https://www.faz.net/-gtl-11mtp

Geschichte der Leibesübungen : Als der Frankfurter Schulsport laufen lernte

  • -Aktualisiert am

Schulsport: Frankfurt hat schon früh Akzente für die „Leibesübungen” gesetzt. Bild: dpa

Kein Platz, kein Geld, keine Lobby und jede Menge Anfeindungen und Vorurteile. Was heute üblich – wenn auch vernachlässigt – ist, brauchte seine Zeit, um sich zu etablieren: der Frankfurter Schulsport.

          3 Min.

          Es ist eine bemerkenswerte Historie inmitten der Schnelllebigkeit des Sports: Vor 205 Jahren haben sich in der Musterschule die Wurzeln des Frankfurter Schulsports entwickelt – die in der Gegenwart zu veröden drohen. Damals gab es weit und breit noch keinen organisierten Sport. Frankfurt hat mit jener Musterschule schon früh Akzente für „Leibesübungen“ der Jugend im Verein und für den Schulsport gesetzt, die große Beachtung gefunden haben. In einem Vortrag über die Entwicklung des Frankfurter Schulsports hat Professor Peter Röthig, der ehemalige Leiter des Frankfurter Instituts für Sportwissenschaft, jüngst deutlich gemacht, welche Motive dafür förderlich waren und in welchem Spannungsfeld der gesellschaftlichen Kräfte sich der Trend zu einer neuen Körperlichkeit zu bewähren hatte.

          „Körperliche Übungen“ und „Spiel“ auf dem Lehrplan

          Am 18. April 1803 wurde die Musterschule vom damals bekannten Theologen Wilhelm Friedrich Hufnagel und von dem Frankfurter Ratsherrn Freiherr von Günderrode gegründet. Röthig sagte, es sei „eine an pestalozzischen Ideen orientierte Probier- und Experimentierschule“ gewesen. Die am Oeder Weg bestehende Einrichtung erhielt den Rang einer Realschule und war nach dem 1. Städtischen Gymnasium von 1520, dem heutigen Lessing-Gymnasium, die zweitälteste Höhere Schule in Frankfurt.

          Bald nach der Gründung wurden auch „körperliche Übungen“ und „Spiel“ in den Lehrplan aufgenommen. Die Jungen wurden im Schulgarten in gymnastischen Übungen nach GutsMuths unterrichtet. Der Pädagoge hatte 1793 die erste umfangreiche pädagogische Schrift über leibliche Erziehung der Jugend verfasst.

          Im Zuge der Aufklärung und mit dem Blick zurück in die Zeit der Romantik, die zur Verweichlichung und zu Müßiggang geführt haben soll, tauchten immer mehr Stimmen auf, die für eine Gegenbewegung plädierten. Als das zweite bedeutende Ereignis für die Entwicklung des Sports in Frankfurt sieht Röthig den zwar kurzfristigen, aber sehr nachhaltig wirkenden Besuch Friedrich Ludwig Jahns im Spätsommer 1815 in Frankfurt.

          Bei dieser Gelegenheit gründete Jahn vor Ort eine Turnvereinigung im Sachsenhäuser Garten seines Freundes, des Advokaten und Satirikers Jassoy. Die jungen Leute nahmen das Turnen ernst und gaben sich eine strenge Turnordnung. Lachen, überflüssiges Reden oder gar Witze zu machen waren untersagt. „Das fachliche Verständnis und die pädagogische Kompetenz wurden anfänglich durch die Naturbegabung und die pädagogischen Interessen der Lehrerpersönlichkeit repräsentiert“, sagte Röthig.

          Bereits 1824 kam es zu einem Senatsbeschluss, dass körperliche Übungen in den Lehrplan für protestantische Schüler aufzunehmen seien. Damit hatte das Turnen eine öffentliche Bestätigung in Frankfurt erhalten. Sehr viel aber habe sich an den Schulen nicht verändert, da es an Geld, Räumlichkeiten und qualifiziertem Lehrpersonal mangelte. Dazu kam die immer noch verbreitete Ansicht, dass das väterliche Haus für Erholung und Erziehung von Jungen sorgen müsse, die Schule für die geistige Ausbildung zuständig sei. Unterdessen waren außerhalb der Schulen viele Turnvereinigungen entstanden und wieder verschwunden. Röthig sagte, dass die erste konstruktive Unternehmung von August Ravenstein und seinen Mitstreitern ausgegangen sei.

          1837 beantragte er beim Senat die Erlaubnis für die Einrichtung einer Gymnastischen Anstalt für die Frankfurter Jugend. Bereits ein Jahr später konnte er die Anstalt auf dem Bockenheimer Wall eröffnen – mit der städtischen Zusage für einen jährlichen Zuschuss von 500 Gulden. „Der Turnbetrieb erfreute sich bald großer Aufmerksamkeit und der Unterstützung durch das Frankfurter Bürgertum. So entwickelte sich die Anstalt zum Zentrum des Turnwesens in Frankfurt, da auch die Schulen ihren Schülern die Anstalt empfahlen.“ Ravenstein gab Richtlinien und Leitfäden für die Turnlehre, die Turnkunst und die Turnsprache heraus. Bei allem Engagement aber reichten die Kapazitäten nicht aus. So konnten 1845 von 2586 turnfähigen Schülern nur 425 die Anstalt besuchen.

          Bockspringen war unsittlich

          Bei allen Anstrengungen, der Jugend eine körperliche Erziehung zu vermitteln: Über die körperliche Ausbildung von Mädchen und Frauen war nicht nachgedacht worden. Die vorherrschende Meinung über die soziale Rolle und gesellschaftliche Figur der Frau habe einer turnerischen Betätigung im Weg gestanden. „Die Frau wurde als zartes, beschützenswertes Wesen verehrt. Ihre körperliche Schwäche, ihre Blässe galten als Attribut der Vornehmheit.“

          Auch Mediziner pflegten Vorurteile. So galt Bockspringen mit gespreizten Beinen als unsittlich. Auch Schwimmen wurde wegen des Bekleidungsproblems abgelehnt. Im Juni 1849 gründeten elf Frauen den ersten Frauenturnverein in Frankfurt. Im ersten Paragraphen ihrer Satzung rechneten sie mit den Männern ab: „Die Zeit der Rache ist gekommen. Im überwallenden Gefühl unserer angestammten Kraft ergreifen wir die Waffen gegen die Erzfeinde unseres Geschlechts. Unsere Walstatt ist der Turnplatz.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Test bei einem Kind in Brüssel am 27. November

          Corona-Seuchenmanagement : Unvermögen und Unglück

          Nicht viel gelernt – darauf lassen sich fast alle Fehler im Seuchenmanagement wie im Verhalten vieler Einzelner zurückführen. Deutschland hat in diesem Winter brutal die Kontrolle über das Corona-Ausbruchsgeschehen verloren.
          Das von der belarussischen Staatsagentur BelTA via AP zur Verfügung gestellte Foto zeigt Machthaber Alexandr Lukaschenko am 26. November in Brusgi

          Migrationskrise in Belarus : Lukaschenkos doppeltes Spiel

          Der Minsker Machthaber will einen Teil der Migranten im Land loswerden. Der andere soll bleiben und dient Alexandr Lukaschenko als Faustpfand. Ihnen verspricht er, dass Deutschland sie aufnimmt.
          Wie sensibel darf es sein? Der Philosoph Richard David Precht während der phil.Cologne im September 2021

          Precht und Flaßpöhler : Sie nennen es Freiheit

          Die haltlosen Behauptungen der Impfskeptiker dringen immer weiter in die bürgerliche Mitte vor. Für die neue pandemische Situation ist das fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.