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Frauenfußball : „Meine Freunde verschwinden ja nicht“

Höhepunkt einer tollen Karriere: Nach ihrem Golden Goal im WM-Finale 2003 ließ sich Nia Künzer (links, mit Bettina Wiegmann) in Frankfurt von den Fans feiern Bild: picture-alliance / dpa

Mit dem FFC Frankfurt kann Nia Künzer, an diesem Sonntag noch einmal deutsche Meisterin werden. Nach der Saison beendet die ehemalige Nationalspielerin ihre Karriere. Im Interview gibt sich die Weltmeisterin cool: "Ich bin nicht der Typ für Tränen"

          3 Min.

          Frau Künzer, wo werden Sie an diesem Sonntag erleben, ob der 1. FFC Frankfurt gegen Essen-Schönebeck deutscher Meister wird?

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich werde erst einmal auf der Ersatzbank sitzen. Wenn was passiert, stehe ich bereit.

          Hat Ihnen denn der Trainer nicht versprochen, dass Sie im letzten Spiel vor dem Karriereende noch einmal dabei sind?

          Ganz ehrlich, das kommt doch ganz auf dem Spielverlauf an. Für mich persönlich ist das aber auch gar nicht so entscheidend, ob ich im letzten Spiel noch mal den Ball berühre oder nicht. Mir ist viel wichtiger, dass wir das Ding gewinnen und wieder Meister werden.

          Das scheint aber doch sehr wahrscheinlich. Das Hinspiel gegen Essen ging mit 7:1 an Frankfurt.

          Davon dürfen wir uns nicht blenden lassen. Essen hat trotzdem eine richtig gute Mannschaft, die immerhin in Duisburg gewonnen hat. Die werden uns nichts schenken – und deshalb müssen wir die Partie ernsthaft angehen.

          Sind Sie nervös vor dem Anpfiff?

          Dieses Gefühl kommt erst in der Kabine. Eineinhalb Stunden bevor das Spiel losgeht, in der Vorbereitungsphase. Während des Spiels wird es dann für mich nicht einfacher, weil ich als Auswechselspielerin ja ziemlich hilflos bin. Da muss ich meine Anspannung dann irgendwie anders loswerden.

          Sie haben nur siebenmal in dieser Saison gespielt. Was ist Ihre Rolle in der Mannschaft?

          Fußballerisch zähle ich natürlich nicht mehr zu den Leistungsträgern. Ich bin aber schon noch eine wichtige Persönlichkeit, weil ich sehr lange im Verein bin und vieles erlebt habe. Außerdem bin ich eigentlich immer gut drauf, habe einen lustigen Spruch auf den Lippen. Das ist ja auch wichtig. Inzwischen habe ich mich mit meiner Rolle ganz gut arrangiert.

          Waren Sie denn nie unzufrieden mit dieser Rolle?

          Natürlich gab es diese Zeiten. Wenn ich der Meinung war, dass ich gut trainiert habe, und dann doch wieder nicht zum Einsatz gekommen bin. Aber es gab keine Situation, die es wert gewesen wäre, dass ich öffentlich einen Stammplatz einfordere. Mir war es wichtiger, dass ich gesund bin. Das stand bei mir irgendwann einfach an erster Stelle, weil ich es schon so oft anders erlebt hatte.

          Trotz vier Kreuzbandrissen haben Sie nie aufgegeben. Woher haben Sie den Willen genommen?

          Diese Kraft kommt aus der Situation heraus. Natürlich habe auch ich nach dem vierten Kreuzbandriss lange überlegt, ob ich überhaupt noch Fußball spielen soll. Die Verletzungen haben Spuren hinterlassen. Es gab sehr deprimierende Momente. Aber sobald ich wieder beschwerdefrei war, konnte ich es einfach nicht mehr lassen, wieder auf dem Fußballplatz zu gehen.

          Jetzt sind Sie 28 Jahre alt, seit zwei Jahren weitestgehend ohne Verletzung – und beenden trotzdem Ihre Karriere.

          Ja. Ich habe letztes Jahr mein Pädagogik-Studium beendet und will mich beruflich anders orientieren. Obwohl ich gesund bin, ist doch auch klar, dass man mit vier Kreuzbandrissen nicht spielt, bis man 35 Jahre alt ist. Ich will selbst bestimmen, wann Schluss ist. Ich wollte das nicht schon wieder meinem Körper überlassen. Außerdem soll mein Privatleben nach elf Jahren Fußball wieder einen breiteren Raum einnehmen.

          Haben Sie durch die Verletzungen gelernt, dass es Wichtigeres gibt als Fußball?

          Mir war schon sehr früh bewusst, dass es noch andere Sachen außer Fußball gibt. Der Verein war einer meiner Lebensmittelpunkte, aber nicht der entscheidende, mit dem die Person Nia Künzer steht oder fällt. Sicher hat sich das durch die Verletzungen noch mal verstärkt: Der Fußball sollte nicht so viel Raum einnehmen, dass mein restliches Leben davon unglaublich beeinflusst wird und meine Stimmung darunter allzu sehr leidet.

          Ist es nicht trotzdem schwer für Sie, jetzt Abschied zu nehmen?

          Ich habe mir noch gar keine großen Gedanken darüber gemacht. Den Sonntag stelle ich mir jetzt noch überhaupt nicht schwer vor. Aber sicherlich wird es danach Phasen geben, in denen ich vieles vermisse. Ob ich meine Entscheidung dann direkt in Frage stelle, weiß ich jetzt noch nicht. Wenn ich die anderen nächstes Jahr von der Tribüne aus sehe, dann kommen vielleicht Sehnsüchte. Ich hatte hier einfach eine richtig gute Zeit, habe sehr viel gelacht – auch wenn ich nicht immer nur glücklich und zufrieden war. Ich habe Freunde gefunden, die mir über den Sport hinaus bleiben. Das ist außergewöhnlich, weil man in gewisser Weise ja auch einfach nur eine Zweckgemeinschaft ist. Meine Freunde verschwinden am Sonntag nicht einfach, sie bleiben.

          In der öffentlichen Wahrnehmung werden Sie wegen Ihres Tores im WM-Finale 2003 das Goldköpfchen bleiben. Stört Sie das?

          Wieso? Es gibt Schlimmeres, auf das man angesprochen werden kann.

          Schauen Sie sich das Tor manchmal noch an?

          Ich schaue mir meine Spiele auch im Nachhinein nicht an. Ich war ja dabei.

          Was würde die Meisterschaft mit dem FFC nun noch bedeuten?

          Für mich wäre das natürlich ein schöner Abschied. Aber im Vordergrund steht doch die Belohnung für die Mannschaft für eine richtige schwere Saison.

          Werden Tränen fließen bei Ihnen?

          Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin nicht der Typ dazu. Genauso wenig wie Renate Lingor und Louise Hansen, die ja auch aufhören. Aber vielleicht wird es ja doch so emotional, dass wir uns nicht mehr zurückhalten können. Eigentlich möchte ich aber einen fröhlichen Abschied.

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