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Anwalt zu Fußball-Verträgen : „Es gibt ein Recht, spielen zu dürfen“

Bleibt er, geht er? Auch Eintracht-Profi Makoto Hasebe muss mit Anpassungen an seinen Arbeitsvertrag rechnen. Bild: Picture-Alliance

Im F.A.Z.-Interview spricht Jurist Horst Kletke über Vertragsverpflichtungen und neuartige Krisenklauseln für Fußball-Profis in Corona-Zeiten. Dabei macht er auch deutlich, in welchem Bereich für ihn unbedingt ein Umdenken erforderlich ist.

          5 Min.

          Hat im Fußball in Zeiten der Corona-Krise die Gültigkeit geschlossener Verträge an Stellenwert verloren?

          Jörg Daniels
          Redakteur in der Sportredaktion

          Natürlich sind Verträge einzuhalten, so wie sie geschlossen worden sind. Daran ändert auch die Pandemie nichts. Jetzt ist aber nicht die Stunde, in der jeder auf den letzten Buchstaben des Vertrags pochen sollte, um für sich das Beste herauszuholen. Kein Fußballklub schikaniert seine Spieler und Mitarbeiter mit Gehaltsverzicht. Es ergibt sich vielmehr eine Notwendigkeit für diese Maßnahmen, weil zum Beispiel Einnahmen durch Zuschauer oder abspringende Sponsoren fehlen. Es ist das Gebot der Stunde, zusammenzurücken und nicht nur auf sein Recht zu bestehen.

          Oder es passiert was?

          Im schlimmsten Fall könnte ein solches Handeln zur Einbahnstraße werden, wenn alle ihr Recht einfordern würden und es am Ende für die Vereine unmöglich wäre, die Verpflichtungen zu erfüllen. Dann wäre keinem geholfen, das Ergebnis wäre die Insolvenz.

          Welche Auswirkungen werden die jetzt gemachten Erfahrungen in Zukunft auf die Gestaltung der Verträge zwischen Vereinen und Spielern haben?

          Ich erwarte, dass die Gehälter in der Breite insgesamt geringer werden, weil aktuell nicht die Wirtschaftskraft in den jeweiligen Spielklassen vorhanden ist, um die bisher üblichen Forderungen bedienen zu können. Auch die Sponsoren aus der Wirtschaft sehen sich großen Herausforderungen gegenüber. Außerdem spricht einiges dafür, dass sich durch die neue Unsicherheit die Laufzeiten der Verträge verkürzen werden. Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder, die jetzt einen Vertrag unterschreiben und sich mit Haftungsfragen konfrontiert sehen, wissen heute nicht, ob sie die Vereinbarung perspektivisch überhaupt erfüllen können. Darüber hinaus gibt es durchaus Bestrebungen, und manche haben das bereits umgesetzt, in Verträge Reduktionsklauseln einzubauen, solange aufgrund des Corona-Virus Einnahmeausfälle zu erwarten sind. In dieser Zeit werden die Gehälter dementsprechend nach unten angepasst.

          Neuartige Krisenklauseln halten also Einzug in die Verträge.

          Davon gehe ich aus, das wird sukzessiv Niederschlag finden. Die jetzigen Erfahrungen werden arbeitsrechtliche Umsetzung finden. Was die Dimensionen und die Art der Beeinträchtigungen angeht, ist das für alle eine ganz neue Erfahrung. Heute heißt das Problem Covid-19 und morgen könnte auf alle schon die nächste Herausforderung wegen der Nachwirkungen der Pandemie zukommen. Abstrakt gesprochen werden zukünftige Verträge sogenannte Anpassungsklauseln beinhalten, damit Vereine auf bestimmte Situationen besser vorbereitet reagieren können und damit wirtschaftlich nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Im Übrigen gibt es eine gesetzliche Anpassungsklausel im Bürgerlichen Gesetzbuch, dort ist von der Störung der Geschäftsgrundlage die Rede.

          Mit seinem Mandanten Heinz Müller (rechts) vor Gericht: Anwalt Horst Kletke (links)
          Mit seinem Mandanten Heinz Müller (rechts) vor Gericht: Anwalt Horst Kletke (links) : Bild: dpa

          In der Bundesliga könnte die Saison über den 30. Juni hinaus fortgesetzt werden. Was passiert mit den Spielern, deren Verträge aber am 30. Juni auslaufen?

          Weder die Deutsche Fußball Liga noch der Deutsche Fußball-Bund werden als dritte Partei, die außerhalb der jeweiligen Arbeitsverträge steht, darauf Zugriff nehmen können. Die verbandsrechtliche Reichweite ist nicht gegeben, um per Verbandsentscheidung festlegen zu können, dass die Arbeitsverträge weiterlaufen. Die Vereine müssten sich jeweils auf freiwilliger Basis mit ihren Spielern einigen. Sie müssten mit Vernunft und Augenmaß aufeinander zugehen, wenn die durch die Verbände regulierbare Laufzeit der Saison 2019/2020 über den 30. Juni 2020 hinausgehen sollte – und da wird auch ein bisschen Phantasie gefragt sein. Aber diejenigen, die bereits einen neuen Vertrag bei einem anderen Verein geschlossen haben, wird man arbeitsrechtlich ziehen lassen müssen. Sie müssten dann von Juli an bei ihrem neuen Klub antreten – es sei denn, beide Vereine, der alte wie auch der neue, würden eine andere Übereinkunft erzielen und den Vertrag des Spielers bei seinem alten Klub zum Beispiel noch einmal um wenige Monate verlängern und den neuen erst später starten. Wenn man es will, bekäme man es hin.

          Wird die Corona-Pandemie dafür sorgen, dass die Interessen des anderen in Zukunft mehr Berücksichtigung finden könnten? Oder ist das Fußballgeschäft dafür zu festgefahren?

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