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Eintracht Frankfurt : Dicke Luft

Den „Lilien“ nicht gewachsen: Die Eintracht will hoch hinaus, doch in Darmstadt streckt sich auch David Abraham vergeblich. Bild: WITTERS

Von Aufbruchstimmung ist bei der Eintracht nach dem Spiel in Darmstadt nichts mehr zu spüren: Kovacs Taktik geht nicht auf, Hradecky beklagt fehlende Bundesligareife, und Varela fällt aus.

          3 Min.

          Ein Blick an die Wand genügte, um zu sehen, welche Chance sie verpasst hatten: Auf dem Fernsehbildschirm unter der Decke des Raumes wurde die aktuelle Tabelle angezeigt, und nur der FC Bayern und Hertha BSC wurden ohne Verlustpunkt an der Spitze des Klassements aufgeführt. Die Eintracht hätte nach zwei Bundesligaspieltagen ohne weiteres an der Spitze mitmischen können, wenn sie sich an diesem heißen Nachmittag in Darmstadt ein bisschen geschickter angestellt hätte. So aber ging sie nach neunzig Minuten, die von beiden Seiten mit großer Intensität, aber wenig spielerischem Glanz geführt wurden, das erste Mal in der noch jungen Saison leer aus. Das 0:1, erzielt von Sandro Sirigu unmittelbar vor Ende der regulären Spielzeit, machte die Hoffnungen auf einen Auftakt nach Maß zunichte. „Mit vier Punkten wäre der Start okay gewesen, jetzt ist er so na ja“, urteilte Alexander Meier.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Er fand es „bitter“, dass die Frankfurter, die einen sehr oft bemühten, aber zu selten zielstrebigen Eindruck hinterlassen hatten, vom hessischen Rivalen in der Schlussphase noch düpiert wurden. „Heute war so ein Tag, an dem man Geduld brauchte, und die hatten wir eigentlich“, meinte der Kapitän, der von seinen Kollegen kaum aktiv ins Geschehen eingebunden wurde und insgesamt lediglich auf 23 Aktionen am Ball kam. „Wir haben alles probiert, konnten aber nicht so kombinieren, wie wir es gewollt haben“, sagte Meier, der zunächst dachte, die hohe Hereingabe von Sirigu „landet hinter dem Tor“, doch sie senkte sich über den bis dahin weitgehend beschäftigungslosen Keeper Lukas Hradecky hinweg ins Netz. Meiers Fazit: „Jetzt sind wir wieder auf dem Boden der Tatsachen.“

          „Wir waren teilweise nicht Bundesligareif.“

          Von der Aufbruchstimmung, die sich nach dem glücklichen Debüt mit dem Erfolg gegen Schalke (1:0) breitgemacht hatte, war am Samstagabend im Jonathan-Heimes-Stadion nicht mehr viel zu spüren. Niko Kovac wirkte getroffen. Während sein Kollege Norbert Meier über seine Glücksgefühle sprach, die Sirigus „Schweineball“ bei ihm ausgelöst habe, saß der Coach der Eintracht zwei Meter daneben auf seinem Stuhl – und starrte mit einem Blick ins Leere, der andeutete, wie sehr ihn diese unnötige Niederlage schmerzte: „Darmstadt hat den Sieg heute sicher nicht verdient. Sie haben heute gewonnen, weil sie das Quentchen Glück zum Schluss hatten“, sagte Kovac in dem kleinen dunklen Presseraum im Erdgeschoss, in dem aufgrund der hohen Temperaturen, die an diesem Spätsommertag allen Beteiligten zu schaffen machten, und der Holztäfelung nahezu Sauna-Atmosphäre aufkam.

          Es herrschte – im Lager der Eintracht – dicke Luft. Die Frankfurter waren zuallererst auf sich selbst sauer, da sie nicht gezeigt hatten, wozu sie sich imstande fühlen. Die Statik der Mannschaft stimmte nicht. Im Mittelfeld griff niemand ordnend ein oder tat sich als Ideengeber hervor, über die Flügel kamen nur wenige gefährliche Vorstöße zustande, und als Kovac später reagierte und mit der Einwechslung von Danny Blum (für Hrgota) als Ballverteiler hinter der Spitze den Kurs korrigieren wollte (und Meier dafür nach ganz vorne beorderte), wurde nichts besser. Meier sprach hinterher von „viel Ballbesitz“ aber „zu wenigen“ durchdachten Aktionen in der gegnerischen Hälfte. „Wir konnten in Ruhe aufbauen, waren dann aber viel zu langsam und teilweise nicht bundesligareif“, klagte Hradecky: „Das sah von hinten richtig langweilig aus.“

          „Es liegt noch viel Arbeit vor uns.“

          Kovacs Idee, mit Mijat Gacinovic, Szabolcs Huszti, Hrgota und Meier in der Offensive die Oberhand gewinnen zu können, zündete nicht, da sich immer ungenaue Abspiele und Pässe ins Nirgendwo einschlichen. „Wir haben nicht die Spieler wie Dortmund oder Bayern, die immer eins gegen eins in die Zwischenräume gehen können“, sagte er und machte sich nicht die Mühe, seinen Frust zu kaschieren: „Attraktiv war das alles nicht.“ Kovacs Analyse gipfelte in dem Satz: „Wenn man schon nicht die Mittel findet, um zu gewinnen, darf man halt nicht verlieren.“ Er machte seinen Spielern den Vorwurf, sie hätten durch „Fahrlässigkeit“ ein besseres Abschneiden verhindert.

          Vor der Pause hatten Timothy Chandler und Hrgota Chancen, einen Vorsprung für das Team herauszuschießen – beide vergaben sie leichtfertig. „Wären wir in Führung gegangen, hätte Darmstadt mehr machen müssen, das hätte uns in die Karten gespielt“, haderte Kovac. Gacinovic, dem wenig glückte, leitete durch seinen Ballverlust an der Mittellinie den Rückschlag ein; dass weder er noch seine Kollegen auf die Idee kamen, Sirigu bei seinem Sprint an der Außenlinie entlang zu stoppen, Kovac sprach von einem „taktischen Foul“, zeige, dass „noch viel Arbeit auf unserem Weg vor uns liegt“.

          Einfacher wird es auch beim nächsten Gegner nicht

          Auch Bruno Hübner argumentierte ernüchtert: „Die Darmstädter haben die Bälle hinten rausgeschlagen und waren mit dem Unentschieden zufrieden. Für so ein Spiel darf man nicht belohnt werden“, sagte der Sportdirektor. „Es ist schon ärgerlich, dass man ohne eine Chance des Gegners und ohne dass sie Fußball spielen wollten verliert.“ Die Nachricht des Sonntags war nicht unbedingt dazu angetan, seine Laune zu heben: Die Eintracht muss vorerst auf Rechtsverteidiger Guillermo Varela verzichten. Der Uruguayer falle mit einer „schweren Bänderverletzung“ im linken Knöchel länger aus, sagte Kovac. Varela war schon in der 8. Minute nach einem Foul von Sven Schipplock ausgewechselt worden.

          Untersuchungen im Krankenhaus an diesem Montag sollen Klarheit ergeben, wie gravierend die Blessur ist – und welche Therapie für den von Manchester United ausgeliehenen 23-Jährigen zu folgen hat. Die Abwehrkette dürfte aber wohl abermals umorganisiert werden. „Wir müssen uns jetzt zwei Tage ausruhen“, sagte Meier, „und dann in Ruhe auf die nächste Aufgabe vorbereiten.“ Einfacher wird es unter den gegebenen Umständen am nächsten Samstag bestimmt nicht: Dann wird Bayer Leverkusen im Stadtwald vorstellig.

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