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Fußballprofis nach der Karriere : Vom Helden zu Hartz IV

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„Ich war berühmt und dann weg vom Fenster”, sagt Bruno Hübner, heute Eintracht-Manager, mit Blick auf sein Aus als Profifußballer 1986 Bild:

Ein paar Jährchen kicken, und schon hat man für immer ausgesorgt. Ioannis Amanatidis zum Beispiel baut mit seinen verdienten Millionen gerade ein großes Haus in bevorzugter Lage in Sachsenhausen. Doch nicht jedem ehemaligen Profi geht es wirtschaftlich so gut.

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          Fußballprofi ist für viele ein Traumberuf, nicht nur für Kinder. Ein paar Jährchen kicken, und schon hat man für immer ausgesorgt. Ioannis Amanatidis zum Beispiel, dessen Karriere bei Eintracht Frankfurt gerade zu Ende geht, baut mit seinen verdienten Millionen gerade ein großes Haus in bevorzugter Lage in Sachsenhausen.

          Also raus aus dem Profileben und rein ins Dasein eines Privatiers, der von der Rendite lebt? Darüber wurde bei einer Veranstaltung des Eintracht-Museums diskutiert. „Dass alle Fußballer Millionäre sind ist ein Irrglaube“, sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft der Vertragsfußballer (VdV). Es gebe nur wenige Topspieler, die ein Vermögen anhäufen, das für den Rest ihres Lebens reicht. „Der große Teil kann hinterher nicht die Beine hochlegen, sondern muss früher oder später arbeiten - die meisten sofort.“

          Karriereende als biographisches Risiko

          Und damit sind viele überfordert. Robert Gugutzer, Professor am Institut für Sportwissenschaften an der Goethe-Universität nennt das „Identitätskrise“, das Karriereende als biographisches Risiko. Spielt man keinen Fußball mehr, ist man ein Nichts. Zudem bewegen sich Fußballer in einer abgeschotteten Welt, die der Sportwissenschaftler als „totale Institution“, Eintrachts neuer Sportdirektor Bruno Hübner und Altstar Karl-Heinz Körbel schlicht als „Maschinerie Bundesliga“ bezeichnen. Und aus dieser ist es schwierig zu entkommen. Die beiden Angestellten der Eintracht Frankfurt Fußball AG haben beide auf unterschiedliche Weise ihre Karriere beendet. Körbel freiwillig, Hübner nicht.

          Profis im Wartestand: Mehmet Dragusha (2.), Daniel Ischdonat (12) und Daniel Schumann (13) hielten sich 2009 in der Sportschule Wedau fit
          Profis im Wartestand: Mehmet Dragusha (2.), Daniel Ischdonat (12) und Daniel Schumann (13) hielten sich 2009 in der Sportschule Wedau fit : Bild: Edgar Schoepal

          Körbel war bei seinem Karriereende 1991 ein „Superstar“, wie er selbst sagt. „Es war dennoch eine bewusste Entscheidung aufzuhören. Die Leute sollten mich in bester Erinnerung haben.“ Nach seinem letzten Spiel sei er erst einmal in ein Loch gefallen, habe sich aber schnell erholt. Geholfen habe ihm ein großes Netzwerk an Freunden und Kollegen. Er wurde Assistenztrainer und für kurze Zeit Cheftrainer. Nach einem Intermezzo in Lübeck und Zwickau (“Es war wichtig zu erkennen, dass ich die Eintracht nicht brauche“) baute er die Scoutingabteilung der Eintracht mit auf und gründete eine Fußballschule, die er bis heute leitet. Resozialisierung geglückt, könnte man sagen.

          „Ich war berühmt und dann weg vom Fenster“

          Auch bei Bruno Hübner hat die Wiedereingliederung geklappt. Er wurde allerdings dazu gezwungen. „Ich habe von einem auf den anderen Tag gesagt bekommen, dass ich keinen Fußball mehr spielen kann.“ Hübner musste 1986 mit 25 Jahren seine Karriere beim 1. FC Kaiserslautern beenden. „Ich war berühmt und dann weg vom Fenster“, sagt er. „Dann war Willensstärke gefragt.“ Er machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann, arbeitete sich im Unternehmen des Wehener Fußball-Patriarchen Hankammer bis zum Abteilungsleiter hoch und wechselte erst nach 25 Jahren wieder in die „Maschinerie“ Profifußball zurück. Erst zum MSV Duisburg, dann zur Eintracht.

          Jedoch haben nicht alle den Willen Hübners und das nötige Glück Körbels. „Fußballer verlieren ihre Eigenständigkeit, es wird ihnen alles abgenommen“, sagt Körbel. Leider nicht das Denken an die Zukunft: Zu viele Profis kümmern sich nicht darum, was sie nach der Karriere machen möchten. „Wir können nur das Bewusstsein schaffen, dass mit dem nächsten Foul die Karriere beendet sein kann“, sagt Ulf Baranowksy vom VdV. „Wir bieten die Möglichkeiten, sich schon während der Karriere weiterzuqualifizieren. Das reicht von Fremdsprachen- oder Computerkursen über eine Berufsausbildung zum Sportfachwirt bis hin zum Hochschulabschluss. Vor allem von älteren Spielern wird so etwas verstärkt nachgefragt.“ Die meisten machen aber nichts.

          „Bei der Eintracht wird jeder irgendwie eingebunden“

          „Deswegen ist auch Hartz IV bei Fußballprofis ein Thema“, sagt Baranowsky. Der ehemalige Eintracht-Mittelfeldspieler Norbert Nachtweih wurde von seinem Klub davor bewahrt abzustürzen. Nachtweih steckte nach dubiosen Immobiliengeschäften bis zum Hals in Schulden. Jetzt arbeitet er in der Fußballschule bei Körbel. Wen es so hart trifft, ist versucht, sein Leid mit Drogen und Alkohol zu lindern. Das seien aber Einzelfälle. „Wer bereit ist, Abstriche beim Gehalt zu machen, der kommt auch schneller bei einem neuen Verein unter“, sagt Baranowsky.

          Der ehemalige Eintracht Profi Ralf Weber hörte 2001 nach vielen Verletzungen, zahlreichen Operationen und erfolglosen Rehaversuchen auf, professionell Fußball zu spielen. Auch er bekam dann von der Eintracht das Angebot, als Jugendtrainer zu arbeiten, obwohl er damals nicht begeistert vom offerierten Gehalt gewesen sei, wie Körbel sich erinnert. „Mach es, Ralf“, habe er dann nur zu ihm gesagt. „Aber die Zeiten, in denen man einfach so in seinen alten Verein reinrutschen kann, sind vorbei“, sagt Körbel und widerspricht sich sogleich „Bei der Eintracht wird jeder irgendwie eingebunden.“

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