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ELF-Sieg von Frankfurt Galaxy : Wenn der Trainer tanzt

  • -Aktualisiert am

Frankfurt Galaxy in Feierstimmung: Trainer Kösling stemmt die silberne Siegertrophäe hoch. Bild: Imago

Frankfurt Galaxy steht im Finale der European League of Football vor ungewohnten Problemen – und stellt dann als Sieger eine neue Qualität unter Beweis.

          3 Min.

          Wer Thomas Kösling ein paar Mal begegnet ist, ihn beobachtet hat bei dem, was er tut, der gewinnt schnell den Eindruck, dass der Trainer des Footballteams Frankfurt Galaxy kein besonders extrovertierter Zeitgenosse ist. Wer Thomas Kösling zusieht und zuhört bei seiner Arbeit, der stellt schnell fest: Der 38 Jahre alte Polizeibeamte ist eher sachlicher Natur, nüchtern im Umgang, stets konzentriert.

          Jan Ehrhardt
          Sportredakteur.

          Wer nun aber Thomas Kösling nach dem Finale der European League of Football (ELF) beobachtete, das er und seine Mannschaft am Sonntag nach einem packenden Schlussviertel für sich entschieden und damit den ersten Titel der noch jungen Liga überhaupt gewonnen hatten, der sah etwas, dass es wohl sonst nicht so oft zu sehen gibt: Thomas Kösling tanzte. Vor 20.000 Zuschauern in der Düsseldorfer Arena, mitten auf dem Rasen. Dieser Sieg, so sagte es Thomas Kösling später, war für den Trainer des Footballteams Frankfurt Galaxy wirklich etwas Besonderes.

          Defensive zeigt erstmals Schwächen

          Besonders war er aber nicht nur, weil Kösling tanzte, oder weil es der erste Titel überhaupt war, den die Mannschaft gleich im ersten Jahr seit ihrer Neugründung gewann, sondern auch deshalb, weil Frankfurt Galaxy mit diesem 32:30-Sieg gegen die Hamburg Sea Devils eine ganz neue Qualität unter Beweis gestellt hatte. Eine Qualität allerdings, die sie erst schmerzlich an sich entdecken mussten.

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          „Wir hatten eine Situation, die wir so nicht gewohnt waren“, sagte Kösling nach der Partie, und sprach damit an, was für viele im Stadion offensichtlich gewesen war: Die Frankfurter Defensive, Rückgrat des Teams in einer überaus erfolgreichen Saison mit nun elf Siegen aus zwölf Spielen, zeigte erstmals eklatante Schwächen. Ausgerechnet im wichtigsten Spiel des Jahres: Stellungsfehler, Abstimmungsprobleme, mangelnde Kommunikation.

          Der Auftakt gegen Hamburg misslang völlig, die Sea Devils machten in der Anfangsphase was sie wollten mit den Galaxy-Verteidigern. Und sie punkteten: 0:10 lag Frankfurt zwischenzeitlich zurück, etwas später dann 12:17.

          Spiel drohte zu kippen

          „Es fühlte sich an, als liefe alles für uns“, sagte Hamburgs Quarterback Jadrian Clark dazu, auch sein Trainer Andreas Nommensen meinte: „Das spielte voll in unsere Karten. Wir haben Frankfurt in eine Situation gebracht, die sie nicht kannten.“ Mit einem Rückstand konfrontiert zu sein, gleich zu Beginn und dann noch mehrmals nacheinander sogar, war für Kösling und sein Team alles andere als üblich in dieser Saison, in der Frankfurt Galaxy von allen acht Mannschaften in der Liga die wohl konstanteste (und erfolgreichste) gewesen war. Gerade weil die stabile Defensive stets für Selbstvertrauen und Sicherheit auch in der Offensive gesorgt hatte.

          Frankfurt habe in diesem Moment ein „bisschen gewankt“, meinte Kösling, der permanent versuchte, von der Seitenlinie Einfluss zu nehmen auf seine Verteidiger. Wie dramatisch diese Momente aber tatsächlich waren, mehr noch: wie dramatisch sie hätten werden können, verdeutlichte sein nächster Satz gegenüber der F.A.Z.: „Die Spieler waren zum Teil gar nicht aufnahmefähig, weil für sie diese Situation so unbekannt war.“ Das Endspiel um die ELF-Meisterschaft, so die Einschätzung des Galaxy-Trainers, hätte leicht kippen können in dieser Phase vor der Halbzeit, der Traum vom Titel wäre dann wohl früh ausgeträumt gewesen.

          Offensive findet Antworten

          Doch wenn der eine, so oft so dominante Mannschaftsteil Schwächen zeigt, ist es beste Zeit für den anderen, Stärke zu zeigen. Auch wenn sich die Frankfurter Defensive mit zunehmendem Spielverlauf stabilisierte, war es doch vor allem die Offensive, angeführt von Quarterback Jakeb Sullivan, die auf jeden der Rückstände in dieser ersten Hälfte, und später auch auf den abermals deutlichen 20:30-Rückstand in der zweiten Hälfte, die passenden Antworten fand.

          Insbesondere in der hochspannenden Schlussphase, als der Titelkampf in beide Richtungen hätte entschieden werden können, zeigte die Angriffsreihe Nervenstärke: Zwei Touchdowns, einer nur 23 Sekunden vor dem Abpfiff, drehten die Partie gerade noch rechtzeitig zugunsten von Frankfurt, und weil Hamburgs Kicker Phillip Friis Andersen, einer der herausragenden Akteure dieser ELF-Premierensaison, Nerven zeigte und zwei Field Goals vergab; eines aus kurzer Distanz, das wohl den sicheren Sieg der Sea Devils bedeutet hätte, und eines mit gerade einmal noch vier Sekunden Restspielzeit aus 62 Yards (etwa 57 Meter), standen am Ende die Galaxy-Spieler, Offensive wie Defensive, gemeinsam mit ihrem Trainer im Konfettiregen und stemmten die silberne Siegertrophäe in den Nachthimmel.

          Diese Comeback-Qualität, also die Fähigkeit zu besitzen, sich spielerisch, aber vor allem auch mental von Rückschlägen erholen zu können, daraus gar Impulsenergie zu gewinnen, dürfte eine wertvolle Erkenntnis sein für die kommende Saison in der europäischen Football-Liga.

          Frankfurt Galaxy wird dann abermals als einer der Favoriten an den Start gehen, das hat der Titelgewinn in diesem Jahr untermauert. Ganz ausgelassen aber wollte Kösling selbst in diesem besonderen Moment dann doch nicht werden. Gefragt, ob er nicht ein Loblied auf seinen Quarterback, der zum wertvollsten Spieler des Finales gewählt worden war, singen könne, antwortete Kösling lächelnd aber deutlich: „Ich singe jetzt ganz bestimmt nicht.“

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