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Gewalt im Fußball : Verwirrte Geister im Stadion

  • -Aktualisiert am

Fans von Antwerpen brennen Feuerwerkskörper im Fanblock in Frankfurt ab. Bild: dpa

Rund um das Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und Antwerpen kracht es gewaltig. Wieso kamen in Corona-Zeiten so viele belgische Fans? Es ging um Rache. Der Fußball zeigt seine hässliche Fratze.

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          Der Fußball hat am Donnerstag wieder seine hässliche Fratze gezeigt. Der Polizeibericht rund um das Europa-League-Spiel der Frankfurter Eintracht gegen den FC Antwerpen führt die Vergehen und Straftaten detailgenau auf, sie reichen von Scharmützeln und Gewalttaten gegenüber der Polizei und dem Ordnungspersonal bis zum Abfeuern und Abbrennen von Feuerwerkskörpern und Pyrotechnik im Stadion, auf dem Weg zur Arena und auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt. Die Millionen Zuschauer an den Fernsehschirmen bekamen vom Geschehen die Detonation von zwei Böllern und das Entzünden von etwa 30 rot glühenden Bengalos mit.

          Europa League

          Für die allermeisten Vergehen waren Begleiter des belgischen Traditionsklubs verantwortlich, insgesamt hatten sich etwa 1000 auf den Weg nach Frankfurt gemacht. Wieso so viele in Zeiten von Corona? Es ging um Rache. Denn im Hinspiel in Antwerpen hatten Eintracht-Ultras und ihnen nahestehende Gruppen den Fehdehandschuh geworfen. Mehrere Hundert Frankfurter demonstrierten ihre geballte Macht unter anderem darin, dass sie eine populäre FC-Fankneipe aufmischten.

          Dass die Belgier dies nicht auf sich sitzen lassen würden, war allen Experten klar. Die Polizei bereitete sich gewissenhaft auf die Auseinandersetzung vor und mobilisierte ein großes Aufgebot an Sicherheitskräften, es waren auch mehrere Wasserwerfer im Einsatz. Damit konnte eine größere Eskalation der Gewalt verhindert werden, aber nicht jede Gewalttat. Dazu war die Zahl der Krawallmacher und deren kriminelle Energie zu groß.

          Um eine Strategie der Nulltoleranz durchzusetzen, hätte die Wahl der polizeilichen Mittel wohl unverhältnismäßig sein müssen. Dies ist auch die Antwort auf die Frage, wieso es den Übeltätern überhaupt gelingen kann, Pyrotechnik auf die Tribünen zu schmuggeln. Um alle Pyrostifte in der Größe eines dicken Filzstiftes finden zu können, müssten sich die Zuschauer bei den Eingangskontrollen vor den Kontrolleuren nackt ausziehen.

          „Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn“

          Als Erfolg konnte die Polizei für sich verbuchen, dass sie das Aufeinandertreffen von Antwerpener und Frankfurter Radaubrüdern verhinderte. Was ihr insofern erleichtert wurde, als die Frankfurter Ultras in Corona-Zeiten nicht das Stadion betreten, weil sie ansonsten Angaben zu ihren Personalien machen müssten. Sie beschränken ihre Aktivitäten bei Heimspielen auf Treffen auf dem Parkplatz Gleisdreieck. Nur bei ausgewählten Auswärtsspielen, siehe Antwerpen, intensivieren sie ihr Programm.

          Es waren also keine Angehörigen von Ultra-Gruppen, die die beiden Böller in der Frankfurter Fankurve zündeten und Richtung Spielfeld warfen. Wer war es dann? Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um verwirrte Geister handelte, die Rache für Eintracht-Torwart Kevin Trapp üben wollten, dem in Antwerpen von Belgiern ein Böller zwischen die Beine geworfen worden war.

          Womit wir wieder bei dem Gedanken „Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn“ wären, der wesentlicher Bestandteil des kruden Ehrbegriffs von organisierten Fangruppen im Fußball ist. Man kann es nur als steinzeitlich bezeichnen, aber die Abgrenzungs- und Überlegenheitsrituale gegenüber anderen Rudeln machen vor der Ausübung von Gewalt nicht halt.

          Deshalb besteht keine große Hoffnung, dass wir irgendwann das hässliche Gesicht des Fußballs nicht mehr zu sehen bekommen. Es gehört dazu. Politik, Polizei und Vereine können sich nur bemühen, dass dieses Gesicht so selten wie möglich zum Vorschein kommt.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

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