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Fußball-Bundesliga : Funkels Eintracht-Puzzle glänzt mit Offensivfußball

  • -Aktualisiert am

Dick Advocaat dürfte sich auf den bequemen Sesseln der Business-Tribüne verwundert die Augen gerieben haben. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt zu Beginn dieser Saison wollte sich der koreanische Nationaltrainer seinen Stürmer Du-Ri Cha anschauen. Doch Cha spielte bei der Frankfurter Eintracht Verteidiger.

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          Dick Advocaat dürfte sich auf den bequemen Sesseln der Business-Tribüne verwundert die Augen gerieben haben. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt zu Beginn dieser Sasion wollte sich der koreanische Nationaltrainer seinen Stürmer Du-Ri Cha anschauen. Doch der Holländer sah den Abwehrspieler Du-Ri Cha. Als rechtes Glied der Viererkette hatte der Frankfurter Trainer Friedhelm Funkel den sonst stürmenden Koreaner aufgeboten. Einer von vielen Glücksgriffen des Trainers an diesem für die Eintracht so erfolgreich verlaufenen Nachmittag. 2:0 besiegten die Frankfurter Borussia Dortmund, haben damit aus den vergangenen sieben Spielen 14 Punkte geholt und den Abstand auf die Abstiegsplätze ziemlich komfortabel gestaltet. Und Cha hatte seinen Beitrag zur Torlosigkeit des Gegners geleistet, indem er dem Südafrikaner Delron Buckley keine Möglichkeit zur Entfaltung gelassen hatte. Cha habe seine Sache "ordentlich gemacht", sagte der Eintracht-Trainer später, man habe dem Koreaner die zuletzt fehlende Spielpraxis allerdings angemerkt, dazu sei er "ein bißchen nervös" gewesen. Typisch Funkel, der Mann neigt nicht zu übertriebenen Lobeshymnen.

          Das aus der Verletzungsnot heraus geborene Experiment war in jedem Fall gut gelungen wie so vieles, was die Eintracht in der mit 47 800 Zuschauern besetzten Commerzbank-Arena angepackt hatte. Das Konterspiel hat die Eintracht inzwischen so weit verfeinert, daß sich viele Beobachter an die Glanzzeiten der Mönchengladbacher Borussia vor drei Jahrzehnten erinnert fühlen. Die überfallartigen Angriffe sind wie damals bei den "Fohlen" jetzt Markenzeien der "Adler". Bei allen guten Ansätzen zu Beginn der Saison hatte es zur neuen Stärke aber den Einbau von Francisco Copado gebraucht. Der "schlaue Spieler", wie Funkel den 31 Jahre alten gebürtigen Spanier bezeichnet, war das entscheidende Mosaiksteinchen, das zum Gelingen des Bildes gefehlt hatte. Gegen Dortmund war es Copado, der den ersten Konter nach präzisen Vorarbeiten von Chris und Benjamin Köhler zur Führung genutzt hatte (9.). Auch beim zweiten Tor flog der Ball vom Kopf von Ioannis Amanatidis am Ende eines Konters über Alexander Meier ins Tor (84.).

          Die Eintracht in diesen Tagen und Wochen, das bedeutet Offensivfußball mit schnell vorgetragenen Angriffen, mit Kombinationen, die meist über den immer stärker werdenden Alexander Meier laufen, mit Spiel über Außen, die diesmal Cha und der sich stetig steigernde Christoph Spycher besetzten, garniert mit leidenschaftlichem Kampf im Mittelfeld, angeführt vom nichts und niemanden schonenden Kapitän Jermaine Jones bis nach hinten, wo Aleksandar Vasoski, Marko Rehmer und Chris gemeinsam mit dem starken Torwart Oka Nikolov für viel Sicherheit sorgen. "Um die Eintracht mache ich mir überhaupt keine Sorgen", sagte Weltmeister Andreas Möller nach dem Spiel. So wie sich die Eintracht präsentiere, habe sich da "eine Mannschaft zusammengefunden, die zusammenpaßt".

          Zusammengefügt wurde das Puzzle in den vergangenen eineinhalb Jahren von Friedhelm Funkel. Der durfte sich an seinem 52. Geburtstag nicht nur über den Sieg und die drei Punkte freuen, sondern auch über die gestiegene Wertschätzung des geneigten Publikums. Lautstark hatte ihm der größte Teil der Zuschauer kurz vor dem Ende ein fröhliches Geburtstagsständchen gesungen. Den Lohn in Form einer Arbeitszeitverlängerung wird Funkel sicher Anfang des neuen Jahres einstreichen können. Dann wird sein Vertrag verlängert, Zweifel daran kann es keine geben. Denn mit der Eintracht und Funkel ist auch zusammengewachsen, was ganz offenbar zusammengehört. Die Mannschaft muß auf die Geburtstagsfeier mit dem Trainer noch ein paar Wochen warten. Bis zum Ende der Vorrunde sei kein Zeit mehr, sagt Funkel, "wir gehen irgendwann im Januar zusammen essen".

          Nach dem Erfolg gegen Dortmund hat Funkel den Abend im privaten Kreis genossen. Da konnten ihm auch die erstaunlichen Vorwürfe des Dortmunder Kollegen nicht die Laune vermiesen. Bert van Marwijk hatte dem Frankfurter Coach vorgeworfen, die Gelb-Rote Karte von Tomas Rosicky provoziert zu haben. Der Schiedsrichter habe sich nach Rosickys Schubser gegen Christoph Spycher von den Reaktionen auf der Frankfurter Bank beeinflussen lassen, hatte van Marwijk gepoltert und mit dem Zusatz versehen, "so etwas würde ich nie tun". Dabei war es van Marwijk, der unmittelbar nach dem Halbzeitpfiff auf den Rasen gestürmt war und den Unparteiischen Peter Gagelmann heftigst bedrängt hatte. Funkel wehrte sich energisch gegen die Vorwürfe. Zum einen könne ein Trainer der gegnerischen Mannschaft "niemals" für den Platzverweis eines Spielers verantwortlich sein, zum anderen habe er überhaupt nicht gewußt, daß Rosicky schon verwarnt gewesen sei. Marwijks emotionale Aussagen blieben die einzigen Mißtöne an einem für Funkel und die Eintracht rundherum gelungenen Nachmittag.

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