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Gegner der Eintracht : Das Meister-Projekt Marseille

  • -Aktualisiert am

Das Spiel gegen die Eintracht findet ohne sie statt: Fans von Olympique Marseille. Bild: AFP

Mit Geld aus den Vereinigten Staaten will Olympique Marseille um Titel kämpfen. In Frankreich bleiben sie durch den Gewinn der Champions League „Für immer die Ersten“. Auch ein deutscher Spieler war an dem Erfolg von 1993 beteiligt.

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          Die Leipziger können sich noch heute an das Tor von Hiroki Sakai in der letzten Spielminute im April erinnern. Als der japanische Rechtsverteidiger von Olympique Marseille (OM) den Ball ins leere Tor schoss, konnten die Franzosen die Qualifikation für das Halbfinale der Europa League vor ekstatischen Zuschauern im Stadion feiern. Nachdem sie das Hinspiel in Deutschland 0:1 verloren hatten, gewannen sie das Rückspiel mit einem furiosen 5:2. Diese Leistung hätten sie ohne das Publikum wahrscheinlich nicht geschafft. Die 65.000 Zuschauer im frisch renovierten Stade Orange Vélodrome haben ihre Mannschaft so stark unterstützt, dass OM die beste Europapokalpartie der Vereinsgeschichte seit 2004 gespielt hat. Damals verlor man im Uefa-Pokalfinale gegen den FC Valencia.

          Die Frankfurter Eintracht wird diese Stimmung nicht kennenlernen. Wegen Ausschreitungen in vier Europa-League-Partien und besonders jenen im Finale in Lyon wurde Marseille für das Spiel an diesem Donnerstag mit einem Zuschauerausschluss bestraft. Diese Chance sollten die Frankfurter nutzen, weil OM ohne den sogenannten zwölften Mann eine andere Mannschaft ist.

          Namenhafte Spieler als Erinnerung

          Das „Marseillais“-Publikum gehört zur französischen Fußballgeschichte und ist ein Grund dafür, warum Marseille ein so spezieller Verein ist. Er gilt als der populärste Verein Frankreichs mit mehr als acht Millionen Liebhabern und gehört in den sozialen Netzwerken zu den 25 beliebtesten Klubs Europas. Fußball ist für die Stadt am Mittelmeer Thema Nummer eins.

          Als Olympique das Europa-League-Finale in der vergangenen Saison erreichte, wurde der berühmte „Vieux Port“ von Fans erobert. Erinnerung an alte Zeiten. Bis heute ist OM der einzige französische Verein, der die Champions League gewonnen hat. Spieler wie Rudi Völler, Abédi Pelé, Basile Boli oder die Weltmeister Marcel Desailly und Didier Deschamps haben diesen Erfolg 1993 möglich gemacht. „Für immer die Ersten“, lautet seitdem das Vereinsmotto. Trotzdem war das Leben in Marseille nicht immer blau und weiß gezeichnet.

          Mit US-Investor zurück an die Spitze

          Die Geschichte des Vereins ist von Leidenschaft, Erfolgen, aber auch Instabilität geprägt. Hochtalentierte Spieler wie Didier Drogba, Samir Nasri oder Franck Ribéry haben dem Publikum unvergessene Momente geschenkt. Nach dem Meistertitel 2010 mit Deschamps als Trainer hat der Klub seinen ursprünglichen Glanz wiedergefunden. Drei Liga-Pokale, zwei Supercups und zweimal Liga-Zweiter zwischen 2010 und 2013. Und dann noch mal Instabilität und Flatterhaftigkeit. Mit der Saison 2014/2015 unter dem Trainer Marcelo Bielsa als Höhepunkt. Dieser verrückte Coach passte perfekt zum Verein. „El Loco“ hat sich zum glühenden Verteidiger des schönen Fußballs gemacht und hat das auf die Mannschaft übertragen. Diese schöne Zeit hat aber nur ein Jahr gedauert, denn Bielsa trat nach dem ersten Spieltag der neuen Saison zurück.

          Ganz Leise wieder an die Spitze: Mittelfeldspieler Dimitri Payet.
          Ganz Leise wieder an die Spitze: Mittelfeldspieler Dimitri Payet. : Bild: AFP

          Solche Geschichten scheinen typisch für Marseille. In Frankreich herrscht das Klischee, dass die Marseillais alles übertreiben. Dass das wahr ist, kann nicht belegt werden. Ganz falsch ist es wohl aber sicher nicht. Nach dem Rücktritt von Bielsa haben Michel und Franck Passi versucht, den Verein zu retten. Marseille landete auf Platz 13. Die Fans beschwerten sich über vermeintliche Inkompetenz. Manche wünschten dem Klub den Abstieg aus der ersten Liga, um einen echten Neuanfang zu schaffen. Es wurde eine andere Lösung gefunden.

          Am 17. Oktober 2016 kaufte der amerikanische Geschäftsmann Franck McCourt den historischen Verein und setzte Rudi Garcia als Trainer ein, der mit Lille 2011 französischer Meister geworden war und dann AS Rom an die Spitze der italienischen Liga führte. Damit fing das „OM Champions Project“ an. Die Idee war, dass Marseille jedes Jahr um den Titel kämpfen sollte. Dafür versprach der Amerikaner, viel Geld in den Verein zu investieren. Ein ehrgeiziges Ziel. Aber in zwei Jahren hat Marseille es tatsächlich geschafft, einer der vier mächtigsten Vereine Frankreichs zu werden. Mit Spielern wie Dimitri Payet (29 Millionen Euro), Luiz Gustavo (10 Millionen), Florian Thauvin (11), Kevin Strootman (25) oder Duje Caleta-Car (19) hat der Klub teure Spieler kaufen können, die das Projekt nach außen verkörpern. Drei Stammspieler wurden mit Frankreich Weltmeister.

          Und das europäische Abenteuer des vergangenen Jahres zeigt das Potential des Teams. Rudi Garcia ist augenscheinlich der richtige Trainer für Marseille und holt das Beste aus einer Mannschaft ohne namhaften Stürmer und mit nach wie vor dünnem Kader heraus. Das Problem ist aber, dass der Verein sich für die Champions League qualifizieren muss, um die Investitionen rentabel zu machen. Dafür gibt es zwei Wege. Entweder unter die ersten drei in der französischen Liga zu kommen – oder die Europa League zu gewinnen.

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