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Eintracht Frankfurt : „Real profitiert, die Eintracht – und ich auch“

Ein neues, frisches Gesicht der Eintracht: Jesús Vallejo sorgt für Belebung und Kultur im Frankfurter Spiel. Bild: Jan Huebner

Der spanische Fußballprofi Jesús Vallejo über die schnelle Integration in Frankfurt, die Kontakte nach Madrid und die Pläne für die Zukunft.

          5 Min.

          Vermissen Sie Spanien?

          Natürlich. Aber nicht in dem Sinne, dass ich darunter leiden würde. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn ich meine Familie auch jetzt regelmäßig sehen könnte, meine Freundin, meine Kumpel. Auch Saragossa, die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, fehlt mir ein Stück weit, genauso wie der Klub Real Saragossa, der mir sehr viel bedeutet. Aber ich bin in Frankfurt sehr gut angekommen. Wie sagt man auf Deutsch: Man fühlt sich pudelwohl? Genauso ist es. Meine Heimat werde ich wahrscheinlich während der Weihnachtstage wieder besuchen können. Darauf freue ich mich.

          Was gefällt Ihnen an Frankfurt?

          Das Ambiente ist sehr angenehm, die Menschen sind freundlich, die Stimmung auf den Straßen ist so wie die innerhalb unseres Kaders: sehr gut. Ich wohne schön am Mainufer. Es gefällt mir, die Leute zu beobachten, wie sie am Fluss entlangspazieren oder mit dem Fahrrad vorbeifahren. Klar ist, dass ich vorrangig meine Zeit mit der Mannschaft verbringe und mich fast jeden Tag viele Stunden in unseren Räumen im Stadion aufhalte. Wir trainieren und essen zusammen. Ich war in meiner Freizeit aber auch schon am Römer. Die Stadt hat viele schöne Plätze zu bieten, die mir gefallen.

          Sind Sie überrascht, dass Sie so schnell bei der Eintracht Fuß gefasst haben?

          Nein. Wir haben von Anfang an einen tollen Mannschaftsgeist. Und ich bin ein Teamspieler auch außerhalb des Platzes. Ich freue mich, wenn sich viele von uns nach dem Training noch zusammen verabreden. Manche von uns lernen ja auch noch gemeinsam Deutsch. In meinem Kurs sind auch Taleb Tawatha, Michael Hector, Guillermo Varela und Omar Mascarell dabei, da gibt es anschließend die Gelegenheit, sich noch mal in der Gruppe zu treffen und in ein Restaurant zu gehen. Durch den sprachlichen Zugang bieten sich für mich für spontane Verabredungen vor allem die Hispanios im Team an.

          Wie schwierig war es, sich an die Bundesliga zu gewöhnen?

          Es hat nicht lange gedauert, und jetzt passt es perfekt. Man arbeitet ja als Fußballprofi darauf hin, dass man seine Stärken einbringen kann und der Trainer einen dann aufstellt. Ich bin absolut zufrieden, wie es gerade läuft. Für mich, aber vor allem auch die Mannschaft. Die Ergebnisse machen uns allen Mut und zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Trainer Niko Kovac sagt uns immer, wenn wir als Team kollektiv arbeiten, dann geht jeder Einzelne aus dem Prozess auch persönlich gestärkt hervor. Wir können zufrieden sein – dürfen uns von diesem Gefühl aber nicht verleiten lassen.

          Was sind die auffälligsten Unterschiede zur spanischen Liga?

          Der Fußball ist nicht viel anders. Es sind eher Kleinigkeiten. Das Umschaltspiel ist in Deutschland viel schneller. Die Konzentration muss man stets hoch halten, weil es von einem Strafraum zum anderen hin und her gehen kann. Das kannte ich so zuvor noch nicht.

          Ist der 1. FC Köln, der Gegner an diesem Samstag, für Sie ein unbeschriebenes Blatt?

          Wir haben bei der Eintracht das Glück, dass wir sehr viel mit Videoanalysen arbeiten. Entsprechend werden wir mental vorbereitet. Rechtzeitig vor dem Anstoß weiß ich daher auch alles über die Kölner Spieler, ihre Stärken, aber auch die Schwachstellen, die sie haben – und die wir nutzen wollen. Grundsätzlich war mir aber schon in Spanien klar, mit wem ich es in der Bundesliga zu tun bekomme und dass es hier noch viele andere gute Klubs gibt, nicht nur den FC Bayern München.

          Ist es ein großes Abenteuer, schon als Neunzehnjähriger im Ausland Fußball zu spielen?

          Es ist eine Herausforderung, sich zurechtzufinden. Aber es ist ein angenehmes Empfinden, wenn man merkt, dass es klappt. Gerade auch privat. Es geht mir in Frankfurt richtig gut.

          Sie haben schon als Siebzehnjähriger Ihr Profidebüt für Real Saragossa gegeben, waren Kapitän der U19, die Europameister wurde, und Ihre Transferrechte liegen bei Real Madrid. Worin lag der Reiz, sich der Eintracht anzuschließen?

          Der Verein besitzt eine großartige Tradition. Er ist auch in Spanien wohlbekannt, gerade bei den Fans von Real Madrid. Sie erinnern sich an das 7:3 im Finale des Europapokals im Hampden-Park in Glasgow, mit dem Real 1960 zum fünften Mal den Titel gewann. Das Spiel gilt bei vielen Menschen bis heute als eines der besten aller Zeiten. Als im Sommer die formelle Anfrage von Frankfurt an Real kam und ich darüber in Kenntnis gesetzt wurde, fand ich es sofort gut. Inzwischen ist es eine Win-Win-Win-Situation: Real profitiert davon, die Eintracht und ich auch. Die Entscheidung war richtig, alle sind zufrieden.

          Besteht aktuell Kontakt zu Real?

          Hauptsächlich auf medizinischer Ebene. Die Mannschaftsärzte und Athletiktrainer tauschen sich regelmäßig aus. Das finde ich klasse, wie wichtig beiden Seiten meine Gesundheit ist. Ansonsten lässt mich Real hier in Ruhe meine Aufgaben erledigen. Wenn der Klub meint, es sei an der Zeit, mir von der Sportlichen Führung Tipps zu geben und sich mit mir auszutauschen, will man sich bei mir melden. Bislang war das noch nicht der Fall.

          Sie hatten im ersten Halbjahr in Spanien immer wieder muskuläre Probleme, unter anderem am Rücken, und konnten kaum eine Partie bestreiten. Nun haben Sie mit die besten Laufwerte aller Frankfurter Spieler. Wie kommt das?

          Die Zeit hat geholfen, dass die Beschwerden besser wurden. Am Anfang wollte ich erst mal schauen, wie das Training bei der Eintracht so abläuft und wie die Belastungen gestaltet werden. Deswegen bin ich während der Vorbereitung und der Trainingslager nach Absprache mit Niko Kovac noch sehr vorsichtig gewesen, damit es keinen weiteren Rückschlag gibt. Ich habe mich dabei immer sehr gut betreut gefühlt. Ich habe unter anderem einen speziellen Plan von den Physiotherapeuten und den Fitnesstrainern erhalten, den ich strikt absolviere. Ich weiß genau, wie ich mit meinen Kräften haushalten muss und wie ich meinen Körper bestmöglich regenerieren kann. Nun bin schon seit langem verletzungsfrei. Ich habe meine Form gefunden, bin in einen Flow gekommen und genieße es, dass ich einen Beitrag leisten kann, dass wir als Team vorankommen.

          Kovac sagt, er habe noch keinen Spieler in Ihrem Alter gesehen, der so zielstrebig gearbeitet habe. Er prophezeit Ihnen eine Karriere auf Weltniveau. Was bedeutet diese Erwartungshaltung für Sie: Ansporn, Druck – oder beides?

          Es ehrt mich sehr, solche Worte vom Trainer zu hören. Es ist eine Anerkennung, die mir viel bedeutet. Aber sie spornt meine Motivation auch an: Ich möchte noch mehr arbeiten, damit es weitergeht. Ich gehöre nicht zu der Sorte von Spielern, die sich auf Lob etwas einbilden und auf den Lorbeeren ausruhen.

          Die Eintracht ist gerade Tabellensiebter. Wie schätzen Sie die sportliche Lage ein?

          Wie heißt es auch in Spanien so schön: Wir sollten von Spiel zu Spiel denken (lacht). Das passt gut zu unseren Möglichkeiten. Schön wäre es, wenn wir uns eine Situation erarbeiten würden, in der wir frühzeitig den Klassenerhalt gesichert haben: Wir wollen nicht bangen müssen. Dafür werden wir weiter ambitioniert auftreten, aber nicht die Bodenhaftung verlieren.

          Was zeichnet Ihre Mannschaft aus?

          Wir sind eine echte Einheit. Wir stehen kompakt und agieren geschlossen. Außerdem sind wir konterstark. Und man sieht zum Beispiel am Torjubel, ganz egal, wer den Treffer geschossen hat: Wir rennen immer alle zu dem Schützen und freuen uns mit ihm gemeinsam.

          Und wo kann sich das Team noch steigern?

          In allen Bereichen. Es wäre auch falsch, jetzt zu behaupten, alles ist schon phantastisch. Es gibt immer Steigerungspotential, jeder muss sich ständig hinterfragen und versuchen, noch ein paar Prozent mehr aus sich herauszukitzeln. Dann sind wir künftig noch schwerer zu schlagen.

          Was wollen Sie noch besser machen?

          Ich möchte die deutsche Sprache besser beherrschen. Wenn es damit klappt, kann ich auf dem Platz viel sicherer kommunizieren und dafür sorgen, dass unsere defensive Abstimmung noch reibungsloser funktioniert. Ich möchte zum Beispiel den Mittelfeldspielern genauer sagen können, dass ich als Hintermann alles im Blick habe und sie in Ruhe den Ball weiter verteilen können. Solche Dinge. Aktuell gibt bei uns David Abraham die meisten Kommandos, und das ist völlig richtig so. Ich möchte ihm mehr helfen können.

          Welche Ziele wollen Sie in dieser Saison erreichen?

          So viele Spiele wie möglich für die Eintracht bestreiten. Und mit der Mannschaft so viele Punkte holen, wie es geht. Und gesund bleiben. Alles andere ergibt sich dann von allein. Denn der Wunsch ist das eine, die harte Arbeit das andere. Wer strebsam ist, erhöht nun mal die Wahrscheinlichkeit, dass er das erreicht, was er sich vorgenommen hat.

          Sie sind zunächst bis einschließlich 30. Juni 2017 von Real ausgeliehen. Schon eine Idee, wie es mit Ihnen danach weitergeht?

          Ich lebe im Hier und Jetzt und konzentriere mich auf die Gegenwart. Natürlich habe ich bei Real Madrid unterschrieben, um dort eines Tages auch zu spielen. Aber es wäre ein Fehler, es erzwingen zu wollen. Ich genieße die Zeit in Frankfurt und bei der Eintracht. Mal sehen, wie wir am Saisonende abgeschnitten haben, dann kommt vielleicht der Zeitpunkt der Entscheidung. Aber man sollte nichts überstürzen. Alles war schön bislang, und ich wüsste nicht, warum es in Zukunft nicht genauso schön weitergehen sollte. Ich glaube, ich habe mir eine gute Grundlage geschaffen, auf der sich alles Weitere in Ruhe aufbauen lässt.

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