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Eintracht-Frankfurt-Interview : „Wir wollen mehr!“

Das passt: Christian Peintinger (links) und sein Chef Adi Hütter verstehen sich. Bild: Jan Huebner

Eintracht-Ko-Trainer Christian Peintinger über seine Zusammenarbeit mit Adi Hütter und ihre Freundschaft, die Kochkünste des Chefcoachs, strikte Handy-Verbotszonen für die Eintracht-Spieler und das Bestreben, immer besser zu werden.

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          Wie verstehen Sie ihre Rolle als Assistent von Adi Hütter?

          Wir sind Brüder im Geiste. Wir ertappen uns immer wieder, wenn wir über Fußball diskutieren oder auf dem Platz Aktionen beurteilen, dass wir die Szenen mit den gleichen Augen sehen und sehr ähnlich darüber denken. Das ist eine gute Voraussetzung, um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen (lacht). Adi ist ganz klar der Chef, ich bin sein Assistent. Aber er gibt mir immer wieder das Gefühl, dass es ihm wichtig ist, dass ich meine Sichtweise einbringe. Das gleiche gilt auch für Armin Reutershahn als weiterem Assistenz-Coach oder Torwarttrainer Moppes Petz. Das sind zwei Eintracht-Legenden.

          Mussten Sie sich mit ihnen erst arrangieren?

          Wir vier sind offen aufeinander zugegangen und die Kommunikation ist exzellent. Es gibt ein Miteinander unter uns, und Adi lebt es so vor, dass der Gemeinschaftssinn vom ersten Tag an zu spüren war. Wir sind für ihn keine Hütchen-Aufsteller, sondern er nimmt uns mit in die Verantwortung und lässt uns, zum Beispiel, Varianten für Freistöße oder Eckbälle selbständig kreieren. Er muss letzten Endes den Kopf für die Ergebnisse hinhalten, aber er bindet uns in jede Entscheidung mit ein. Das ist einer seiner ganz großen Pluspunkte als Trainer: Er vermittelt seinen Mitarbeitern den Eindruck, dass sie etwas wert sind, dass ihre Meinung zählt und dass sie Einfluss nehmen dürfen.  

          Was bedeutet Fußball für Sie?

          Für mich ist dieser Sport eine Leidenschaft. Als Kind habe ich Fußball gespielt und bin Ski gefahren, auch Rennen. Mit 14, 15 Jahren musste mich dann aber für eine Sache entscheiden. Weil ich ein sogenannter Flachländer bin und aus Graz stamme, war die Anreise in die Berge mit großem Aufwand verbunden. So bin ich komplett beim Fußball gelandet. Mein Vater hat mich da ein Stück weit geprägt, er spielte auch lange bei Sturm Graz Bundesliga und war später Trainer. Zur Anziehungskraft dieses Sports gehört auch, dass man sich immer wieder neu auf Situationen einstellen und je nach Bedarf das Team mit seinen einzelnen Charakteren so ausrichten muss, wenn man gemeinsam Erfolg haben will. Grundsätzlich bin ich ein Anhänger des offensiven Stils. So wie wir ihn jetzt mit der Eintracht zeigen und wie er uns zuvor mit Young Boys Bern gelungen ist: Fußball mit offenem Visier, in dem es auf mutiges Pressing ankommt. Alle Spieler sollen darauf aus sein, mit der nötigen Absicherung nach hinten, auf schnellstem Weg vorzustoßen und den Abschluss zu suchen.

          Sie treten in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung – beruht das auf einer Absprache mit Hütter? 

          Ich verbringe sehr viel Zeit im Stadion. Dann bin ich froh, wenn ich abends nach Hause komme und die Tür hinter mir zu machen kann. Gerade im Herbst mit den vielen Spielterminen ist es mir wichtig, dort in Ruhe noch ein Spiel im Fernsehen anzuschauen oder den kommenden Tag vorzubereiten. Da nehme ich mir das Laptop zur Hand oder gehe Aufzeichnungen durch. Neulich war ich schon auch beim Sportpresseball mit der Eintracht-Delegation zu Gast. Aber ich bin nach Frankfurt gekommen, um zu arbeiten und nicht, um das Nachtleben auszukosten.

          Wie sieht die Aufgabenteilung im Trainerteam aus?

          Mein Tag beginnt um 8 Uhr in der Arena. Dann geht es bei den Trainingsplänen um letzte Details, und ich stimme mich zunächst mit den Videoanalysten ab. Dann frühstücken wir, und ungefähr gegen 10 Uhr geht es zusammen auf den Platz. Armin und ich wechseln uns oft mit den Übungen ab: Heute ist einer mit den Stürmern beschäftigt und der andere mit den Verteidigern, morgen geht es dann umgekehrt weiter. Auch Armin denkt so wie wir. Wir wussten schon im Frühsommer, als wir uns mit ihm vor dem Saisonstart über die Eintracht ausgetauscht haben, dass wir in Sachen Offensiv-Fußball auf einer Wellenlänge liegen. Nachmittags steht bei uns die Auswertung der Einheit an, dabei greifen wir sehr viel auf Bilder zurück. Hinzu kommt individuelles Training mit Spielern, das ich sehr gerne mache, um ihnen zu zeigen, wie sie sich an der Schusstechnik, bei Flanken oder dem Kopfballspiel mit ein paar einfachen Veränderungen verbessern können. Das ist eigentlich mein Steckenpferd, mit einzelnen Jungs nochmal eine dreiviertel Stunde raus zu gehen, doch aufgrund der vielfältigen Belastungen auch wegen der Europa League lässt sich das momentan leider nicht so organisieren.

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          Sie trainieren die Eintracht zusammen. Und leben auch mit Hütter in Frankfurt unter einem Dach. Eine ungewöhnliche Konstellation in diesem Job, oder?

          Adi und ich wohnen im gleichen Haus, aber schon in zwei getrennten Wohnungen. Ich habe den Vorteil, dass ich zwei erwachsene Kinder habe. Meine Tochter studiert Sport auf Lehramt, mein Sohn macht seinen Uniabschluss in Sport-Eventmanagement. Sie kommen mich regelmäßig besuchen, ansonsten fahre ich alle zwei, drei Wochen in die Heimat zu meiner Frau, die in Graz weiterhin berufstätig ist. Da ich ohne Familie in Frankfurt bin, muss ich auf keine Uhr schauen und Feierabend machen, weil privat andere Dinge anstehen. Ich kann mich zu hundert Prozent auf die Eintracht konzentrieren. In Bern lagen Adis Wohnung und meine weit auseinander. Weil Adi gerne gekocht und mich regelmäßig eingeladen hat, war ich öfter bei ihm essen. Und wenn es dann im Winter viel geschneit hatte, musste ich nach einem langen Arbeitstag müde und in der Dunkelheit im eiskalten Auto noch zurückfahren. Es war uns beiden klar, dass wir das in Frankfurt anders regeln wollten. Das ist praktisch. Auch für unsere Familien, die sich gut verstehen und so einen gemeinsamen Anlaufpunkt haben, wenn sie hierher kommen.  

          Hütter schaut so asketisch aus: Versteht er sein Handwerk als Koch?

          Ich denke, er macht es sehr gerne und das schmeckt man. Aber es bleibt leider gerade wenig Zeit dafür. In Frankfurt ist das Umfeld ein ganz anderes als in Bern, alles ist größer und es bedarf mehr Aufwand. Wir haben, seitdem wir hier sind, noch nicht einen Koch-Abend veranstalten können und bislang nur dreimal einen Salat zusammen gegessen.

          Sind Sie Freunde?

          Ja. Schon zu Zeiten, als er noch in Salzburg gelebt und gearbeitet hat und ich in Graz beschäftigt war, haben wir gemerkt, dass wir ähnlich ticken und uns sympathisch finden. Unsere Vertrauensbasis ist über Jahre gewachsen.  

          Können Sie Hütter anders kritisieren, weil Sie sich gut kennen?

          Wir können unsere Arbeitsbeziehung von unserer Freundschaft trennen. Das ist nicht immer einfach, aber es geht. Man muss halt nur wissen, welche Funktion man hat. Ich sage ihm hin und wieder, dass er ein unangenehmer Chef ist, weil er sehr streng und kontrollierend sein kann. Das fällt manchmal schwer zu akzeptieren, weil er gleichzeitig einer von meinen besten Kumpels ist. Aber das pendelt sich ein. Es ist okay für mich. Ich habe viel von ihm gelernt, über den Fußball und das Leben. Und ich weiß, dass es ihm genauso geht.

          Die Eintracht steht in der Liga auf dem dritten Platz und glänzt in der Europa League. Sehen Sie noch Steigerungspotential?

          Unsere Performance ist schon sehr gut. Aber wir können uns überall verbessern und in allem steigern. Jeder einzelne kann seine Fehlerquote weiter minimieren. Wir müssen daran arbeiten, dass wir Kontinuität auf hohem Niveau reinbekommen.

          Fürs Feintuning gibt es in Englischen Wochen nicht viele Gelegenheiten. Ist dieser Drei-Tages-Wettkampf-Rhythmus mit langen Hotelaufenthalten, Reisen und mitunter Klimawechseln auch für Trainer anstrengend?

          Fußball ist für mich nie Stress. Die Herausforderung an das Trainerteam ist in diesen Tagen aber schon eine etwas andere. Es geht darum, die momentan physisch besten Spieler auf den Platz zu bekommen. Immer kann man aber nicht mit der Top-Elf antreten. Denn dann kommt irgendwann ein Leistungsabfall, und man fällt zwischen beiden Stühlen durch. Deswegen geht es gerade auch darum, alle Mann so bei Laune zu halten, dass sie von sich so überzeugt sind, dass sie spielen wollen und es gut können, wenn sie an der Reihe sind.

          Wie gefestigt ist die Mannschaft?

          Wir haben zehn Spiele in Serie nicht verloren, davon neun gewonnen. Da steckt was dahinter, das hat nicht nur mit Glück zu tun. Aufgrund unserer Leistungen haben wir ein Fundament errichtet, auf dem wir nun etwas aufbauen können. Der Glaube an sich ist bei jedem einzelnen da. Das sieht man, wenn die Spieler entschlossen und geschlossen attackieren. Das war vor drei Monaten in dieser Form nicht der Fall. Nun geht es für uns alle darum, den Prozess weiter zu verfeinern. Stillstand bedeutet Rückschritt. Es ist unsere Aufgabe, nicht zufrieden zu sein.

          Nach dem verkorksten Saisonstart lastete früh Druck auf Team und Trainern. Wie schwierig war es, Ruhe zu bewahren?

          Wenn wir draußen nicht die Gelassenheit bewahrt hätten, wäre es den Spielern auch nicht möglich gewesen. Wir mussten Ruhe vorleben. Uns war klar, dass wir die Spielidee aus Bern auch bei Eintracht Frankfurt implementieren wollten. Dass es anfänglich nicht so gut geklappt hat, lag daran, dass Spieler verletzt waren, viele kamen angeschlagen von der WM zurück, andere wiederum waren neu in der Bundesliga. Da brauchte man Geduld, auch weil sich das Team an unsere Vorstellungen gewöhnen musste, die sich ja doch sehr von dem unterschieden, was zuvor unter Niko Kovac angesagt war. Die Hoffnung, dass es klappen würde, war bei jedem im Trainerteam stets vorhanden…

          …besser wurden die Ergebnisse aber erst, als Hütter taktische Modifikation vornahm, zum Beispiel von der Viererkette abrückte und auf ein 3-5-2 umstellte.

          Die Kunst ist es, die Spieler auf den Positionen einzusetzen, auf denen sie das Beste für die Mannschaft erreichen können. Das System muss flexibel bleiben. Nichts ist bei uns in Stein gemeißelt.

          Seit Wochen geht es aufwärts. Sagen Sie nun den Spielern, dass sie nicht die Bodenhaftung verlieren dürfen? Oder treiben Sie weiter an?

          Die Partie gegen Hannover war ein Schlüsselspiel. Wenn wir da nicht gewonnen hätten, wären wir hinten reingerutscht. Der Sieg hat uns einen Extra-Schub gegeben. Die Mannschaft hat von da an gemerkt, dass sie all das, was sie zuvor im Training schon gut gemacht hat, auch am Spieltag umsetzen kann – und sie sich vor niemandem verstecken muss. Auch für die Fans war das eine wichtige Erkenntnis. Seitdem geben wir keine Ruhe mehr. Wir wollen mehr! Und ich persönlich blicke heute immer nach oben in der Tabelle. Ich möchte, dass wir uns verbessern, da kann ich doch nicht nach unten schauen. Beim 3:0 gegen Schalke haben wir, obwohl wir zwei Tage weniger Vorbereitungszeit hatten, fast hundert Sprints mehr absolviert. Die physische Verfassung unseres Teams zeigt, dass unsere Strategie die richtige ist. Und das belegen wir den Spielern jeden Tag auch mit Daten und Fakten. Pi mal Daumen gehen wir dabei so vor, dass wir ihnen in Zweidritteln der Besprechungen zeigen, was sie gut gemacht haben. Und in dem anderen Drittel wird veranschaulicht, was sie noch besser machen könnten. Dabei ist es nie unsere Absicht, einen Spieler von der Mannschaft bloßzustellen. Wenn wir den Eindruck haben, eine Situation könnte zu persönlich werden, lösen wir es im Eins-zu-eins-Gespräch – und verwenden dazu auch Videoaufnahmen.

          Sind Sie ein Computerfreak?

          Nein, ich bin einer vom alten Schlag. Ich bin weder bei Facebook oder Instagram. Ich poste nichts.

          Als Sie Profi waren, sind Sie nebenbei noch einem anderen Beruf nachgegangen. Können Sie sich in die heutige Generation überhaupt reinversetzen?

          Absolut. Ich habe ja eine Tochter und einen Sohn in diesem Alter. Und ich habe bei Sturm Graz sieben Jahre die A-Jugend betreut, da kamen immer neue Teenager im Alter von 15 oder 16 nach. Mein Draht zur Jugend funktioniert. Und der Umgang hält selbst jung. Ich würde mir nur wünschen, dass meine Kinder oder andere etwas weniger am Smartphone posten und dafür sich anderen schönen Dingen des Lebens widmen.

          Gibt es Vorschriften, wann Eintracht-Spieler offline sein müssen?

          In der Küche und bei der Massage ist das Smartphone unerwünscht, und auch beim Abendessen im Hotel wollen wir, dass die Geräte ausbleiben.

          Sind Europa-League-Spiele wie an diesem Donnerstag gegen Marseille für Sie etwas Besonderes?

          Absolut. Wir waren auch mit Bern international dabei, das Ganze lässt sich mit Frankfurt aber gar nicht vergleichen: Atmosphäre und Zuschauerzuspruch bei der Eintracht sind überragend. Wenn man bei uns zum Warmmachen aus dem Spielertunnel heraus auf den Rasen tritt, und auf die vollen Tribünen blickt, ist das bereits ein phänomenales Erlebnis.

          Der Kader umfasst 36 Spieler und ist damit sehr groß. Wie moderieren Sie den Konkurrenzkampf?

          Dass die Stimmung bei uns so gut ist, gehört für mich zu den Verdiensten Adi Hütters. Er ist der Boss und redet mit allen, hört zu und steht jedem mit Rat und Tat zur Seite. Auch denen, die im Spiel nicht zum Aufgebot gehören. Adi lässt damit jeden spüren, dass er gebraucht wird und er so seinen Teil zum Gelingen der Mannschaft beitragen kann.  

          In der Vergangenheit folgte auf eine starke Hinrunde meist ein Leistungsabfall der Eintracht nach der Winterpause. Wie wollen Sie dem vorbeugen?

          Dafür gibt es keinen Kniff, denn dann würde ihn jeder anwenden. Durch unsere Tätigkeit in Bern haben wir bewiesen, dass wir eine Mannschaft so steuern können, dass sie auch das Frühjahr unbeschadet übersteht. Wir müssen die Spieler immer wieder so kitzeln, dass sie an ihre Leistungsgrenze gehen und gleichzeitig ins Team hineinhorchen, um zu merken, wie es um das Kollektiv bestellt ist. Damit kann man eine Grundlage schaffen, die einem auch in schweren Phasen hilft. Ob es schlussendlich dazu reicht, so weiter zu machen, wie es uns gerade gelingt, lässt sich nicht vorhersagen. Verletzungen können viele Planungen über den Haufen werfen.    

          Benötigt das Team in der Winterpause Neuverpflichtungen?

          Über die Transferpolitik möchte ich jetzt nicht öffentlich spekulieren. Dafür gibt es bei uns einen Sportvorstand, einen Sportdirektor und eine Scouting-Abteilung, die die Rahmenbedingungen zusammen mit dem Cheftrainer festlegen. Adi und ich haben jedenfalls noch nicht ein Wort darüber gewechselt, was bei uns mit Zu- oder Abgängen rund um den Jahreswechsel passieren wird.

          Wie sieht der nächste Schritt in Ihrer Trainer-Karriere aus: Wollen Sie selbst mal Chef sein?

          Meine Lebensplanung schaut so aus: Adi hat mir die Chance gegeben, bei ihm als Ko-Trainer zu arbeiten. Da können Angebote kommen, egal woher: So lange er mich will, bleibe ich bei ihm.

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