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Nia Künzer zum FFC-Abschied : „Wolfsburg von der Spitze abzulösen wird sehr schwer“

  • -Aktualisiert am

Erfolgsgarantin mit Wehmut: Nia Künzer war bei allen Meistertiteln des FFC dabei. Bild: Picture-Alliance

Der FFC ist Geschichte, die Zukunft im Frankfurter Frauenfußball ist die Eintracht: Nia Künzer spricht im Interview über das Ende ihres Klubs, die Chancen des neuen und ihre Langzeitschäden als Profi.

          3 Min.

          Wenn Sie die aktuelle Titelschwemme des VfL Wolfsburg im Frauenfußball betrachten, kommen dann Erinnerungen an die beste Zeit des 1. FFC Frankfurt bei Ihnen hoch?

          Ja, weil die Wolfsburgerinnen gerade den ein oder anderen Rekord von uns damals einstellen. Ich empfinde immer noch Stolz über die damaligen Erfolge. Dass wir mit dem FFC nicht nur eine steile Entwicklung genommen haben, sondern uns über solch einen langen Zeitraum vorne behaupten konnten. Und zwar als reiner Frauenfußballverein. Wir hatten tolle Spiele, tolle Spielerinnen und tolle Feiern.

          Sie haben zwischen 1999 und 2008 mit dem FFC je sieben deutsche Meistertitel und Pokalsiege sowie drei Europapokaltriumphe erreicht. Gab es damals ein Gefühl der Unverwundbarkeit?

          Nein, wir haben die Erfolge nie als selbstverständlich erachtet. Wir haben ja, auch wenn dies in der Rückschau etwas verschwimmt, nicht immer überragenden Fußball mit hohen Siegen gespielt. Wir standen mit unseren prominent besetzten Mannschaften, die häufig als Titelverteidiger angetreten sind, definitiv unter Druck.

          Kann die Frankfurter Eintracht nach der Fusion mit dem FFC die Frauenfußball-Spitze aufmischen?

          Ich glaube schon. Noch nicht kurzfristig, weil es dafür Zeit und den entsprechenden Kader braucht. Aber auf Sicht kann die Eintracht die Topklubs Wolfsburg und Bayern sicher ärgern. Zunächst vermutlich eher punktuell in K.-o.-Spielen im Pokal und in den direkten Duellen in der Meisterschaft. Denn die große Kunst ist es, konstant, mit kaum Ausrutschern, auf hohem Niveau die Siege einzufahren.

          Und auf mittlere und lange Sicht?

          Da kann sich die Eintracht über den dritten Tabellenplatz, der von der neuen Saison an für die Teilnahme an der Champions League berechtigt, nach oben orientieren. Man darf aber nicht vergessen, dass in Wolfsburg herausragende Arbeit geleistet wird. Sie schaffen es dort, deutsche Topspielerinnen anzulocken und zu halten. Den VfL von der Spitze abzulösen wird sehr schwer.

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          Was haben Sie als langjährige FFC-Protagonistin empfunden, als Ende Juni die Vereinsgeschichte endete?

          Ein bisschen Wehmut war dabei. Obwohl ich den Schritt hinüber zur Eintracht als alternativlos betrachte. Weil ich gesehen habe, wie zunehmend schwerer es geworden ist, als reiner Frauenfußballklub perspektivisch noch eine gute Rolle zu spielen. Wie zunehmend schwerer es geworden ist, die professionellen Rahmenbedingungen zu schaffen, welche Lizenzvereine einfach schon mitbringen. Man konnte die Befürchtung haben, dass der FFC künftig sportlich im Niemandsland gelandet wäre und finanziell die Belastungen irgendwann nicht mehr hätte stemmen können.

          In Sachen Budget dürfte sich die Eintracht in der neuen Saison gleich im oberen Tabellendrittel einsortieren.

          Bislang wirkt der Fusionsprozess sympathisch und zielgerichtet. Zumal die Eintracht ja zuvor schon eine Frauenfußball-Abteilung mit Drittligateam gehabt hat. Ich hoffe, dass der Wille erkennbar wird, dies ernsthaft und seriös anzugehen und nicht nur um einfach eine schmückende Erstliga-Frauenmannschaft zu haben.

          Es gibt einige Negativbeispiele von Lizenzvereinen, bei deren Frauenteams es an sportlicher und finanzieller Unterstützung erheblich mangelt.

          Ja, und das ist sehr schade, weil große Chancen vergeben worden sind. Bei der Eintracht scheint alles angerichtet für eine gute Rolle, aber das gilt es im Detail erst noch zu beobachten. Schalke 04 hat zum Beispiel gerade die andere Variante gewählt und fängt klein an. Dort und anderswo ist es zumindest zweifelhaft, ob Ambitionen für Leistungsfrauenfußball bestehen. Es braucht im Frauenfußball längst professionelle Rahmenbedingungen, um Erfolg haben zu können. 

          Ohne Sie auf dem Platz konnte der FFC nie deutscher Meister werden. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass der Titel im Rahmen des „Triples“ 2008 der letzte der Vereinsgeschichte bleiben würde?

          Das war damals natürlich nicht absehbar. Aber es wurde damals schon schwieriger, sich so exponiert an der Spitze zu behaupten. Es begann schon die Tendenz, dass sich Lizenzvereine stärker engagierten. Und dass der in etwa konstant gebliebene Etat des FFC irgendwann nicht mehr reichte für hochklassige Neuverpflichtungen. Das „Triple“ 2008 war aber natürlich noch mal ein Ausrufezeichen.

          Sie haben in Ihrer aktiven Karriere vier Kreuzbandrisse erlitten. Können Sie Amateuren wie Profis Hoffnung machen, dass später dennoch ein relativ beschwerdefreies Leben möglich ist?

          Ich kann nicht behaupten, dass ich keine Langzeitschäden davongetragen habe. Mit jedem Kreuzbandriss wird auch das restliche Knie in Mitleidenschaft gezogen. Gewiss war damals nicht jede Entscheidung vernünftig, aber richtig bereuen tue ich es auch nicht. Denn ich hatte das Glück, nach dem dritten Kreuzbandriss noch Weltmeisterin werden zu können. 

          Ihr Golden Goal per Kopf zum WM-Titel 2003 ist ins kollektive deutsche Fußballgedächtnis eingegangen. Welche Rolle spielt das heute noch?

          Ich werde mittlerweile häufiger auf meine Rolle als Expertin in der ARD angesprochen als auf dieses Tor, was ja mittlerweile auch schon ein paar Tage zurückliegt. Ich denke aber immer wieder gerne an diesen Moment zurück. Besonders wenn ich Mitspielerinnen von damals treffe. Beispielsweise Renate Lingor, die die Freistoßflanke gegeben hat. Wir hatten damals eine lustige Zeit gemeinsam.

          Sie sind aktuell im Regierungspräsidium Gießen Leiterin eines Dezernats in der Abteilung für Flüchtlingsangelegenheiten. Würden Sie gerne wieder im Frauenfußball tätig werden?

          Die Position im Regierungspräsidium ist herausfordernd, der Arbeitsbereich sehr komplex und dynamisch. Ich arbeite dort mit einem tollen Team aus circa 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Da passt schon sehr viel. Auf einer spannenden Position, mit der sich etwas bewegen lässt, kann ich mir grundsätzlich auch vorstellen, operativ im Frauenfußball zu arbeiten. Fußball ist immer noch meine Leidenschaft. Und sicher habe ich einiges, was ich einbringen könnte.

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