https://www.faz.net/-gzn-a0ql1

Aus FFC wird Eintracht : Als neue Frankfurter Marke zurück nach oben

  • -Aktualisiert am

Die letzte von fast 20 ganz großen Trophäen: 2015 gewinnt der FFC Frankfurt (mit Spielführerin Kerstin Garefrekes am Pokal) noch einmal die Champions League. Bild: dpa

Ein „Vorzeigemodell“ im Frauenfußball: Der erfolgreichste deutsche Klub FFC Frankfurt geht in der Eintracht auf. Mit Unterstützung des Männer-Bundesligaklubs wollen die Hessinnen wieder angreifen.

          3 Min.

          Die Geschichte des erfolgreichsten deutschen Frauenfußballklubs begann mit einem Tennismatch. Auf der einen Seite des Netzes stand Monika Staab, Trainerin des Frankfurter Bundesligaklubs SG Praunheim. Auf der anderen Seite Siegfried Dietrich, gelernter Physiotherapeut, der zuvor seine Managerfähigkeiten entdeckt hatte und erfolgreich Eiskunstlauf-Galas organisierte. Anschließend wurde die Trainerin samt Mannschaft zu einer Eiskunstlauf-Veranstaltung eingeladen und Dietrich zu einem Frauenfußballspiel. Dort wunderte er sich, dass zum Gastspiel des FC Bayern München auf der Anlage am Praunheimer Hohl zwar 2500 Zuschauer kamen, aber nirgends eine Werbebande zu sehen war.

          Also ließ Dietrich seine Kontakte spielen – und kurz darauf stand hinter jedem Tor eine Bande. Dietrich dachte, dass damit sein Engagement für den in den neunziger Jahren weithin belächelten Frauenfußball beendet sei. Monika Staab aber sagte: „Das war erst der Anfang, Siggi!“ Und sie sollte recht behalten. „Es ist“, sagt Dietrich, „ein Leben mit und für den Frauenfußball daraus geworden.“

          Bei den Heimspielen der Praunheimerinnen fand sich nunmehr ein VIP-Raum mit Catering, in dem (mögliche) Sponsoren verköstigt wurden. Es war Pionierarbeit in der Fußballnische. Aus der SG Praunheim wurde, der besseren Sichtbar- und Vermarktbarkeit wegen, im August 1998 der 1. FFC Frankfurt. Monika Staab gehörte zu den Gründungsmitgliedern, Dietrich wurde Mitglied Nummer sechs.

          Die Geister, die Dietrich rief

          Es war der Startschuss für eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Die am 30. Juni nach sieben deutschen Meistertiteln, neun Pokalsiegen und vier Europapokal-Triumphen formal zu Ende geht, in Wahrheit aber nach 20 Trophäen in 22 Jahren einen neuen, kraftvollen Impuls erhält. Denn aus dem einstigen Dauerprimus ist in den vergangenen Jahren eine nur noch mittelgroße Bundesliganummer geworden. Als reiner Frauenfußballklub rechts und links überholt von den zahlungskräftigen Lizenzvereinen VfL Wolfsburg und Bayern München, auch die TSG Hoffenheim setzt gerade zum Sprung an. Mittlerweile chancenlos mit dem seit Jahren unveränderten Budget zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Euro gegen vom Männerbereich quersubventionierte Gegner.

          Mundschutz, aber ganz sicher kein Maulkorb: FFC-Investor Siegfried Dietrich bleibt auch bei der Eintracht eine starke Stimme des Fußballs der Frauen.
          Mundschutz, aber ganz sicher kein Maulkorb: FFC-Investor Siegfried Dietrich bleibt auch bei der Eintracht eine starke Stimme des Fußballs der Frauen. : Bild: Picture-Alliance

          Die Geister, die Dietrich als umtriebiger Macher über die Vereinsgrenzen hinweg rief, als er jahrelang die Männervereine zu mehr Engagement im Frauenfußball aufforderte, haben ihn und den FFC längst eingeholt. Doch nun schlägt der 63-Jährige sozusagen zurück. Nach mehrjährigem Werben um die Gunst der Verantwortlichen der Frankfurter Eintracht wird der FFC am 30. Juni aus dem Vereinsregister gelöscht und geht in dem großen Nachbarn auf. Die Ironie der Geschichte: FFC-Mitglied Nummer sechs, Dietrich, hielt einst 1999 bei einer gemeinsam besuchten Veranstaltung Fredi Bobic einen Mitgliedsantrag entgegen. Der damalige Bundesliga-Stürmer wurde FFC-Mitglied Nummer elf – und ist nun als Eintracht-Sportvorstand Wegbereiter des Zusammenschlusses gewesen.

          Der DFB ist froh

          Die Fusion soll den Frankfurter Frauenfußball sportlich flott wieder aufpäppeln. Das Nahziel: wieder international zu spielen. Das mittelfristige Ziel: den Wolfsburgern und Bayern die nunmehr jahrelange Vorherrschaft abspenstig zu machen. Noch, so ist aus der Branche zu hören, konkurrieren die Hessen nicht mit den großen zwei auf dem Transfermarkt um neue Spielerinnen. Der Kurs der Eintracht, mit dem Knowhow, dem Netzwerk und der jungen, talentierten FFC-Mannschaft eine kraftvolle, neue Marke zu schaffen, wird allgemein begrüßt. „Ich bin mir sicher, dass die Eintracht und der FFC unter einem Dach Großes schaffen werden“, sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Sichern Sie sich alle aktuellen Informationen und Hintergründe zur Präsidentenwahl

          Jetzt F+ für nur 1€/Woche lesen

          Fritz Keller, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), spricht von einem „Vorzeigemodell“, von dem er hofft, „dass weitere Klubs folgen und dadurch den Frauenfußball sportlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich voranbringen“. Zwar scheint sich derzeit sogar bei der bislang frauenfußballlosen Dortmunder Borussia etwas zu regen, doch es gibt auch etliche Negativbeispiele in der jüngeren Vergangenheit. Wie den Hamburger SV, der sein Team angeblich aus Kostengründen aus der Bundesliga abmeldete. Oder Borussia Mönchengladbach, das in der vergangenen Saison mit der Bilanz von einem Punkt und 7:110 Toren abstieg. Da kommt das ambitionierte Eintracht-Engagement gerade recht, um den schleichenden Bedeutungsverlust der Bundesliga im internationalen Vergleich, der auch an dem zuletzt schwachen Turnier-Abschneiden der Nationalmannschaft abzulesen ist, zu bremsen.

          „Mir geht es darum, dass der Frauenfußball irgendwann in der Wahrnehmung noch viel selbstverständlicher ist. Die Qualität auf dem Rasen ist deutlich gewachsen. Wir müssen jetzt schauen, dass wir die Professionalisierung im Umfeld weiter vorantreiben“, sagt Dietrich, der auch bei der Eintracht in führender Position weitermachen wird und unlängst als DFB-Ausschussvorsitzender Frauenfußball in der Corona-Krise die Liga einte und zum Weiterspielen animierte. Es war wieder mal so wie einst, als die Fäden im deutschen Frauenfußball in Dietrichs Büro in Frankfurt-Heddernheim zusammenliefen.

          Als der FFC noch eine Vormacht war, hatte er den anderen Vereinen von dort aus Crashkurse in Sachen Vermarktung gegeben und das Abc der PR vermittelt. Fürchten brauchte er sie lange nicht aufgrund von Topspielerinnen wie Birgit Prinz, Steffi Jones oder Nia Künzer in den FFC-Reihen. Ein Meilenstein war das siegreich gestaltete Europapokal-Finale 2008 gegen den schwedischen Klub Umea IK, als Dietrich alle Warnungen, der Frauenfußball sei dafür noch lange nicht reif, ignorierte, das Rückspiel in Eigenregie in der Frankfurter WM-Arena organisierte und 27640 Zuschauer einen neuen Europarekord bedeuteten.

          Dietrich war der FFC, und der FFC war Dietrich. Sein Modell, die Geschicke des Klubs als Investor, Manager, Marketingmann und Pressesprecher in Personalunion zu leiten, war so speziell, dass er sein sportliches Lebenswerk wohl kaum geordnet in andere Hände hätte übergeben können. Nun wirkt das Dach der Eintracht wie ein sicherer Hafen für sein „FFC-Baby“, wie Dietrich manchmal sagt.

          Weitere Themen

          Nagelsmann nimmt es sportlich

          0:5-Niederlage in Manchester : Nagelsmann nimmt es sportlich

          Nach der Packung in der Champions League nimmt RB Leipzigs Trainer Nagelsmann seine Spieler in Schutz. Das „Lehrgeld“ will er nehmen, damit sie es künftig besser machen. Kritik übte er dann aber doch.

          Gladbach empfängt Real Video-Seite öffnen

          Fußball : Gladbach empfängt Real

          Borussia Mönchengladbach und Trainer Marco Rose freuen sich auf das Heimspiel gegen Real Madrid mit Trainer Zinedine Zidane. Marco Rose sagt, sein Team wolle gut spielen.

          „Das ist sehr, sehr gut“

          Dortmund besiegt Zenit 2:0 : „Das ist sehr, sehr gut“

          Nach der Niederlage zum Start bei Lazio Rom war beim BVB „Druck auf dem Kessel“. Die Dortmunder lösen die knifflige Aufgabe gegen Zenit St. Petersburg, obwohl der Gegner eine besondere Taktik anwendet.

          Topmeldungen

          Oberster Mahner aus Bayern: Markus Söder (CSU)

          Kanzlerkandidatur der Union : Söders Dilemma

          Vergrößert der Streit in der CDU die Chancen des CSU-Vorsitzenden auf die Kanzlerkandidatur? Sie wäre für den bayerischen Doppelmonarchen mit erheblichen Risiken verbunden.
          Logo des Online-Konzerns Amazon

          F.A.Z. exklusiv : Wettbewerbsverfahren gegen Amazon und Apple

          Das Bundeskartellamt nimmt die beiden Internetriesen ins Visier: Dabei geht es um Kooperationen von Amazon mit einigen Händlern auf seiner Plattform. Deshalb gerät auch Apple in den Blickpunkt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.