https://www.faz.net/-gzn-9we61

Eintracht-Profi im Fokus : Das Problem des Mijat Gacinovic

  • -Aktualisiert am

Alles für die Eintracht: Mijat Gacinovic schreckt nicht davor zurück, den Leipziger Marcel Halstenberg zu bedrängen. Bild: dpa

„Tore sind nicht alles“: Dabei will Fußball-Profi Mijat Gacinovic mehr Tore schießen für Eintracht Frankfurt – in der Bundesliga und international. Wenn da nur sein Kopf nicht wäre.

          2 Min.

          Mijat Gacinovic hat spezielle Ansichten über Fußball. Zum Beispiel: „Tore sind nicht alles.“ Oder: „Wenn die Mannschaft gewinnt, sind alle Spieler gut, wenn die Mannschaft verliert, sind alle schlecht.“ Aus dem Zusammenhang gerissen, mögen die Postulate des seit wenigen Tagen 25 Jahre alten Mittelfeldspielers der Frankfurter Eintracht angreifbar erscheinen. Aber im Gesprächsfluss ergeben die Sätze ein schlüssiges Bekenntnis für seine charakteristische Art und Weise Fußball zu spielen.

          Bundesliga
          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Im Profigeschäft Fußball gibt es in einem Kader Egoisten, die ihren Beruf wie eine Ich-AG betreiben, solche, die immerhin Gedanken an die Gemeinschaft verschwenden, solange es ihrem eigenen Fortkommen nicht schadet, dann die Spieler, die ihr Tun vornehmlich in den Dienst der Mannschaft stellen. Und es ist da noch Mijat Gacinovic, der Altruist.

          Der serbische Nationalspieler liefert in jedem Match unzählige Beispiele seiner Selbstlosigkeit. Wie er versucht, einem marginal besser postierten Mitspieler den Ball zuzuschieben, obwohl er selbst freie Schussbahn auf das gegnerische Tor hat. Wie er den Ball zum Nebenmann abgibt, obwohl er den Raum für ein spektakuläres Dribbling hätte, wie er als erster Verteidiger am gegnerischen Strafraum den ballführenden Gegner attackiert, wie er zig Meter nach hinten sprintet, um noch einen Gegner einzuholen, wie er ohne realistische Chance an den Ball zu kommen auf einen Gegner zuläuft, nur um dessen Vorwärtsdrang ein wenig abzubremsen, damit die Kollegen hinter ihm ein bisschen Zeit gewinnen, sich in der Abwehr zu sortieren. Mijat Gacinovic lässt nicht nur keinen Mitspieler im Stich, er opfert sich oft für sie auf.

          Er könnte noch erfolgreicher sein

          Er weiß, dass er mit einem anderen Fußballverständnis seine persönliche Karriere noch erfolgreicher sein könnte, aber er kann nicht aus seiner Haut. Seine vielen Flüchtigkeitsfehler und falschen Entscheidungen, die manchen Fan auf die Palme gebracht haben, ärgern ihn selbst am meisten. Aber obwohl er erkannt hat, dass ein weniger an Sprints zu einem Mehr an Übersicht führen würde, ändert er seine Spielweise nicht. „Ich will überall dort sein, wo ich der Mannschaft helfen kann“, sagt der Mittelfeldspieler, den seine Umtriebigkeit an alle Ecken des Spielfeldes führt, einerlei, ob der Trainer ihn im defensiven, im zentralen oder im offensiven Mittelfeld positioniert.

          Im Spiel gegen Augsburg (5:0) rannte Gacinovic unverzagt 67 Minuten lang, obwohl ihn eine Magenverstimmung plagte. Auf dem Weg zur Kabine in der Halbzeitpause musste er sich sogar übergeben. Dennoch machte der Serbe weiter. „Ich fühlte mich dadurch ein bisschen besser, ich war ja auch leichter.“ Erst nach 67 Minuten beendete er seine Leidenszeit. „Ich hatte Angst, ich müsste wieder brechen und außerdem stand es ja schon 3:0.“

          Sein Fleiß und seine Hilfsbereitschaft machen ihn innerhalb der Mannschaft äußerst beliebt, die Kollegen verzeihen ihm jeden Fauxpas, nur vor dem Tor sollte Gacinovic nach dem Geschmack aller ein bisschen mehr Gefahr entwickeln. Drei Treffer in 106 Bundesligaspielen sind eine ziemlich schwache Erfolgsquote für einen Profi, der vornehmlich in der Offensive wirkt. Ob er mittlerweile Angst vor dem Tore schießen hat und deshalb so häufig die Verantwortung an einen nächsten delegiert? „Nein, ich will Tore schießen, aber ich denke zu viel dabei nach. Ich sollte entspannt sein, dann würden die Tore von alleine kommen. Aber ich kann nicht entspannt sein, wo ich doch weiß, dass ich so lange nicht mehr getroffen habe.“

          Während der offenen Selbstreflexion schimmert trotz des negativen Themas sein Selbstbewusstsein durch. „Ich weiß, ich kann mehr Tore schießen, in Serbien habe ich es auch gemacht. Vielleicht muss ich nur das erste schießen, dann kommen auch die anderen.“ Und dann fällt der Satz: „Tore sind nicht alles.“ Gacinovic kann seinen Wert für die Mannschaft gut einschätzen. „Ich bin zufrieden, wie ich im Moment spiele, aber natürlich ist auch noch Luft nach oben.“ Nicht nur beim Toreschießen, wie er sagt. Am wichtigsten sei es, dass alle für die Mannschaft spielten. Nach Gacinovics Verständnis macht es keinen Sinn, wenn der Einzelne glänzen will: „Wenn wir gewinnen, sind wir alle gut. Wenn wir verlieren, sind wir alle schlecht, nicht der eine ein bisschen besser als der andere.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Fenster und ein Telefon: gerade die zwei vielleicht wichtigsten Verbindungen zur Außenwelt

          Isolation an den Feiertagen : Wie Corona unserer Psyche schadet

          Ein Ende der sozialen Isolation ist vorerst nicht in Sicht. Nun müssen wir auch noch die Feiertage ohne Freunde und Familie überstehen. Was macht das mit uns? Über ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.