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Fußball : Berauschte Mainzer freuen sich auf meisterliche Bayern

  • -Aktualisiert am

Durch ein atemberaubendes 6:2 in Bochum haben die Mainzer Aufsteiger wohl den Klassenverbleib geschafft. Nach solch einem Erfolg wächst der Mut - auch wenn jetzt der neue Meister kommt.

          3 Min.

          Zwischen einem Triumph des Tages und einer Peinlichkeit des Tages liegen im Fußball manchmal nur Kleinigkeiten. Zum Bespiel ein zweiter Torwart. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Mainz reist mit einem zuletzt angeschlagenen Torhüter (Dimo Wache) und einem Vertreter (Christian Wetklo) zum Abstiegsduell nach Bochum. Waches Muskelverletzung bricht beim Aufwärmen wieder auf, Wetklo spielt. Als auch dieser verletzt ausfällt, hat der Aufsteiger keinen Ersatz mehr. Also übernimmt, sagen wir, der Ersatzspieler Tamas Bodog diese Rolle. Der ist mit 1,89 Meter immerhin schön groß. Bochum nutzt seinen Vorteil, schießt mehrere Treffer, ganz FußballDeutschland lacht - und Mainz steckt wieder halstief im Abstiegskampf.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine scheinbar arg phantasievolle Geschichte nach einem berauschenden 6:2 des Aufsteigers und dem wohl entscheidenden Schritt im Kampf um den Klassenverbleib. Und doch keine ganz so weit hergeholte: Mainz mußte tatsächlich auf Wache verzichten und hatte keinen Vertreter für Wetklo dabei. "Das hätte in die Hose gegen können", gab Trainer Jürgen Klopp nach dem höchsten Auswärtssieg seiner Mannschaft in der Bundesliga zu. Dem war aber nicht so, weil die erfundene Geschichte tatsächlich so weiterging: Wetklo blieb unversehrt, spielte stark und verhinderte im ersten Durchgang beim Stand von 1:1 weitere Bochumer Treffer. Statt dessen wurde ein anderer zur traurigen Gestalt: Christian Vander, seinerseits Ersatztorwart des VfL Bochum, und bei zwei Mainzer Treffern aufsehenerregend schwach. Einen frechen direkten Freistoß von Antonio da Silva (68.) ließ er ebenso passieren wie einen harmlosen Fernschuß von Benjamin Weigelt (77.). "Er tut mir leid", sagte Dimo Wache, der sich beim Aufwärmen "bei der letzten Aktion" wieder verletzt hatte.

          Ansonsten aber hielt sich das Mitleid bei den Mainzer Spielern in Grenzen. Zu mitreißend war die eigene Leistung, zu despektierlich so mancher Kommentar des Bochumer Trainers Peter Neururer vor der Partie. "Wir wollten ihm einen mitgeben", gab da Silva zu, der die spielentscheidenden Treffer durch Michael Thurk (60.) zum 1:2 und Fabian Gerber (65.) zum 1:3 vorbereitet hatte und einer der Besten in einer bestens aufgelegten Mainzer Mannschaft war. Thurk legte süffisant nach: "Es ist immer super, wenn der gegnerische Trainer so tut, als käme eine F-Jugend hierher." Neururers ungewollte Motivationshilfe sah so aus, daß er Bochum vor dem Spiel allzu laut alles und Mainz nichts zugetraut hatte. Für manchen Geschmack etwas viel demonstrative Kraftmeierei. Am Ende tönte dann nur noch einer in Bochum: der Mainzer Anhang, etwa 5000 Kehlen stark, der die Sieger nach Abpfiff laut in die Fankurve bat und von dort nur ungern und erst nach einer Danksagung von Klopp per Megaphon wieder entließ.

          Auf dem Spielfeld war schon in den ersten Minuten viel zu sehen von der Wirkung falscher Worte. Nicht die ungleich stärker bedrohten Bochumer übernahmen das Kommando, sondern die augenscheinlich einsatzbereitere Auswärtsmannschaft. Benjamin Auers frühe Führung (6.), per Hackentrick aufgelegt von Thurk, krönte einen engagierten Start und leitete eine weitere Phase Mainzer Überlegenheit ein. Gab es an diesem rundherum gelungenen Tag irgend etwas zu kritisieren, so waren es die etwas zu nachlässigen Minuten bis zur Pause. Da erzielte Lokvenc das 1:1 (26.), und Bochum durfte sich mindestens ebenbürtig wähnen. Ein Gefühl, das allerdings nur bis zu Thurks Treffer anhielt. Vor allem was sich nach dieser Mainzer Führung im Ruhrstadion abspielte, erfüllte Jürgen Klopp mit "großem Stolz". So spielen und gewinnen gemeinhin große Mannschaften: wenige Spielzüge bis zum gegnerischen Strafraum, effektive Chancenverwertung, unbeirrbare Spielweise. "Wir haben nicht nachgelassen, zu keinem Zeitpunkt", befand Klopp über diese bemerkenswertesten 45 Minuten in der kurzen Mainzer Bundesligageschichte.

          Nun haben die Mainzer also acht Punkte Vorsprung vor Tabellenplatz sechzehn, und keiner kann sich vorstellen, daß dies nicht zum Klassenverbleib reichen sollte. Der Abstieg ist rechnerisch zwar noch drin, "aber wer glaubt es denn noch?" - fragte Torschütze Thurk. Beneidenswert, wer derart selbstsicher und entspannt einem weiteren Höhepunkt dieser ohnehin schon ereignisreichen ersten Bundesligasaison der Mainzer entgegensehen kann: dem nächsten Heimspiel gegen Meister Bayern München. "Wir werden normal weiter Fußball spielen", sagte Jürgen Klopp in Bochum vergleichsweise zurückhaltend. Wenn diese Normalität Spiele wie beim VfL ermöglicht, dann kann es ein munteres Aufeinandertreffen mit den großen Bayern werden. Davon scheint auch Michael Thurk überzeugt zu sein. "Unsere Fans wollen einen Sieg gegen die Bayern", sagt er. "Sie sollen ihn haben."

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