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Handball : Balanceakt auf dem Zenit der Karriere

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Elfmal ist Andreas Rastner schon umgezogen, meistens hatte es etwas mit seinem Beruf zu tun: Handballprofi. Flexibilität ist alles für den ehrgeizigen Berufssportler.

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          Elfmal ist Andreas Rastner schon umgezogen, meistens hatte es etwas mit seinem Beruf zu tun: Handballprofi. Flexibilität ist alles für einen Berufssportler. München, Kiel, Magdeburg, Santander in Spanien, Wallau und Köln waren Stationen in der bewegten Karriere des 35 Jahre alten Kreisläufers. Jetzt kehrt Rastner nach Hessen zurück. In Bad Soden hat er sich gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin eine Wohnung gemietet. Hauptbeschäftigung derzeit: Kartons auspacken. Die neue Bleibe im Taunus-Kurort ist bezogen, der Weg zur neuen, alten Arbeitststätte nicht weit. Wenn am 26. Juli das Training beim Bundesligaklub SG Wallau/Massenheim beginnt, ist Rastner wieder dabei. Die beiden Jahre zuvor hat er beim VfL Gummerbach gespielt. Für den Job dort verließ er damals die SG vorzeitig. Eigentlich hatte der Vertrag noch Gültigkeit. In Wallau zeigte man aber Verständnis für das Interesse des Kreisläufers, die offenbar gut dotierte Offerte aus dem Bergischen Land anzunehmen.

          Vielleicht lag es auch ein wenig daran, daß Rastners Loyalität zur SG stets unumstritten war. Martin Schwalb, der Wallauer Trainer, hat in den Monaten danach andere Spieler keineswegs so reibungslos ziehen lassen wie seinerzeit Rastner. Auf Pascal Hens beispielsweise, den es ein Jahr vor Vertragsende nach Hamburg zog, ist Schwalb heute immer noch nicht sonderlich gut zu sprechen. Bei Rastner ist das etwas anderes. "Martin und ich sind uns vielleicht ein bißchen ähnlich", sagt Rastner, "wir sind beide unheimlich ehrgeizig." Schwalb erzählt gerne die Geschichte von einem Testspiel in Ottobeuren, in dem Rastner keine fünf Minuten gebraucht habe, um sich gründlich mit dem Schiedsrichter und dem gegnerischen Kreisläufer anzulegen. Und das in einem Vorbereitungsspiel bei einem drittklassigen Team. "Das ist doch das Geheimnis des Erfolges", sagt Rastner, "du mußt dich immer und überall gut verkaufen."

          Das versucht Rastner derzeit auch außerhalb des Handballspielfeldes. Ein Grund für seine Rückkehr zu den "Panthern" ist der Blick auf die Karriere nach der sportlichen Karriere. Mit 35, das weiß auch Rastner, bewegt sich ein Handballspieler schon auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit. "Es gibt nicht allzuviele in der Bundesliga, die so alt sind wie ich und auch noch Angriff spielen", sagt er. Volker Zerbe vom TBV Lemgo ist so ein Dauerbrenner, dessen Teamkollegen Christian Schwarzer und Andre Tempelmeier sind ähnlich lange dabei, genau wie Jens Häusler vom Absteiger SG Kronau/Östringen. "Es sind nicht mehr allzu viele in meinem Alter", sagt Rastner und grinst, "aber ich halte mich wacker auf dem Zenit."

          Anders als Fußballprofis müssen Berufssportler im Handball eine Laufbahn nach dem Ende ihrer Sportkarriere ebnen. "Im Fußball gibt es so eine Art Rundumversorgung", sagt Rastner, "mit Anlageberatern und allem Drum und Dran." Und es gibt wesentlich mehr Geld. Weil Rastner ehrgeizig ist, will er auch abseits des Handballfeldes nicht in der zweiten Reihe stehen. Der Wiener mit deutschem Paß hat per Fernstudium einen Abschluß in Sportmanagement erworben und sechs Semester Diplomsport an der TU München studiert. In Magdeburg hat Rastner ein Tageszeitungs-Volontariat absolviert und danach journalistisch unter anderem für das Deutsche Sport-Fernsehen gearbeitet. Jetzt sucht Rastner den Einstieg ins Sportmarketing. In den nächsten Monaten wird er als Hospitant bei einer großen Frankfurter Agentur verbringen. Der Schwerpunkt liegt dabei aber immer noch auf dem Handball.

          Es ist teilweise so etwas wie die Quadratur des Kreises, die von Handballprofis in der Übergangsphase zwischen Sport und späterem Beruf erwartet wird. In Gummersbach, erzählt Rastner, war die Vorbereitung der zweiten Laufbahn so gut wie unmöglich, da die Terminplanung von Trainer Sead Hasanefendic recht unberechenbar gewesen sei. "Da sagst du deinem Chef: Dienstag können wir voll reinhauen, da ist trainingsfrei", erzählt Rastner, "dann wird trotzdem ein Training angesetzt. Du sagst beim Chef ab, aber kurz darauf wird auch das Training gestrichen. Du rufst also an, und sagst: Ich komme doch. Das macht so gut wie kein Arbeitgeber mit."

          Doch die Zeit für eine Laufbahn ohne den Ball in der Hand ist reif für Rastner. Dabei bemerkt der Kreisläufer zuweilen ungewöhnliche Gemütslagen. "Inzwischen habe ich sogar ein bißchen Angst davor, erfolgreich zu sein", sagt er. In Wallau hält er das für durchaus möglich. "Mit Heiko Grimm und Nenad Perunicic kann Wallau sicher weiter oben mitspielen. Das Ziel ist ganz klar ein Europapokalplatz." Der sportliche Triumph würde den Beruf natürlich ein wenig aus dem Fokus geraten lassen. Und das will Rastner eigentlich nicht. Oder vielleicht doch? Ein Balanceakt.

          Man kann aber nicht gerade behaupten, daß der Kreisläufer nun verunsichert in die Zukunft schaut. Rastner genießt sein Leben, pflegt sein Faible für schnelle Autos und beobachtet vergnügt, wie seine Lebensgefährtin, die Rundfunk- und Fernsehmoderatorin Susi Brand, Karriere macht. "Man muß sich ab und zu etwas gönnen", sagt Rastner, "immer nur horten - nee, das ist meine Sache nicht."

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