus Bettenbühl Bild: Stadt Frankfurt

Marcus Bettenbühl sorgt bei den Olympischen Spielen für Glatteis. Der 33 Jahre alte Betriebsleiter der Eissporthalle ist Frankfurts Teilnehmer in Turin. Er hält als Eismeister die Lauffläche der Eisschnellaufhalle „Torino Oval Lingotto“ in Schuß.

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          Marcus Bettenbühl sorgt bei den Olympischen Spielen für Glatteis. Der 33 Jahre alte Betriebsleiter der Eissporthalle ist Frankfurts Teilnehmer in Turin. Er hält als Eismeister die Lauffläche der Eisschnellaufhalle „Torino Oval Lingotto“ in Schuß.

          Gab es in Turin und Italien nicht genügend qualifizierte Helfer, oder warum kommen Sie in den nächsten zwei Wochen fern der Heimat zum Einsatz?

          Gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe und die mir hier vor Ort noch keiner beantworten konnte. Ich nehme an, nicht alle einheimischen Kandidaten haben frei bekommen und die Veranstalter wollten auch bei den Helfern ein internationales Team zusammenstellen. Ich arbeite in der Halle gemeinsam mit einem Kanadier, einem Österreicher und einem Norweger.

          Wie sind die Organisatoren ausgerechnet auf Sie gekommen? Sind Sie Deutschlands bester Eismeister, mußten Sie sich qualifizieren?

          (lacht) Nein, nein! Eismeister ist keine geschützte Berufsbezeichnung, aber die Arbeit ist eine Wissenschaft für sich. Die Handhabung der Kälteanlage erfordert viele Fachkenntnisse und eine handwerkliche Ausbildung. Damit wir uns weiter qualifizieren und vernetzen, haben Kollegen vor Jahren die „Internationale Eismeister-Vereinigung“ gegründet. Seitdem gibt es regelmäßig Fortbildungstreffen, an denen auch Hallenbesitzer und Hersteller von Eismaschinen teilnehmen. Auf einem wurde ich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, den Job in Turin zu machen. Und die hatte ich sofort.

          Was macht ein Eismeister eigentlich?

          Wir hobeln die verbrauchte Eisoberfläche ab, tragen Wasser auf, ziehen die Bahn glatt. Und das zigmal am Tag. Nach jedem Training, vor und zwischen den Wettkämpfen oder wenn nach Stürzen Löcher in der Bahn sind. Jeden Tag kommen so acht bis zehn Stunden zusammen, insgesamt stehen zwölf Wettkämpfe und Teamverfolgungen an.

          Ist Eis nicht gleich Eis?

          Nein. Wenn es zum Beispiel zu weich ist, wird es langsam. Das muß man verhindern. Gerade hier in Turin versucht jeder von uns, daß das Eis besonders schön glatt wird, weil wir natürlich sagen wollen: Bei uns wurde Weltrekord gelaufen! Grundsätzlich soll das Olympia-Eis an der Oberfläche eine Temperatur von minus sechs Grad haben, das wird regelmäßig mit Thermometern gemessen, und die im Boden eingebauten Kühlschleifen, die Ammoniak enthalten, müssen ständig entsprechend reguliert werden.

          Wie groß ist denn Ihr Anteil an vorderen oder wie am Sonntag hinteren Plazierungen von Anni Friesinger oder Claudia Pechstein?

          Das kann man nicht sagen. Ich mache meine Aufgabe so gut es geht, aber laufen müssen schon die Athleten. Ich hoffe jedenfalls nicht, daß hinterher einer über die Qualität des Eises meckert, so wie manche Fußballer, wenn sie ein Spiel verloren und kaum einen gescheiten Paß gespielt haben, auf den Platzwart meckern, weil der Rasen schlecht gewesen sein soll.

          Lohnt sich Ihr Ausflug auch in finanzieller Hinsicht, oder ist Dabeisein für Sie alles?

          Ich bin ein normaler städtischer Angestellter, habe Urlaub genommen, und Geld gibt es nicht. Aber darauf kommt es mir nicht an. Wann hat man sonst mal die Chance, bei Olympia so dicht dran zu sein?

          Haben Sie für Ihren Einsatz auch trainiert, waren Sie im Trainingslager?

          Im Dezember war ich schon einmal drei Tage in Turin. Da gab es eine Generalprobe, damit wir uns an die Maschinen gewöhnen konnten. Ansonsten habe ich in den vergangenen Wochen wie immer das Eis in Frankfurt für die Lions und die Schlittschuhläufer gemacht.

          Dürfen Helfer eigentlich auch im Olympischen Dorf Quartier beziehen?

          Wo denken Sie hin? Wir wohnen im Hotel. Und auch da sind die Sicherheitsvorkehrungen enorm hoch: Wir müssen ständig durch Metalldetektoren, dürfen keine Messer tragen, werden beim Ein- und Ausgang der Halle kontrolliert. Überall sind viele Polizisten, Hubschrauber kreisen über der Stadt.

          Sind Sie eigentlich ein bißchen stolz, der einzige Frankfurter bei den Winterspielen zu sein?

          Stolz bin ich. Aber, ich bin nur dienstlich ein Frankfurter. Denn ich bin Offenbacher.

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