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Goncalo Paciência : Der Nachfolger der Frankfurter Büffelherde

  • -Aktualisiert am

Auf den Spuren der Büffel: Goncalo Paciência überzeugt bei Eintracht Frankfurt. Bild: Imago

Goncalo Paciência rückt in der Hierarchie der Eintracht-Stürmer auf. Der Portugiese verblüfft seinen Trainer und überrascht mit konstant guten Leistungen. Dahinter steckt eine erstaunliche Geschichte.

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          Welcher Fußball-Experte hätte vor dem Saisonstart dieser Prophezeiung Glauben geschenkt? Goncalo Paciência wird der Fußballprofi der Frankfurter Eintracht sein, der als Einziger an jedem der ersten 21 Pflichtspiele der neuen Spielzeit mitgewirkt hat und nach zehn Bundesligaspieltagen mit sechs Treffern auf Platz drei der Torjägerliste steht. Wohl keiner!

          Europa League
          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Es gehört zu den unglaublichen Geschichten des Fußballs, wie der 25 Jahre alten Portugiesen binnen eines Jahres vom Rekonvaleszenten, erst zum Büffelherden-Ersatzmann, dann zum Büffelherden-Vertreter und danach zum anerkannten und legitimen Büffelherden-Nachfolger aufstieg. In der wichtigen Auseinandersetzung mit Standard Lüttich in der Europa League am Donnerstag (18.55 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League und bei DAZN) setzt die Eintracht wieder auf die Treffsicherheit ihres Stürmers. Trainer Adi Hütter lässt am liebsten mit zwei Spitzen angreifen, und Freund, Landsmann, Kollege und Konkurrent Andre Silva ist nach seinen langwierigen Achillessehnenbeschwerden noch nicht bereit für die Startelf.

          Die Abwesenheit anderer, darin liegt die Erfolgsgeschichte von Paciência bei der Eintracht begründet. Im Sommer 2018 als vierter Angreifer nach Jovic, Haller und Rebic verpflichtet, warf ihn bald ein Riss im linken Meniskus aus dem Rennen um Einsatzzeiten. Der Aufstieg des Trios vor ihm zur treffsicheren Büffelherde erschwerte seine Lage zusätzlich. Gegen Ende seiner ersten Eintracht-Saison gelangen ihm immerhin einige wichtige Joker-Tore, die sein Potential andeuteten.

          Zu Beginn der neuen Bundesligarunde galt Paciência als dritter Stürmer, nachdem die Büffelherde gegangen war und Silva sowie Bas Dost gekommen waren. Aber die beiden Neuen benötigten ihre Auszeiten, wegen Verletzungen und der Umstellung auf die ungewohnten athletischen Anforderungen, die die höchste deutsche Spielklasse an Profis stellt. Und der, der immer konnte, weil er fit war, war nun mal Goncalo Paciencia.

          Der 25 Jahre alte Portugiese war nicht nur dabei, sondern mittendrin im Geschehen. Er überraschste mit konstant guten Leistungen und seiner Treffsicherheit. Selbst Trainer Hütter wirkte vom Aufstieg Paciências ein wenig verblüfft. „Er macht es derzeit sehr gut. Aber man darf nicht vergessen, dass er im letzten Jahr unser vierter Stürmer war“, schwächte der Österreicher noch vor knapp zwei Wochen die Lobhudelei einiger Journalisten ab. In seiner Formulierung schwang ein bisschen Ungläubigkeit mit, dass Paciência sein neues Niveau würde halten können. Inzwischen hat der Portugiese auch noch gegen die Bayern getroffen.

          Es gibt eigentlich nur zwei Anlässe, Paciência Skepsis entgegenzubringen. Einerseits seine Vergangenheit, andererseits seine wenig ausgeprägte Grundschnelligkeit. Paciência, wie Silva in der Akademie des Spitzenklubs FC Porto ausgebildet, vermochte sein Talent in der Heimat nie nachzuweisen. Nach einer guten Saison in seinem letzten Juniorenjahr im B-Team des FC Porto und in der U-21-Nationalmannschaft scheiterte er nicht nur beim Schritt in die Profielf seines Stammklubs, sondern vermochte auch als Leihspieler für Coimbra, Rio Ave, Olympiakos Piräus und Setubal nicht zu überzeugen. Es spricht für das Auge und die Kompetenz der Eintracht-Scouts, dass sie dennoch Paciência empfahlen, der es nie geschafft hatte aus dem Schatten seines Vaters zu treten. Domingos Paciencia wurde sieben Mal mit dem FC Porto Meister und bestritt 34 Länderspiele.

          Mittlerweile ist jeder bei der Eintracht davon überzeugt, dass die drei Millionen Euro Ablöse für den Angreifer ein Schnäppchenpreis gewesen sind. Paciência ist zwar in Frankfurt nicht zum Sprinter geworden, aber seine Stärken am Ball sind vielfältig und kompensieren die eine Schwäche. Der Portugiese kann einem Gegenspieler nicht weglaufen, aber auf engstem Raum ausspielen, weil er eine außergewöhnliche Ballbehandlung und viele gute Ideen beim Dribbling besitzt. Das bisschen Platz, den er sich verschafft, reicht ihm, um einen Mitspieler in Szene zu setzen oder selbst den Abschluss zu suchen. Oft spielt er den Ball auch – für den Gegner verblüffend – direkt mit der Hacke weiter. So wie vor dem 2:0 gegen die Bayern, das dann Sow erzielte. Und beim Torschuss zeigt Paciencia auch keine Nerven.

          Bleibt die Frage, wieso der Stürmer mit 25 diese Qualitäten zeigt, die er so lange nicht anwenden konnte? Die einfache Antwort: Weil er es darf. Paciencia war nach seiner Juniorenzeit kein einziges Mal Stammspieler. In Frankfurt fühlt er sich wohl und, nachdem er im Frühjahr gegen Hoffenheim in der Nachspielzeit den 3:2-Siegtreffer erzielt hatte, auch glücklich. „Seitdem weiß ich, dass sich die ganze harte Arbeit lohnt.“ Noch nie sei er körperlich so fit gewesen wie jetzt. „In Frankfurt ist das Training härter als viele Spiele in der portugiesischen Meisterschaft.“

          Paciencia ist sehr bewusst, dass sein Glück nicht von Dauer sein muss, dass es im Fußball schnell wieder abwärts gehen kann. Zum Beispiel, wenn die höher eingeschätzten Kollegen wieder fit sind. Ihn ficht das nicht an: „Ich brauche kein Komfortzone, ich brauche Konkurrenz, nur die treibt mich an meine Grenzen.“ Tore machen selbstbewusst.

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