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Integration im Schützenverein : Unter Waffenbrüdern

  • -Aktualisiert am

Es funktioniert: Rund ein Dutzend Migranten schießt mittlerweile in Neu-Isenburg Bild: Henner Rosenkranz

Die preisgekrönte Schützengesellschaft Neu-Isenburg integriert mit viel Ausdauer jugendliche und erwachsene Migranten. Ausgerechnet die als gestrig verschrienen Schützen zeigen: Integration kann funktionieren.

          3 Min.

          Gerhard Gräber fragte noch nach der Handynummer. Eine halbe Stunde hatten sie im Schützenhaus zusammengesessen, Gräber von der Schützengesellschaft Neu-Isenburg und die Ulutas, der Vater und sein Sohn Cem, zwölf Jahre alt. Ob Cem denn einmal beim nächsten Jugendtraining vorbeischauen wolle, fragte Gräber. Warum nicht, sagte Cem schüchtern. Gräber notierte sich also die Handynummer, Cem könne sich jederzeit melden. Dann sagte Gräber noch auf Wiedersehen - auf Türkisch.

          Ein Freitagabend im Schützenhaus Neu-Isenburg, rund zwei Jahre später. Die Wände am Schießstand sind mit hellbraunem Holz ausgekleidet. Links das Wappen der Schützengesellschaft, eine Zielscheibe mit zwei schwarzen, gekreuzten Gewehren, am Ende des Raumes die echten Zielscheiben, nicht ganz zehn Zentimeter breit, und zehn Meter davor der Schütze, Cem. Er trägt eine rote Weste, beige Jeans, schwarze Turnschuhe mit roten Schnürsenkeln, seine schwarzen Haare fallen in die Stirn. In seinen Armen ruht ein Luftgewehr, brauner Schaft, schwarzer Lauf. „Feinwerkbau, schießt mit 7,5 Joule, ohne Co-2-Kartusche“, wird er später sagen. Cem atmet durch, starrt an die Decke. Dann hebt er das Gewehr. Der Lauf ruht auf der linken Hand, seine rechte Hand wandert an den Abzug, so steht er da, wie ein Biathlet, der Finger umschließt den Abzug - „klack“. Cem mustert die Scheibe, Treffer links oben.

          „Integration, da musst du harte Bretter bohren“

          Seit zweieinhalb Jahren wirbt die Schützengesellschaft Neu-Isenburg (SGNI) verstärkt um Mitglieder wie Cem. 150 Mitglieder hat sie, rund ein Dutzend sind Jugendliche und Erwachsene mit Migrationshintergrund. In Gerhard Gräber haben sie einen Integrationsbeauftragten ernannt, die Verbandszeitschrift wählte sie zum Verein des Jahres 2012, der Kreis Offenbach verlieh eine Integrationsplakette, als erstem Verein im Kreis - ausgerechnet ihnen, sagt Gräber, den oft als gestrig verschrienen Schützen. „Integration ist ein großes Problem, das wir in der Republik vor uns herschieben“, sagt Gräber. „Wir sind es schon angegangen. Und es funktioniert, in kleinen Schritten.“ Gräber, 65 Jahre alt, ein kräftiger Mann mit ausladendem grauen Schnäuzer, sitzt im Ausländerbeirat für die FDP. Er ist sozusagen Integrationsprofi, aber es wäre falsch, ihn darauf zu reduzieren.

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          Während seiner Bundeswehrzeit begegnete er vielen Kameraden, die weder lesen noch schreiben konnten, er half ihnen, Formulare auszufüllen, wenn Post von den Behörden kam. „Ich bin halt sozial eingestellt“, sagt er, das lebe er überall aus, auch im Schützenverein. Vor zweieinhalb Jahren hörte er, dass das Integrationsamt eine Integrationsplakette vergeben wollte; an Vereine, die Kontakte zu ausländischen Vereinen knüpfen, die Kursangebote für Behinderte und Frauen schaffen, die einen Integrationsbeauftragten benennen. Gräber präsentierte das Projekt dem Vorstand. Ein paar Vereinsmitglieder murrten. „Was wollen wir denn mit den Ausländern?“, sagten sie. Der Vorstand gab Gräber sofort freie Hand.

          Er besuchte die örtlichen Migrantenvereine, Italiener, Serben, Spanier, Marokkaner. „Ditib“, den türkischen Moscheeverein, lud er ins Schützenhaus ein. Die Spanier hatten keine Lust, die Serben interessierten sich für serbische Volkstänze, nicht für Gewehre, auch „Ditib“ zierte sich. Gräber ging zum Tag der offenen Moschee, Absage. Er kam wieder, zum Fest des Fastenbrechens, Absage. „Integratiooon“, Gräber zieht das „o“ in die Länge, „da musst du dicke Bretter bohren.“

          Rund ein Dutzend Migranten schießt bei der SGNI

          Dann ist da noch die allgemeine Skepsis gegenüber Schützen. „Wir müssen uns viel mehr engagieren als ein Tennisklub, um Mitglieder zu gewinnen“, sagt Yvonne Lammersdorf, Präsidentin der SGNI. Die Schützen, die ballern doch nur rum, die züchten diese Attentäter mit den Sturmgewehren heran, das hört sie immer wieder. „Dabei sind Sturmgewehre bei uns gar nicht zugelassen“, sagt Lammersdorf. Schießen, das sei Zielen auf eine Scheibe, mehr nicht. Irgendwann, sagt Gerhard Gräber, nach der x-ten Absage von „Ditib“, habe er keine Lust mehr gehabt. Im März 2012 kamen sie dann doch ins Schützenhaus, zum Reden und Schießen. Gräber schrieb eine Willkommensrede, Semra Kanisicak, die Geschäftsführerin des Kreis-Ausländerbeirats, übersetzte sie ins Türkische, Gräber schrieb sich alles in Lautschrift auf und trug es der „Ditib“-Abordnung vor.

          Gerhard Gräber ist in der Schützengesellschaft Neu-Isenburg der Motor beim Thema Integration

          Mittlerweile schießen also rund ein Dutzend Jugendliche und Erwachsene bei der SGNI, Italiener, Russen, der Sohn von Osman Erdogan, einem „Ditib“- Mitglied. Die Jungen kommen mit ihren Familien zu den Vereinsfesten, sie schleppen Getränkekisten, helfen beim Wandertag als Streckenposten im Wald aus, sonntagmorgens um neun. Gräber hilft ihnen, wenn ihre Deutschnoten schlecht sind, er berät Eltern und Kind, wenn es darum geht, ob der Sohn Schreiner oder Ingenieur werden soll. Cem, der bei den Kreismeisterschaften am Wochenende in der Jugendklasse zweimal Dritter mit dem Luftgewehr wurde, sagt: „Vielleicht bin ich ein wenig offener geworden, gehe eher auf andere Menschen zu.“

          Andere ausländische Jugendliche, sagt Gräber, blieben auf dem Schulhof eher unter sich. Nur im Schützenverein, „da machen die keinen Unterschied“. Er plant bereits das nächste Projekt. Er will in die Schulen gehen, Arbeitsgemeinschaften anbieten. Viele Lehrer sind skeptisch, viele werden absagen, Gräber weiß das. Er wird zurückkehren, immer wieder, bis es klappt.

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