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Trainer Schwarz in Mainz : „Bierbecher werden wohl nicht fliegen“

  • -Aktualisiert am

Der Ur-Mainzer Sandro Schwarz in neuer Rolle: Trainer bei Hertha BSC Bild: dpa

Fußballtrainer Sandro Schwarz kehrt knapp drei Jahre nach seiner Entlassung beim FSV und schmerzhaften Monaten in Moskau mit Hertha BSC in seine Heimatstadt Mainz zurück. Wie reagieren die Fans?

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          Christian Heidel habe er zuletzt auf Mallorca getroffen, erzählt Sandro Schwarz. „Das war ein anderes Ambiente.“ Eine zurückhaltende Umschreibung für Heidels Geburtstagsfeier und selbstverständlich ganz andere Umstände, als sie am Freitagabend (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN) vorgegeben sein werden, wenn der Trainer von Hertha BSC und der Sportvorstand des FSV Mainz 05 zwar ihre Freundschaft nicht vergessen, einander aber für 90 Spielminuten als Gegner in der Bundesliga gegenüberstehen.

          Bundesliga

          Vielleicht nutzt Schwarz hinterher – je nach Spielverlauf – ja die Gelegenheit, seinen einstigen Mentor zu fragen, ob auch er ihn im November 2019 entlassen hätte, wenn er damals im Amt gewesen wäre. Nach jener 2:3-Heimniederlage gegen Union Berlin, in deren Anschluss sich einige Fans und Aufsichtsratsmitglieder bemüßigt fühlten, im Innenraum hinterm Tor den Rauswurf des Cheftrainers zu propagieren.

          Der sich entwickelnden Dynamik hielt der damalige Sportvorstand Rouven Schröder nicht stand und kündigte Schwarz tags darauf entgegen seiner eigenen Überzeugung. Eine Kurzschlussreaktion aufgrund einer unbefriedigenden Tabellensituation, die eine Woche später mit der Verpflichtung Achim Beierlorzers in eine der absurdesten Phasen der Vereinsgeschichte mündete.

          „Reflektieren und Abstand gewinnen“

          Für die Mainzer nahm die Sache nach einer zermürbenden Zeit, zwei weiteren Trainerwechseln und Heidels Rückkehr als Sportvorstand mit dem früheren Trainer Martin Schmidt als Sportdirektor im Schlepptau haarscharf ein glückliches Ende. Unter Trainer Bo Svensson fand die Mannschaft zum Mainz-05-Fußball zurück, und die Fans fanden ihren Spaß an der Mannschaft wieder.

          Schwarz hingegen erlebte nach einer Auszeit von elf Monaten, die er benötigte, um die Ereignisse bei seinem Heimatverein „zu reflektieren und Abstand zu gewinnen“, ein Kapitel, das sportlich erfolgreich verlief, doch nach eineinhalb Jahren eine dramatische Wendung nahm. In deren Folge hätte er durchaus zu einem Buhmann der deutschen Trainergilde werden können. Das öffentliche Verständnis jedenfalls hielt sich in Grenzen, als der 44-Jährige auch nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine weiter bei Dynamo Moskau arbeitete. Zumal Kollegen wie Daniel Farke und Markus Gisdol rasch ihre Zelte in Russland abbrachen.

          Die Ausgangslagen des Trios aber unterschieden sich deutlich. Farke, heute bei Borussia Mönchengladbach, hatte mit dem FK Krasnodar noch kein Pflichtspiel bestritten. Und Gisdol stand nach viereinhalb Monaten bei Lokomotive Moskau in der Kritik.

          „Es wäre vielleicht einfacher gewesen, sich zu verabschieden“, sagt Sandro Schwarz. „Es gab auch Überlegungen, Moskau zu verlassen, wir haben unser Engagement immer wieder hinterfragt.“ Doch so anstrengend und nervenaufreibend die Zeit nach dem 24. Februar auch war: „Zum einen konnte und wollte ich die Mannschaft, den Staff, die Menschen im Verein, zu denen ich eine enge Verbindung aufgebaut hatte, nicht im Stich lassen. Zum anderen hatte der Verein eine klare Haltung zu diesem Angriffskrieg, die es mir möglich gemacht hat zu bleiben.“

          Dazu gehörte, dass sein Nationalstürmer Fedor Smolow zu den ersten russischen Profis gehörte, die Putins Invasion öffentlich verurteilten. Rückendeckung erhielt Schwarz seinerzeit von seinem einstigen Mainzer Mitspieler und Moskauer Ko-Trainer Andrej Woronin. Der Ukrainer zog sich zwar nach Kriegsausbruch nach Deutschland zurück, äußerte sich aber positiv über Schwarz’ Verantwortungsgefühl.

          Schmerzhafte Monate in Moskau

          Seine Frau und die beiden Kinder hatte Schwarz zeitweise in die Türkei ausgeflogen, bei Dynamo durchlebte er schmerzhafte, tränenreiche letzte Monate. Vor allem wegen der politischen Lage, unter der seine Spieler und er litten, am Ende aber auch aus sportlichen Gründen.

          „Dass wir das Pokalfinale, unser letztes gemeinsames Spiel, mit 1:2 verloren und in der Nachspielzeit einen Elfmeter verschossen haben, war bitter“, sagt er. „Die Abschlussveranstaltung war eine emotionale Achterbahnfahrt. Auf der einen Seite war die Freude darüber groß, dass wir noch vier Stunden zusammen sein können. Auf der anderen Seite haben wir gelitten, weil wir anschließend auseinandergehen würden. Da sind viele Tränen geflossen.“

          Emotional könnte es auch am Freitagabend werden, wenn Sandro Schwarz mit Hertha BSC erstmals als gegnerischer Trainer in die Arena am Europakreisel kommt. Er freue sich auf das Wiedersehen mit vielen alten Bekannten, sagt der gebürtige Mainzer, der unter anderem 101 Zweitligaspiele für die 05er bestritten hat und mehr als sechs Jahre lang als U-19-, U-23- und Bundesligatrainer wirkte.

          Wie die Fans auf ihn reagieren werden? „Ich habe keine Ahnung, darüber habe ich mir auch keine Gedanken gemacht.“ Die meisten wüssten aber wohl um seine Bruchweg-Vergangenheit. „Ich denke deshalb nicht, dass sie mit Bierbechern nach mir werfen werden.“

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