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Frankfurt : Die Vermessung der Marathonwelt

  • -Aktualisiert am

Mit Geleitschutz: Udo Brandt auf seiner Vermessungsfahrt Bild: Wonge Bergmann

Wenn Udo Brandt im Auftrag des DLV die genaue Länge des Frankfurter Laufs ermittelt, hilft die Polizei – und die 42,195 Kilometer werden 42 Meter länger. Im Jahr nimmt Brandt ungefähr dreißig Strecken unter die Räder seines Trekkingbikes.

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          Am Sonntagmorgen um Viertel nach acht hat sich Udo Brandt auf die Marathonstrecke begeben – mit dem Fahrrad. Nicht dass der 57 Jahre alte Essener mit dem Laufsport nichts am Hut hätte und die 42,195 Kilometer lieber sportlich auf dem Rad meisterte. Nein, Brandt ist ein versierter Läufer, hat rund 20 Marathons absolviert und kann eine äußerst respektable persönliche Bestzeit von 2:40 Stunden vorweisen. Dass er an diesem etwas grauen Sonntagmorgen mit dem Fahrrad genau an der Stelle, an welcher in knapp sechs Wochen der Frankfurt Marathon gestartet wird, auf die Straßen durch und rund um die Frankfurter City ging, hat etwas mit der Mission zu tun, in der Brandt derzeit unterwegs ist: der exakten Vermessung der Marathonstrecke.

          Das Rad, auf dem er die Distanz in Angriff nahm, ist eigentlich ein ganz normales Trekkingbike – nur ein kleines Detail ist anders: der kleine Zähler an der Vorderradnabe, der sogenannte Jones-Counter. Mit diesem kleinen Kästchen wird die Strecke des Marathons gemessen. Das kleine Messgerät ist mit rund 200 Euro nicht sonderlich teuer, aber schwer zu bekommen. Wer einen kaufen will, tut sich am besten in Amerika um. Der Zähler wird dann am Rad montiert, eine Scheibe überträgt das Kreisen das Rades mechanisch. Pro Umdrehung des Vorderrades springen die Zahlen am Jones-Counter etwa siebenmal weiter.

          Fahrt ohne Geleitschutz zu gefährlich

          Den kleinen Zähler hat Brandt vorher geeicht – ein Vorgang, der angesichts der Qualifikation des Esseners sicherlich äußerst exakt vonstatten geht: Brandt ist Vermessungsingenieur. Gleichzeitig ist er einer der offiziellen Vermesser des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Eigentlich startet Brandt zu Vermessungsfahrten bei Stadtmarathonläufen gerne schon um fünf Uhr in der Frühe, weil dann die Straßen leer sind. „Aber hier hatte die Polizei erst um Viertel nach acht einen freien Termin“, erzählt Brandt. Um möglichst auf der Idealstrecke bleiben zu können, benötigt Brandt nämlich den Geleitschutz eines vorausfahrenden Polizeiwagens und einer hinterherfahrenden Motorradstreife.

          Klein, aber genau: Der Jones-Counter springt bei jeder Radumdrehung siebenmal weiter
          Klein, aber genau: Der Jones-Counter springt bei jeder Radumdrehung siebenmal weiter : Bild: Wonge Bergmann

          Am Sonntagmorgen waren dann nur zwei Motorräder da und kein Auto. Funktioniert hat trotzdem alles bestens. „Die Polizisten auf den Motorrädern haben einen tollen Job gemacht“, sagt Brandt, der die Hilfe der Männer in den grünen Lederoveralls sehr zu schätzen weiß. Ohne Geleitschutz wären im fließenden Verkehr der Frankfurter City solche Fahrten zu gefährlich. Und am Sonntag gegen elf mussten sich Brandt und die Motorradstaffel sogar einen Weg durch eine Einbahnstraße bahnen – entgegen der Fahrtrichtung.

          Zum ersten Mal in offizieller Mission in Frankfurt

          Im Jahr nimmt Brandt ungefähr dreißig Strecken unter die Räder seines Trekkingbikes – Zehn-Kilometer-Läufe, Halbmarathons und auch Strecken über die klassische Distanz von 42,195 Kilometern. Brandt ist Vermesser und Läufer aus Leidenschaft. „Ich glaube, ohne selbst Läufer zu sein, könnte man so einen Job gar nicht machen“, sagt er. So ist er ständig unterwegs, um Laufveranstaltungen zu garantieren, dass die Wettkampfstrecke schließlich genau so lang ist wie versprochen. Will ein Lauf ein nationales oder gar internationales Prädikat tragen, sind Vermesser wie der Mann aus dem Ruhrgebiet gefragt. Insgesamt 150 davon arbeiten für den DLV – aber lange nicht alle davon haben die Qualifikation, auch internationale Wettkampfstrecken wie die des Frankfurt Marathons auszumessen. Dazu bedarf es zusätzlich noch einmal der Zulassung der AIMS (Association of International Marathon- and Roadraces).

          Brandt, der über diese sogenannte B-Graduierung verfügt, ist zum ersten Mal in offizieller Mission in Frankfurt. Schon am Samstagnachmittag hat er lange mit einem sehr erfahrenen Kollegen zusammengesessen, der die Frankfurter Strecke vermutlich so gut kennt wie kein anderer: Dieter Damm. Der 71 Jahre alte Hofheimer ist im doppelten Sinne so etwas wie ein Vorläufer von Brandt. 24 Jahre lang war er zuvor als Vermesser aktiv – unter anderem auch regelmäßig bei dem Lauf am Main; und natürlich ist auch er Marathonläufer gewesen. Seine Bestzeit stammt aus den späten siebziger Jahren.

          „Unsere Übereinstimmung war phänomenal“

          Damals, erinnert sich Damm, wollte er sich für die deutsche Meisterschaft qualifizieren – was auch funktionierte. Damms Bestzeit stammt von diesem Lauf: 2:39 Stunden. Bei den nationalen Wettkämpfen kam er dann als Letzter ins Ziel. „Aber ich glaube, ich war mit 2:53 Stunden der schnellste Letzte aller Zeiten“, erzählt er. Eigentlich hatte Damm vor einem Jahr an seinem 70. Geburtstag seinen letzten Marathon laufen wollen – es wäre sein siebzigster Wettkampf über die klassische Distanz gewesen. Doch die Gesundheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Am Sonntag war Damm auch mit von der Vermessungspartie. Normalerweise hätte er in dem vorausfahrenden Streifenwagen gesessen. Da aber nur ein Motorrad vorne fuhr, hängte sich Damm mit seinem Privatwagen hinter den Polizisten und dirigierte ihn über die Frankfurter Marathonstrecke. Was mangels Funkkontakt gar nicht so einfach war, dann aber doch ganz gut funktionierte.

          Damm ist einer der wenigen Streckenvermesser, die über den sogenannten A-Grad verfügen. Der Hesse darf auch bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften eingesetzt werden. Nun hat Damm seinen Job als Frankfurter Vermesser an Brandt abgetreten. Er schätzt seinen Nachfolger überaus und hat mit ihm zuvor einige Läufe gemeinsam unter den Jones-Counter genommen. „Unsere Übereinstimmung war phänomenal“, sagt Damm, „so etwas ist in diesem Metier überaus selten.“

          Farbspraydose als Hilfsmittel

          Abweichungen sind keineswegs selten. Und eine so lange Strecke auf den Meter genau zu ermitteln, dieses Ansinnen wäre schlicht nur eines – vermessen. Was aber auf keinen Fall sein darf: dass die Strecke zu kurz ist. Deshalb schlagen Männer wie Brandt stets den Faktor von etwa einem Promille auf, messen also statt der 42,195 Kilometer 42 Meter mehr – und setzen den Schlusspunkt bei gemessenen 42,237 Metern. Eine zu kurze Strecke würde von den Verbänden nicht akzeptiert – und der Lauf könnte nicht in die Wertung aufgenommen werden. Dass so etwas auch den Erfahrensten aus der Branche passieren kann, zeigte der Frankfurter Silvesterlauf 2005. Da hatte Damm sich gründlich vermessen. Die Strecke, die über 10 Kilometer hatte führen sollen, war 681 Meter zu kurz. „Das war ganz klar meine Schuld“, erzählt Damm. „Ich hatte die Strecke in mehreren Abschnitten gemessen und mich nach einer Streckenänderung einfach geirrt.“ Weil Irren menschlich ist, wird üblicherweise in einem Stück gemessen – und dies gleich zweimal.

          Im Oktober setzt sich Brandt noch einmal auf sein Trekkingrad und fährt die Frankfurter Strecke ab. Dabei markiert er dann gleich die Kilometer mit einer Farbspraydose. Am letzten Sonntag im Oktober sind dann diese 42 Punkte für die Teilnehmer das Maß der Dinge.

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