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Im Gespräch: Zehnkämpfer Knobel : „Mir wurde Leistungsverweigerung unterstellt“

  • Aktualisiert am

Die ruhige Kugel: Jan Felix Knobel muss eine Pause einlegen. Bild: dpa

Der Zehnkämpfer Jan Felix Knobel von der Frankfurter Eintracht hat schmerzhafte Entscheidungen hinter sich. Probleme mit den Achillessehnen und der Bruch mit seinem Trainer sind tiefe Einschnitte in die Karriere.

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          Entzündetes Gleitgewebe an beiden Achillessehnen hat Sie zum Abbruch der EM-Saison veranlasst - wie lange ist die Vorgeschichte dieser Diagnose?

          Ungefähr sechs Monate. Im Prinzip den ganzen Winter. Dass man in der Aufbauphase mal Beschwerden hat, ist eigentlich relativ normal. Aufgrund der hohen Umfänge bleibt einfach wenig Zeit zur Regeneration. Das wusste ich, und ich wollte auch mehr trainieren, um ein Leistungsplus zu erreichen. Letztlich wurde es jedoch so schlimm, dass ich Trainingseinheiten aufgrund von Schmerzen vorzeitig beenden musste. Und ich brauchte jeden Morgen zwei, drei Stunden, um schmerzfrei gehen zu können. Das war extrem frustrierend und schlug irgendwann auf die Psyche. Umso ärgerlicher ist es, dass mein Leistungsniveau trotz der Problematik in vielen Bereichen besser als in den Vorjahren war. Im Trainingslager in Südafrika habe ich mich dann selbst herausgenommen, sonst hätte ich eine noch schlimmere Verletzung als die Überlastungsreaktion der Sehnen riskiert.

          Ein finaler Arztbesuch hat letztlich den Ausschlag gegeben?

          Ich war froh, als Karlheinz Graff in Essen nach Abstimmung mit Verbandsarzt Helmut Schreiber vor mir saß und mir empfohlen hat, die Saison zu beenden. Das war der letzte Anstoß, meine Entscheidung durchzuziehen. Ich habe Erleichterung gespürt und mich bestätigt gesehen.

          Hochleistungssportler kennen ihren Körper, hätten Sie nicht schon früher eine Auszeit nehmen müssen?

          Definitiv. Doch es war auch so, dass ich mit verschiedenen Therapien immer wieder versucht habe, Ansätze zu finden, um die Beschwerden in den Griff zu bekommen. Doch hierfür hätte ich an der Trainingssteuerung etwas ändern, mehr Ruhe haben müssen. Aber dies war mit meinem Trainer Jürgen Sammert nicht zu machen. Ich hätte es selbst besser wissen können, habe mich jedoch auf seine Meinung verlassen. Doch anstatt auf meine Probleme einzugehen, wurde mir Leistungsverweigerung unterstellt und gesagt, dass ich mir die Schmerzen einbilden würde.

          Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?

          Ich habe Sammert am vergangenen Montag mitgeteilt, dass ich die Gruppe verlassen werde. Die Zusammenarbeit hatte keine Perspektive mehr. Dazu beigetragen haben auch zwischenmenschliche Untiefen, die mich sehr enttäuscht haben. In der Gruppe und mit Sammert. Ich habe nicht mehr erkannt, dass er mich so unterstützen kann, wie es mein Anspruch ist. Und vor allem wieder auf einen gesunden Weg führen wird.

          Woran machen Sie das fest?

          Etwa an einer Aussage wie der folgenden: „Dann machst du halt mal einen Monat gar nichts, und dann schauen wir weiter.“ Mit so einem Satz kann ich als Weltklasseathlet nach knapp viereinhalb Jahren Zusammenarbeit nichts anfangen. Ich habe Jürgen Sammert viel zu verdanken, aber es gab auch vieles, das anders hätte laufen müssen. Es war ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weiterging. Deshalb habe ich die Reißleine gezogen und suche jetzt etwas Neues.

          Konkret: einen neuen Trainer.

          Ja. Derzeit bin ich vogelfrei. Aber der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ist über meine Situation informiert und hat mir Hilfe zugesagt. Ich denke, dass es in den nächsten vier Wochen zu Gesprächen mit Vorschlägen und dann hoffentlich zu einer Klärung kommt. Ich habe keinen direkten Ansatz, kann derzeit nicht sagen, ob es eine lokale, regionale Lösung geben wird. Bis meine Füße wieder gesund sind, werde ich mich alternativ fit halten. Durch den Bruch mit Sammert eröffnen sich neue Möglichkeiten in der Zusammenarbeit mit dem DLV. Das Verhältnis zum Verband war zuvor durch meine übertriebene Loyalität Sammert gegenüber zu gestört.

          Ihre Karriere geht also weiter?

          Natürlich - ich will in Rio 2016 wieder mitmischen. Trotzdem muss man bedenken, dass ich 25 Jahre alt bin und irgendwann ein Leben nach dem Sport kommt. Es war in den vergangenen Jahren nicht möglich, mein Architekturstudium so voranzubringen, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich bin mittlerweile im zehnten Semester, was mich extrem nervt. In der dualen Karriere wäre ich gerne wesentlich weiter. 2012 habe ich beispielsweise wegen der Olympischen Spiele zwei Semester verpasst. Glücklicherweise habe ich die Unterstützung meiner Hochschule. In Phasen wie dieser jetzt frage ich mich dennoch: Wie sieht eigentlich meine Lebensplanung aus?

          Und wie lautet die Antwort?

          Man fragt sich, ob der Sport noch rentabel ist, was er, auf das finanzielle Auskommen bezogen, definitiv ohnehin nie war. Rücklagen zu bilden oder Vorsorgen zu treffen ist unmöglich. Anders formuliert: Steht meine Leidenschaft in einem vernünftigen Verhältnis zu der Zeit, die ich opfere? Aber ich werde nicht jahrelange harte Arbeit wegwerfen, weil etwas Sand im Getriebe ist.

          Sie sind nicht der erste Zehnkämpfer, der aus der Bahn geworfen wird. Auch André Niklaus, Arthur Abele und Michael Schrader hatten oder haben Verletzungssorgen. Wie viel Raubbau treibt ein Zehnkämpfer mit seinem Körper?

          Es ist ja kein Gesundheitssport, den wir ausüben. Aufgrund der Baustellen, die sich bei mir über die Jahre aufgetan haben, vertrete ich die Meinung, dass man nie 100 Prozent fit ist. Aber von größeren Verletzungen bin ich zum Glück weitgehend verschont geblieben. Die Sehnenentzündungen haben zum Saisonende geführt, bevor sie begonnen hat. Aber es sind keine Schädigungen entstanden, die mich in den nächsten Jahren behindern werden. Und ich verspüre eine große Lust, mir etwas Neues, Funktionierendes aufzubauen. Mein bestes Zehnkampf-Alter kommt ja noch.

          Das Gespräch führte Uwe Martin.

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