https://www.faz.net/-gzn-16q07

Im Gespräch: Eintracht-Profi Patrick Ochs : „Von Mesut Özil kann ich mir vieles abschauen“

  • Aktualisiert am

Kämpfernatur: Ochs gewohnt einsatzfreudig im Duell mit dem Mainzer Zsolt Löw. Bild: Wonge Bergmann

Der Führungsspieler der Frankfurter über die WM in Südafrika, die Aussicht, der neue Kapitän seines Teams zu werden – und über neue Anforderungen nach seinem Wechsel in die Offensive.

          5 Min.

          Kann eine Fußball-WM für einen erfahrenen Bundesligaprofi eine Motivation sein?

          Ja, natürlich. Wenn man die Spiele sieht und die Freude, mit der die Fans dabei sind, freut man sich, wieder selbst auf dem Platz zu stehen, um auch in Frankfurt die Fans zu begeistern. Außerdem kann ich ohne Fußball gar nicht leben.

          Ist das ein Appell an die Eintracht-Fans, zum ersten Heimspiel jede Menge Vuvuzelas mit ins Stadion zu bringen?

          Nein, das ist ja das Einzige, was wirklich nervt bei der WM. Die Fangesänge gefallen mir besser. Aber jedes Land hat seine eigenen Sitten, und die Vuvuzelas sind in Südafrika zurzeit eben sehr gefragt.

          Bei jeder WM der vergangenen Jahre wurde die Frage gestellt, ob es neue Entwicklungen im Fußball gibt. Haben Sie schon etwas entdeckt?

          Bei der Taktik ist auffällig, dass die meisten Teams mit nur einer echten Spitze spielen und mit einem offensiven Dreier-Mittelfeld dahinter. Es ist auch auffällig, dass viele der Mannschaften, die ausgeschieden sind, sehr kräftige Spieler in ihren Reihen hatten. Ich glaube, dass die Entwicklung wieder dahin geht, dass die Spieler drahtiger und geschmeidiger sind und keine muskelbepackten Kraftbolzen. Und dann ist da natürlich der Ball, Jabulani, der offenbar etwas Besonderes hat. Darauf bin ich schon gespannt, denn in der neuen Saison spielen ja auch alle Bundesligamannschaften mit diesem Ball.

          Sie sind vom rechten Verteidiger in der Viererabwehrkette zu einem offensiven Mittelfeldspieler geworden. Auf welche Position und auf Spieler achten Sie bei der WM mehr?

          Natürlich achte ich verstärkt auf Szenen, in denen Spieler auf der rechten Seite in Aktion sind. Wie sie diese oder jene Situation lösen. Aber sonst verfolge ich eher das gesamte Spielgeschehen.

          Früher waren Sie hinten rechts eine Art Philipp Lahm der Eintracht, heute spielen Sie, wieder gemessen an den Bayern, auf der Position von Arjen Robben – ist das nicht verwirrend für Sie?

          Dieser Wechsel war für mich nicht gravierend. Es macht mir im Gegenteil eher Spaß. Vorne kann man viel besser auf sich aufmerksam machen. Hinten macht man seinen Job und fällt meist nicht sonderlich auf. Ich bin kein Lahm und schon gar kein Robben. Ich bin irgendetwas in der Mitte. Ich versuche hinten mit auszuhelfen und vorne meine Akzente zu setzen. Viele Tore schieße ich ja nicht. Daran muss ich noch arbeiten.

          Warum hat es so lange gedauert, bis Sie die Position gefunden haben, die Sie jetzt spielen?

          Unter Friedhelm Funkel habe ich das schon vor ein paar Jahren mal versucht und nicht gut gespielt. Deshalb war das wieder vom Tisch. In der vergangenen Saison habe ich dann wieder mal rechts im Mittelfeld gespielt, und da hat es super geklappt. Danach habe ich noch weitere Spiele ganz gut auf dieser Position ausgesehen und war erst einmal gesetzt. Es kommt manchmal einfach auf die aktuelle Situation an.

          Ist der Druck für Sie auf der neuen Position größer, weil Sie daran gemessen werden, dass andere Spieler, Robben eben oder bei der Nationalmannschaft Thomas Müller, von hier aus jede Menge Tore schießen – Sie aber nicht?

          Schon, aber mehr Druck tut immer gut. Aber ich spüre eigentlich keine höhere Erwartungshaltung. Ich glaube, ich glänze mit meinen Vorlagen. Aber es ist auch klar, dass ich an meiner Torquote arbeiten muss. Das ist ein Defizit von mir. In dieser Saison habe ich mir vorgenommen, häufiger in die freien Räume zu gehen und den Abschluss zu suchen. Von Mesut Özil zum Beispiel kann ich mir diesbezüglich vieles abschauen.

          Haben Sie von Ihrer physischen Stärke, von Ihrer Fitness und Schnelligkeit im Sommerurlaub nichts verloren?

          Nein, nicht wirklich. Ich habe auch im Urlaub trainiert. Die ersten drei Wochen habe ich eine kleine Verletzung auskuriert, dann aber wieder mit dem Ball gearbeitet. Ich glaube, ich gehe topfit in die Saisonvorbereitung.

          Trainiert man im Urlaub freiwillig oder nach Anordnung des Trainers?

          Wir haben einen Trainingsplan bekommen. Das ist auch gut so, denn dann kann man sich orientieren. Aber ich hätte auch freiwillig trainiert.

          Trainieren Sie heute anders, eben weil Sie auf einer neuen Position spielen?

          Ich muss ein paar Extraschichten einlegen, den Torabschluss üben, in mehr Eins-zu-eins-Situationen gehen. In der vergangenen Saison hatte ich mehrere Szenen, in denen ich eigentlich das Tor machen musste. Da muss ich noch viel ruhiger und abgeklärter werden, und das trainiere ich jetzt häufiger.

          Andere Spieler auf Ihrer Position beherrschen es, von rechts in die Mitte zu ziehen und von dort mit links den Abschluss zu suchen. Können Sie das auch?

          Rechts ist ganz klar mein stärkerer Fuß. Aber ich denke, dass ich auch mit links zum Abschluss oder zur Flanke kommen kann. Das ist ein Lernprozess. So wie meine Flanken mit der Zeit besser geworden sind, werden auch meine Torschüsse besser werden.

          Holen Sie sich noch Rat von Ihrem väterlichen Freund Hermann Gerland?

          Nein, nicht mehr. Wenn wir uns sehen, dann freuen wir uns darüber und reden kurz. Aber Tipps gibt er mir nicht mehr.

          Gerland hat viele junge Spieler ausgebildet, besonders bei den Bayern. So auch die Nationalspieler Philipp Lahm und Thomas Müller. Gibt es eine Gerland-Schule, und, wenn ja, was macht sie aus?

          Hermann Gerland lehrt erst einmal die harte Schule des Fußballs. Am Anfang hat er mich viel angeschrien. Er wollte damit einfach schauen, wie ich als Kerl gebaut war, ob ich den Profifußball durchstehen kann oder nicht. Viele scheitern auch an seiner rauhen Gangart. Bei ihm lernt man erst einmal das Laufen und Kämpfen und dann erst das Spielerische. Wenn er dann merkt, dass man wirklich will und das Zeug dazu hat, dann fördert er einen.

          Haben Sie solche Sachen wie schreiende und tobende Trainer immer schon gut weggesteckt, oder war es manchmal auch schwer?

          Am Anfang war es schon sehr schwer. Da habe ich auch manchmal Angst vor ihm gehabt. Aber als ich ihn als Typ richtig kennengelernt habe, so, wie er wirklich ist – außen hart, aber innen ein weicher Kern –, da kam ich schon sehr gut mit ihm aus. Und heute ist es schon eher wie eine kleine Freundschaft.

          Die Saisonvorbereitung mit der Eintracht beginnt am 5. Juli. Die Mannschaft hat sich mit Theofanis Gekas und Georgios Tzavellas verstärkt. Müssen noch mehr neue Spieler dazukommen, und was kann die Mannschaft in dieser Saison erreichen?

          Ich denke, dass der Kader mit 29 Spielern ausreichend stark ist. Wir sind gut aufgestellt, besonders im Offensivbereich. Mit Gekas und Tzavellas sind Spieler dazugekommen, die ihre Klasse schon bewiesen haben. Sie sind Nationalspieler, ich denke, dass sie uns weiterbringen werden. Von daher gehe ich positiv gestimmt in die Saison, auch wenn wir schauen müssen, ob die Spieler in unser System passen und ob wir viele Verletzte haben werden.

          Und Anführer dieser Mannschaft wird dann der neue Kapitän Patrick Ochs sein?

          Das weiß ich nicht. Darüber habe ich noch nicht mit dem Trainer gesprochen. Ich würde es natürlich gern machen, und ich denke auch, dass ich dafür lange genug bei der Eintracht bin. Aber auch wenn ich nicht neuer Kapitän werde, ist das für mich kein Problem. Ich kann mich auch so in die Mannschaft einbringen. Es ist nicht wichtig, ob Chris Kapitän wird oder ich, sondern nur, was richtig ist für die Mannschaft. Und da stellt jeder seine eigenen Wünsche hintenan.

          Vor einer Saison geben viele Vereine ein Ziel aus. Manche sind offensiver, andere zurückhaltender. Welche Strategie ist für die Eintracht das Beste?

          Man sollte nicht zu forsch sein, aber auch nicht zu zurückhaltend. Wir müssen den Mittelweg finden. Heute, da die Mannschaft noch nicht einmal zusammen trainiert hat, kann man noch kein Ziel ausgeben. Das kann erst nach der Vorbereitung passieren.

          Aber den zehnten Platz mit 46 Punkten aus der Vorsaison wollen Sie schon verbessern, oder?

          Ich werde keine Plazierung und auch keine Punkte nennen. Fakt ist, dass man Fußball spielt, um sich zu verbessern. Aber es gehören auch andere Faktoren zu einer Saison dazu, wie Verletzungen zum Beispiel.

          Gibt der Trainer ein Ziel vor?

          Ja, wir als Mannschaft zusammen mit dem Trainer machen uns Gedanken und reden, was möglich ist und was nicht. Im letzten Jahr war es so, dass wir uns mit dem Mannschaftsrat und dem Trainer zusammen hingesetzt und überlegt haben, welches Ziel wir ausgeben sollen oder ob wir von Spiel zu Spiel schauen. Und so wird es wohl auch in dieser Saison sein.

          Sind Sie bei Ihren Qualitäten manchmal wehmütig, wenn Sie internationale Spiele sehen, ob nun bei einer WM oder im Europapokal?

          Ja, natürlich. Ich habe gesehen, wie schön es ist, im Uefa-Pokal zu spielen. Man lebt zwar wie ein Zigeuner und übernachtet mal in dem und dann wieder in einem anderen Hotel. Aber dennoch ist es für jeden Spieler das Ziel, international zu spielen. Und als ich bei der Eintracht verlängert habe, habe ich ja auch gesagt, dass ich mit Frankfurt im Europapokal spielen will. In der vergangenen Saison waren wir lange Zeit dicht dran. Am Ende hat es dann nicht ganz gereicht, und deshalb tut es schon ein bisschen weh, nicht dabei zu sein.

          Wäre Ihre Karriere unvollendet, wenn Sie nicht irgendwann noch mehr internationale Spiele auf dem Konto haben würden?

          Es wäre auf jeden Fall sehr schade. Aber ich denke, dass es für mich auch so schon sehr gut gelaufen ist. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, spiele mit Eintracht Frankfurt in einem schönen Stadion, in dem jedes zweite Wochenende durchschnittlich 46 000 Zuschauer die Spiele sehen. Man könnte auch sagen, dass es wesentlich schlimmer hätte laufen können. Ich bin stolz und froh, hier bei Eintracht Frankfurt spielen zu können. Dennoch höre ich nicht auf, mir auch höhere Ziele zu setzen.

          Das Gespräch führten Uwe Marx und Ralf Weitbrecht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.