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Mainhattencup in Frankfurt : Die große Familie der Rollstuhltänzer

  • -Aktualisiert am

Ausdrucksstark: Steven Fenech und Sarah Farrugia aus Malta tanzen Latein in der Gruppe Non IPC. Bild: Maximilian von Lachner

Nach zweijähriger Corona-Pause findet endlich wieder der international besetzte Mainhattencup statt. Getanzt wird in allen Varianten, die der Rollstuhl ermöglicht. Das Leistungsniveau ist hoch.

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          Wenige Tage vor Turnierbeginn hat Andrea Naumann-Clément beschlossen, ihre Trophäensammlung aufzulösen. Weil die be­stellten Pokale und Medaillen wegen Lieferproblemen nicht rechtzeitig anzukommen drohten, kramte sie kurzerhand ihre eigenen, über die Jahre beim Rollstuhltanzen gewonnenen Pokale hervor. „Es ist besser, wenn sie bei den Siegern im Regal stehen“, sagte sie am Sonntag, dem zweiten Wettkampftag des Mainhattencups.

          An die Misslichkeiten, die im Laufe der Organisation auftreten können, hatte sich Naumann-Clément erst wieder ge­wöhnen müssen. Nach zweijähriger Co­rona-Pause lud der Rollstuhl-Sport-Club Frankfurt (RSC) am Wochenende wieder in den Saalbau in Frankfurt-Griesheim zu dem internationalen Rollstuhltanz­turnier, das der Verein bereits von 2016 bis 2019 gemeinsam mit dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS) ausgerichtet hatte. Gekommen waren Tänzerinnen und Tänzer aus aller Herren Länder.

          „Das Leistungslevel ist enorm hoch“

          Am Wochenende hingen von der De­cke der Griesheimer Veranstaltungshalle 16 bunte Flaggen herab – darunter die israelische, die türkische und die süd­koreanische. Man kennt sich; einzig das tschechische Team ist zum ersten Mal dabei. „Es ist wie eine große Familie“, sagt Naumann-Clément. Getanzt wird in allen Varianten, die der Rollstuhl ermöglicht: Beim Kombi-Tanzen tritt ein Nicht-Behinderter mit einem Rollstuhlfahrer an, beim Duo-Tanzen sitzen beide Partner im Rollstuhl.

          Auch Darbietungen im Einzel und im Formationstanzen, bei dem sich mehrere Paare gleichzeitig über das Parkett bewegen, werden aufgeführt. Beim Standardtanz, lateinamerikanischen Tänzen und im Discofox geht es für manche schlicht ums Dabeisein, für andere hingegen um Ranglistenpunkte des Internationalen Paralympischen Ko­mitees (IPC).

          „Das Leistungslevel ist enorm hoch“ sagt Corrie van Hugten. Die Niederländerin sorgt dafür, dass die Zeitpläne eingehalten werden, und vermittelt bei Fragen zwischen Athleten und Organisationsteam. In Frankfurt habe sie „wundervolle Tage“ erlebt. Sie muss es wissen, gilt sie doch als „Mutter des Rollstuhl­tanzens“, wie sie erzählt.

          In ihrer Heimat habe sie schon Turniere mit über 300 teilnehmenden Paaren organisiert. Mit ihrer Begeisterung über das Niveau ist van Hugten nicht allein: Wie das koreanische Paar – sie mit silberfunkelndem Haarschmuck im Rollstuhl sitzend, er stehend im roten Umhang – gemeinsam über das Parkett gleitet, ist anmutig und ausdrucksstark zugleich. Zum Schluss greift er den Rollstuhl seiner Partnerin mit beiden Händen und dreht sie so mehrmals durch die Luft.

          „Ist für alle möglich“

          „Manche glauben, nie wieder tanzen zu können, sobald sie im Rollstuhl sitzen“, erklärt Pippa Roberts, „dabei ist das für alle möglich.“ Roberts ist Cheftrai­nerin für Rollstuhltanzen im DRS. Be­sonders wichtig für gelungene Choreographien seien Koordination, Mu­­sikalität und Trainingseifer, sagt sie. Die einzige Athletin der 72-Jährigen, die in Frankfurt in der Wettbewerbsklasse des IPC antritt, ist Pamela Heymanns. Sie trägt eine weiße Trainingsjacke mit schwarz-roten Är­meln, auf Brusthöhe prangt der Bundesadler.

          Am Samstag hatte Heymanns im Einzel in der Kategorie LWD 2 ihren deutschen Meistertitel verteidigt. Tänzer in dieser Klasse können ihren Oberkörper weitestgehend uneingeschränkt be­wegen; Starter der Klasse LWD 1 sind hingegen deutlich weniger mobil. Das Tanzen im Rollstuhl könne körperlich beeinträchtigten Personen zu einer „besseren Ausdauer, ei­ner gesteigerten Be­weglichkeit und ei­ner positiveren Einstellung verhelfen“, sagt Heymanns. Auch bei ihr sei das so gewesen: „Die körperliche Aktivität, die ich jetzt habe, hätte ich ohne das Tanzen nicht erreicht.“

          Wie Heymanns berichtet auch Andrea Naumann-Clément von Nachwuchspro­blemen im Rollstuhltanzen. Corona hätte ihren Verein ausgebremst, manch einer suchte sich ein neues Hobby. Der Mainhattencup aber soll, wenn es nach ihr geht, auch im kommenden Jahr statt­finden – trotz der hohen Kosten, die etwa für den behindertengerechten Transport anfallen.

          Das diesjährige Turnier wurde Naumann-Cléments Ehemann und langjährigem Tanzpartner Jean-Marc Clément gewidmet, der im vergangenen Jahr verstorben war. Bevor des Rollstuhl­tänzers am Sonntagabend gedacht wurde, lud der Showtanz des RSC auch alle an­deren Starter, ungeachtet von Alter, Na­tion und Einschränkung, aufs Parkett ein. Ein Bild, das Naumann-Clément in ihrer Wahrnehmung bestätigte: Zu sehen war das fröhliche Miteinander einer großen Familie.

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