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Hockey in Rhein-Main : Diaspora statt Boom-Region

  • -Aktualisiert am

Darin war der SC 1880 Frankfurt einmal Spitze: Hockey Bild: Wonge Bergmann

Die Herren des SC 1880 Frankfurt gewinnen die Hockey-Meisterschaft, die Damen des Vereins ziehen nach. Das ist lange her. Geblieben ist von dieser Herrlichkeit in Rhein-Main so gut wie nichts – daran ändert auch ein Bundesliga-Aufstieg nichts.

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          Hockey-Hauptstadt Deutschlands“: So stand es vor ziemlich genau dreißig Jahren in einem Kommentar in dieser Zeitung. Diese Behauptung war damals nicht einmal besonders wagemutig. Die Herren des SC 1880 Frankfurt hatten eine Woche zuvor in Mülheim das deutsche Finale gewonnen, nun waren die Damen des Vereins nachgezogen – und das durch einen Erfolg im Endspiel gegen Eintracht Frankfurt. Doch nicht nur in Frankfurt war Hockey bundesweit in der Spitzengruppe, im gesamten Rhein-Main-Gebiet ballte sich erstklassiges Hockey an verschiedenen Standorten.

          Etwa die Hanauer Damen, die ein Jahr zuvor erst im Finale gescheitert waren (am SC 1880), traditionell die Rüsselsheimer Herren, wieder zurückgekehrt die Herren des SC SaFo Frankfurt, etwas außerhalb die scheinbar nie versiegende Talentschmiede des Limburger HC – und Kenner der Szene wussten schon damals, dass sich in Rüsselsheim bei den Damen eine große Ära anbahnte.

          Ein Aufstieg ändert nichts daran

          Geblieben ist von dieser Herrlichkeit so gut wie nichts – aus der einstigen Boom-Region ist eine Hockey-Diaspora geworden, was Spitzensport angeht. Daran ändert auch der Bundesliga-Aufstieg der Rüsselsheimer Damen nichts, die einst Titel in Serie einsammelten, in der Halle in ganz Europa unschlagbar wurden und auch auf dem Feld den Europapokal gewannen. Dreißig Jahre später ist der Rüsselsheimer RK dank des aktuellen Aufstiegs in der gerade beendeten Saison immerhin der letzte verbliebene Erstliga-Vertreter im Rhein-Main-Gebiet. Weil die Talentquelle demnächst aber versiegt, wird sich der RRK sehr schwertun, in dieser Klasse auch dauerhaft zu bleiben.

          Der SC 1880 ist mit seinen Herren davon noch einen großen Schritt entfernt – zum dritten Male nacheinander wurde die Rückkehr in die Erstklassigkeit trotz mittlerweile sehr intensiver und auch erfolgreicher Jugendarbeit verpasst. Der Ansatz des Vereins, ganz auf Spieler aus der eigenen Jugend zu setzen, ist zwar löblich, aber letztlich vermutlich vergeblich. Zumal auch die Achtziger künftig vor dem Problem stehen werden, dass ihre größten Talente ziemlichen Verlockungen ausgesetzt werden. Alle anderen Protagonisten von einst spielen aber mittlerweile nicht einmal mehr in der zweiten Liga eine Rolle.

          Weggang des Eigengewächses

          Spätestens als in München, Hamburg, Köln mit Beginn dieses Jahrtausends und später vor allem in Mannheim mehr Professionalität Einzug hielt und Spieler mit Studienplätzen, Wohnungen und finanzieller Unterstützung gelockt wurden, verpasste die Rhein-Main-Region komplett den Anschluss, der – wie sich nun Jahr für Jahr zeigt – nicht so einfach wiederhergestellt werden kann.

          In Rüsselsheim kam erschwerend hinzu, dass mit dem Weggang des Eigengewächses Berti Rauth nach Hamburg der Erfolgstrainer wegfiel und damit der Magnet, der Talente in Scharen anzog. Wer einst vor allem im weiblichen Bereich nach Rüsselsheim wechselte, landet heute schnell beim Hockey-Krösus in Mannheim. Die Konsequenz ist einfach: Solange die Rhein-Main-Vereine keine Sponsoren finden, die sie langfristig unterstützen, werden alle Anstrengungen ins Leere laufen – zumindest was die einstige Herrlichkeit betrifft.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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