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Finanzdefizite wegen Corona : „Große Sorgen“ bei Hessens Sportvereinen

  • -Aktualisiert am

Kein Sport, kein Geld: Hessens Vereine müssen mit finanziellen Einbußen rechnen. Bild: EPA

Etwa die Hälfte der Vereine in Hessen rechnet wegen Corona mit finanziellen Defiziten. Der Landessportbund fürchtet, dass einige Vereine existentielle Probleme bekommen könnten.

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          Im Sommer hatte sich der Landessportbund Hessen (LSB) bei seinen 7600 Vereinen erkundigt, wie es ihnen während der Coronavirus-Pandemie geht. Bei der Umfrage gab es 2522 Rückmeldungen. Sie zeigte auf, dass mehr als die Hälfte der Vereine, knapp 57 Prozent, durch die Krise mit finanziellen Defiziten rechnet oder diese bereits verzeichnen musste. Eine insgesamt schlechte Situation vermeldete jeder fünfte Teilnehmer. Fast ein Drittel ging von einem Mitgliederrückgang von bis zu 35 Prozent aus. Durch Veranstaltungsabsagen und Einschränkungen im Übungsbetrieb haben die Vereine wenig Möglichkeiten, für sich zu werben.

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          Am Mittwoch stellten LSB-Präsident Rolf Müller und Hauptgeschäftsführer Andreas Klages die Ergebnisse in der Frankfurter Sportschule der Öffentlichkeit vor. Trotz der Negativtendenzen resümierte Müller eine stabile Lage an der Basis. Die Vereine seien „robust und anpassungsfähig“. Dank Online-Training oder Alternativen im Freien statt Hallensport wurden die Mitglieder weiterhin mit Bewegungsanregungen versorgt. Dass nur etwas mehr als 400 Vereine bis Juli die finanziellen Hilfen des Landes in Anspruch nahmen, deutet der Ehrenvorsitzende des Schwimmvereins Gelnhausen so, dass gut und vorsichtig gewirtschaftet wird. Er hofft jedoch darauf, dass die Unterstützung auch noch im nächsten Jahr erhalten bleibt, falls es weiteren Bedarf geben sollte.

          „Der Ausgang ist ungewiss“

          Der LSB-Chef musste zugeben, dass es sich bei den Resultaten der Umfrage nur um „eine Momentaufnahme“ handelt, die ein Vierteljahr später überholt erscheint. Die Covid-19-Fallzahlen steigen in neue Rekordhöhen, in Offenbach etwa unterliegt der Sportbetrieb schon wieder starken Einschränkungen. Müller blickt deshalb mit „großen Sorgen“ in die Zukunft. Er glaube, dass es in einigen Vereinen noch zu existentiellen Problemen kommen könnte. „Der Ausgang der Pandemie ist noch ungewiss. Sie ist die größte Herausforderung für den Sport seit 1946.“

          Starken Druck sieht er vor allem auf den Vereinen lasten, die mehr als 5000 Mitglieder und eigene Sportstätten haben sowie hauptamtliche Mitarbeiter bezahlen. Sportarten wie Golf, Tennis oder Reiten genießen einen Vorteil im Vergleich zu Kampfsport- oder Mannschaftsdisziplinen, bei denen sich die Athleten sehr nahe kommen. Vereinsmitglieder seien zwar eher treu, so Müller, was sich auch in den vergangenen Monaten gezeigt habe. „Da gab es keine Dienstleistungsmentalität.“ Doch: „Auf Dauer kann man kein System am Leben erhalten, das nicht mehr ausüben kann, wofür es eigentlich da ist.“

          Das Gemeinschaftsgefühl fehlt

          Durch die Absage von Festen und Wettkämpfen entgehen den Vereinen Einnahmen, die dringend notwendig sind, um ihr Angebot aufrechtzuerhalten. Auch Sponsorenzuschüsse und Mieteinnahmen bleiben aus. Ein zusätzliches großes Problem sieht Müller spätestens im nächsten Jahr auf den Leistungssport zukommen. Vor allem dem Nachwuchs mangele es an Motivation und Zielen, „da müssen wir Mittel finden, dass es nicht zu einem großen Einbruch kommt“.

          Die reduzierten Übungsmöglichkeiten haben sich schon auf den Gesundheitszustand vieler Hessen ausgewirkt. Das betrifft Erwachsene ebenso wie Kinder, die unter den Einschränkungen im Schulsport leiden. „Die Zahl der Gruppengrößen wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen“, vermutet Müller. „Und ich fürchte, dass es auch die Unbefangenheit für lange Zeit nicht mehr geben wird.“ Doch aus Sicht des organisierten Sports gebe es auch Positives zu erkennen: „Die Zeit der Isolation und der Zwang zur Distanz haben das Bewusstsein wachsen lassen, welchen Wert Vereine besitzen.“ Viele vermissten in der Umfrage das Gemeinschaftsgefühl beim gemeinsamen Üben und die sozialen Kontakte.

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